Taliban erobern Kabul: 300.000 Soldaten ohne Widerstand

Kabul fiel binnen Stunden an 75.000 Taliban, trotz 300.000 afghanischer Soldaten. Die Armee hatte sieben Monate keinen Sold erhalten und leistete kaum Gegenwehr.

Deutsch · Ursprüngliche Diskussion auf Spanisch · Veröffentlicht

Taliban erobern Kabul: 300.000 Soldaten ohne Widerstand
Taliban in Kabul: 300.000 Soldaten ohne einen Schuss

Die afghanische Armee zählte etwa 300.000 ausgerüstete Männer und eine Luftwaffe. Die Taliban-Guerilla umfasste rund 75.000 Kämpfer. Es gab keine Schlacht um die Hauptstadt: Kabul fiel innerhalb weniger Stunden an einem Augustsonntag im Jahr 2021, während Tausende von Zivilisten am Flughafen versuchten, in jedes abfliegende Flugzeug zu kommen. Das Datum, das den Tag zusammenfasst, ist die Disproportion: auf der einen Seite zwei Jahrzehnte westliches Geld; auf der anderen Seite eine Aufstandsbewegung, die seit 30 Jahren Krieg führt.

Der Einmarsch der Taliban in die Hauptstadt wurde vom afghanischen Innenministerium selbst angekündigt. Zuvor waren Kandahar und Herat, die zweit- und drittgrößten Städte, sowie Ghazni und Masar-e Scharif gefallen. Der Anführer der Bewegung in Doha befahl seinen Kämpfern, Gewalttaten zu unterlassen, denen, die gehen wollten, die Ausreise zu ermöglichen und Frauen aufzufordern, sich in geschützte Gebiete zu begeben. Parallel dazu aktivierten die USA und andere westliche Länder die Evakuierung ihrer Diplomaten.

Warum leistete die afghanische Armee keinen Widerstand?

Diese Frage durchzieht die gesamte Debatte. Jahrelang wurde die Idee verkauft, dass die afghanischen Streitkräfte, ausgebildet und finanziert aus Washington, allein bestehen könnten. Es wurde berichtet, dass die afghanische Armee sieben Monate lang keinen Sold erhalten hatte und bei der Offensive nicht die benötigte Luftunterstützung bekam. Das Ergebnis war eine Massenflucht: ausgehandelte Kapitulationen, ganze Garnisonen, die zerfielen, und militärisches Material, das vor Ort zurückblieb.

Manche behaupten, diese 300.000 Soldaten seien nicht überzeugt gewesen, für ein westlich orientiertes und schlecht regiertes Afghanistan zu sterben. Die Armut war stark angestiegen, und viele verstanden, dass sie eine korrupte Regierung verteidigten, eine Marionette fremder Interessen. Andere Leser replizieren mit Sarkasmus, dass ein Arsenal ohne Munition, Ersatzteile oder Kampfmoral wenig nützt: kein Lohn, kein Kampf.

Geheimdienstschätzungen, die nie richtig lagen

Die offizielle Darstellung hielt bis zum Schluss daran fest, dass der Fall unvermeidbar sei. In einer Pressekonferenz versicherte der damalige US-Präsident, die afghanischen Truppen – seiner Meinung nach so gut ausgestattet wie jede Armee der Welt – könnten 75.000 Taliban aufhalten. Bis Juni ging eine weit verbreitete Einschätzung davon aus, dass Kabul sechs Monate halten würde. In der folgenden Woche wurde dies auf ein bis drei Monate revidiert. In den letzten 48 Stunden schrumpfte der Zeitraum auf 72 Stunden.

Die Realität übertraf alle Prognosen. Ein ehemaliger Offizier für Auslandseinsätze der CIA bezeichnete jene Rede als die „infamste und verheerendste“ Pressekonferenz, die je von einem US-Präsidenten gehalten wurde. Und es war nicht nur der Geheimdienst: Ein halbes Dutzend Analysten vor Ort wiederholten den Fehler mit erschreckender Sicherheit.

Woher kommen die Waffen und wer bezahlt sie?

Über den Ursprung des Arsenals kursieren mehrere Thesen. Die häufigste besagt, dass sich die Taliban von Kriegsbeute ernährt haben: Was die reguläre Armee zurücklässt, nehmen sie an sich. Ein Leser detailliert, dass auf Fotos die Kämpfer Gewehre mit dem Finger parallel zum Lauf halten, eine Haltung aus der westlichen Militärausbildung, und vermutet externes Training. Ein anderer erinnert daran, dass Pakistan historisch ein Schlüsselakteur in der Region war.

