Dezentrale Speicherung: 300.000 Euro und viele Zweifel
Mit einem 19-jährigen Gründer und 300.000 Euro eingesammeltem Kapital ist das erste Problem nicht die Technologie. Es ist die Rechnung. Nach den im Umfeld des Projekts kursierenden Zahlen soll ein erheblicher Teil dieses Kapitals – rund 100.000 Euro – für den Kauf der Internet-Domain des Unternehmens ausgegeben worden sein. In der Branche wird diese Summe nicht als Investition gewertet, sondern als Warnsignal.
Der Gründer, der angeblich an der ESADE (einer renommierten spanischen Business School) ausgebildet wurde, hat bei denen, die seit Jahren beobachten, wie Startups Geld sammeln, um bereits funktionierende Konzepte neu zu erfinden, mehr Skepsis als Begeisterung ausgelöst.
Was ist dezentrale Speicherung und warum gab es sie schon vorher?
Auf dem Papier besteht die Dezentralisierung von Speicher darin, eine Datei in Teile zu zerlegen und diese auf den Festplatten anonymer Nutzer zu verteilen, die Platz gegen einen handelbaren Token zur Verfügung stellen. Das klingt neuartig, bis man sich die Liste der bestehenden Akteure ansieht. Es gibt mindestens zehn Projekte – IPFS, Filecoin, Siacoin und das sogenannte Internet Computer Protocol –, die genau dies seit Jahren versuchen, mit konkreten Angeboten statt halb fertigen Landingpages.
Ein wiederkehrender Kritikpunkt ist, dass die Website eine Registrierung über Google-Zugangsdaten verlangt. Einen Tech-Giganten zu verdrängen, indem man sich auf dessen eigenes Zugangssystem stützt, ist zumindest auffällig. Auch der Ton hilft nicht: Die öffentlichen Präsentationen wurden als arrogant und kindisch beschrieben, eher messianisch als ingenieurtechnisch.
Es gibt auch ein oft übersehenes Marktproblem. Wie ein Teilnehmer zusammenfasst, ist den meisten Kunden egal, ob ihre Daten dezentral gespeichert sind. Um Marktanteile zu gewinnen, muss man einen Vorteil bieten, den jeder versteht, so wie es Dropbox tat, als es 20 GB verschenkte, während die Konkurrenz nur eines bot. Dezentralisierung allein verkauft sich nicht.
Die Domain, die niemand versteht
Hier liegt der Punkt, der jeden verwirrt, der je investiert hat. Mehrere Teilnehmer weisen auf dieselbe Seltsamkeit hin: Eine .APP-Domain kostet deutlich weniger, sicher keine 100.000 Euro. Diese Summe hätte nur dann Sinn ergeben, wenn Verkäufer und Käufer dieselbe Person oder verbundene Gesellschaften gewesen wären, was dazu dienen könnte, sauberes Geld aus dem Projekt zu ziehen. Dies ist ein Verdacht, keine bewiesene Tatsache, aber er kursiert stark.
Man stelle sich die Reaktion eines Venture-Capital-Fonds vor. Ein Prüfer jedes institutionellen Investors sieht eine Rechnung dieser Größe und genehmigt sie selbst mit zwei Unterschriften nicht. Deshalb schließen viele, sobald das Detail bekannt wird, woher das Geld wirklich stammt. Das große Geschäft, sagen sie, machte derjenige, der die Domain verkaufte.
Woher kommen die 300.000 Euro?
Ein 19-Jähriger sammelt ohne vorherige Kontakte keine 300.000 Euro von professionellen Investoren. Die verbreitetste Hypothese ist die übliche: Familie, Freunde und Bekannte. Eltern mit Vermögen finanzieren den ersten Versuch, den zweiten und den fünften. In Barcelona gibt es eine Reihe solcher Projekte, die vier oder fünf Jahre überleben können, ohne einen Euro einzunehmen, während die Führungskräfte Gehälter im vierstelligen Bereich beziehen.
Das Problem dieses Schemas ist, dass niemand den Gründer unter Druck setzt. Wenn das Geld aus der Familie kommt, gibt es keinen Vorstand, der Rechenschaft verlangt, und keinen Investor, der die Notbremse zieht, wenn die Ausgaben explodieren. Risikokapital bringt zumindest einen Buchhalter mit, der am Checkbuch hängt.
Es wird auch darauf hingewiesen, dass der Nachrichtenartikel, der alles ins Rollen brachte, von einem Wirtschaftsmedium veröffentlicht wurde und von einigen direkt als bezahlter Advertorial im Auftrag des Beteiligten interpretiert wird.
Technische Zweifel: Was passiert, wenn Knoten offline gehen?
Über dem Modell schwebt ein grundlegendes Bedenken. In einem Peer-to-Peer-Netzwerk lädt man eine Datei herunter, die viele Leute wollen, und deshalb ist sie verfügbar. Hier hingegen ist man selbst der einzige Interessent an seiner Kopie. Wenn die Knoten, die Teile Ihrer Daten speichern, Privatcomputer sind und einige genau dann offline sind, wenn Sie sie brauchen, wo bleibt dann die Kopie?
Die Standardantwort ist Replikation: Speichern desselben Fragments an vielen Orten, um das Risiko zu minimieren. Das passt zur Theorie. In der Praxis verteuert es das System und löst das Grundproblem nicht, nämlich die Anreize: Niemand hat einen klaren Grund, die Datei eines anderen jahrelang zu horten.
Die Methode: Finanzierungsrunden sammeln und Geld verbrennen
Das Geschäftsmodell, falls man es so nennen kann, besteht darin, Finanzierung aufzunehmen. Eine Runde dient dazu, die nächste anzukündigen; das Produkt wartet derweil. Es ist eine heiße Kartoffel, die immer teurer weitergereicht wird, bis jemand die letzte bekommt und feststellt, dass darunter kaum Substanz war. Das ist keine neue Erfindung: Genannte Beispiele sind Gowex und WeWork.
Mit einer Technologie, die es seit Jahren gibt, einer Finanzierung fragwürdiger Herkunft und Ausgaben, die kein professioneller Investor genehmigt hätte, geht das Projekt dennoch voran. Vielleicht funktioniert es: Die Branche ist voll von Absurditäten, die zu ernsthaften Geschäften wurden, und ernsthafte Geschäfte, die im Nichts endeten. Vielleicht lautet die eigentliche Frage nicht, ob die Idee funktionieren wird, sondern wer die Party bezahlt, solange wir warten.
Zusammenfassung einer Diskussion auf Burbuja.info - Foro de economía, actualidad y política., aus dem Spanischen übersetzt und vor der Veröffentlichung geprüft.
Die ganze Diskussion lesen (107 Antworten).