Die am häufigsten wiederholte Analyse ist die von Zbigniew-Brzezinski-Stil: Der Westen lässt den Verbündeten fallen, der ihm vertraut. Vietnam nochmal, fassen mehr als einer zusammen. Das von den USA an die afghanische Armee gelieferte Material – Fahrzeuge, Waffen, Drohnen – blieb vor Ort, was die Frage aufwirft, warum es nicht vor dem Rückzug zerstört wurde, wie es das Militärprotokoll verlangt.

Das Paschtunenvolk und der Mythos des Taliban, der aus der Wüste kommt

Die ausgearbeiteteste These der Debatte ist, dass die Taliban nicht „von nirgendwoher“ nach Kabul kamen: Sie waren bereits dort. Die Taliban sind fundamental das paschtunische Volk, die Mehrheit im Land. Zwanzig Jahre lang stützten sich ausländische Armeen auf Warlords und ethnische Minderheiten. Sobald sie abzogen, holten die Paschtunen ihre Gewehre aus der Truhe. Deshalb nahmen sie fast alle Städte gleichzeitig ein: Sie lebten darin.

Zu dieser Lesart kommt der demografische Faktor. Als die Amerikaner einmarschierten, hatte Afghanistan etwa 21 Millionen Einwohner; heute sind es rund 33. Mehr junge Menschen, mehr Arbeitslosigkeit, mehr verfügbare Rekruten. Andere replizieren, dass das Phänomen einfacher sei: Ein Land bewaffneter Stämme, dem man den äußeren Bremser wegnahm.

Die unbequeme Bilanz zweier Jahrzehnte

Der menschliche und wirtschaftliche Kostenfaktor des Westens wurde in einer Zahl erfasst: 104 getötete spanische Soldaten und über 3,5 Milliarden Euro Militärausgaben, wie das Material selbst zeigt, ein Opfer, das durch die Ereignisse infrage gestellt wurde. Das Bild der Besetzung verbessert sich nicht durch Korruptionsindizes: Transparency International platzierte Afghanistan auf Platz 150 seines Wahrnehmungsindex von 2020, eine Position, die der Zitierende als Verbesserung, nicht als Rückschritt interpretiert.

Der auffälligste Wirtschaftsfaktor kam danach. Nach dem Verbot des Schlafmohnanbaus durch die Taliban im April 2022 fiel die Opiumproduktion um etwa 95%. Der historische Höchststand lag 2017 bei 9.900 Tonnen, bewertet mit etwa 1,4 Milliarden Dollar, was 7% des afghanischen BIP entsprach. Die Paradoxie besteht darin, dass dieser Rückgang die humanitäre Krise eines Landes am Rande der Hungersnot verschärfte.

Der Tag danach: ISIS-K, Pakistan und China

Der Sieg der Taliban brachte keine Stabilität. Bald begannen die Angriffe von ISIS-K, dem afghanischen Ableger des Sarracinischen Staates: Autobomben in Badachschan, Angriffe neben dem Außenministerium, Explosionen in Takhar. Laut einem im Material zitierten hochrangigen US-Militärkommandanten könnte dieser Ableger innerhalb von sechs Monaten westliche Interessen in Europa und Asien treffen. Die Taliban reagierten mit Razzien und töteten Kommandeure der dschihadistischen Gruppe, was eine interne Kriegsfront hinzufügt.

Die Grenze zu Pakistan wurde zu einer weiteren Reibungsquelle: Schusswechsel, Schließung von Grenzübergängen und gegenseitige Warnungen. Saudi-Arabien und die Vereinigten Arabischen Emirate schlossen ihre Botschaften wegen dschihadistischer Bedrohungen. Und auf wirtschaftlicher Ebene verhandelt China Schutz für seine Staatsbürger gegen moderne Waffen, während einige Analysten warnen, dass das verlassene US-Arsenal in anderen Konflikten landet, einschließlich der Ukraine.

Was der hastige Ende offenlässt

Zum Zeitpunkt dieser Diskussion bleibt Afghanistan ein Land mit einer von kaum jemand anerkannten Taliban-Regierung, einer schweren humanitären Krise, wiederkehrenden dschihadistischen Angriffen und einer Bevölkerung, die in Millionenzahl unter der Armutsgrenze lebt. Die alte Debatte darüber, ob der Abzug ein ausgehandelter Rückzug oder eine bedingungslose Niederlage war, ist ungelöst.

Das Einzige, was unbestritten ist, ist die Szene am Flughafen: Menschen, die versuchten, sich an die Räder eines Militärflugzeugs beim Start zu klammern. Nach zwanzig Jahren Intervention und Milliarden Dollars, war das das vorhersehbare Ende vom ersten Tag an?

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Zusammenfassung einer Diskussion auf Burbuja.info - Foro de economía, actualidad y política., aus dem Spanischen übersetzt und vor der Veröffentlichung geprüft. Die ganze Diskussion lesen (7856 Antworten).

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