Spaniens Systemgegner fürchten den Verlust ihrer Rente

Eine Debatte über die Bedeutung von Systemfeindschaft in Spanien enthüllt eine Paradoxie: Wer den Umsturz predigt, will weder seine Rente noch seinen YouTube-Kanal gefährden.

Deutsch · Ursprüngliche Diskussion auf Spanisch · Veröffentlicht

Spaniens Systemgegner fürchten den Verlust ihrer Rente
Der Systemgegner, der seine Rente nicht verlieren will

Es gibt eine Paradoxie, die jede Unterhaltung über den Antisystematismus durchzieht: Diejenigen, die am lautesten nach der Zerstörung der bestehenden Ordnung rufen, haben oft am meisten zu verlieren, wenn diese Ordnung zusammenbricht. In einem mehr als ein Jahr dauernden Nachrichtenaustausch debattierte eine Gruppe, die sich selbst als antisystematisch definiert, darüber, was es wirklich bedeutet, eine solche Haltung einzunehmen. Das Ergebnis war weniger eine Definition als vielmehr ein Porträt der Widersprüche.

Der Ausgangspunkt war eine ironische Beschreibung: Antisystematisch sein bedeutet, in einer linksenslink Partei aktiv zu werden, mit einem Mortadella-Sandwich und einer Fanta im Bus aus dem Dorf loszufahren und in einer anderen Stadt abgesetzt zu werden, um zu demonstrieren. Von dort aus fügte jeder Teilnehmer seine eigene Version hinzu. Einer der aktivsten Teilnehmer stellte klar: Er will die totale und absolute Zerstörung des Status quo, aller Institutionen und Gesetze. Aber als er gefragt wurde, warum er nicht selbst eine nationale Bewegung starte, war die Antwort Schweigen.

Der Salon-Antisystematiker und die Rente mit 61 Jahren

Die häufigste Anschuldigung war Feigheit. Es wurde darauf hingewiesen, dass jemand, der sich als Ideologe des Antisystematismus präsentiert, nichts aufs Spiel setzt: Mit 61 Jahren steht er kurz vor der Pensionierung, hat einen YouTube-Kanal mit fast 100.000 Abonnenten und verkauft Bücher auf einer multinationalen Plattform. „Rebelliert ihr, ich liefere die Ideen“, fasste eine Nachricht zusammen. Das Argument war, dass er nicht bereit ist, sein Vermögen, seine Freiheit oder seine Rente für die Sache zu riskieren, die er predigt.

Als Beispiel wurde Varg Vikernes genannt, der seinen Kanal verlor, weil er seine Gedanken ohne Umschweife äußerte. Auch Varela und David Irving wurden erwähnt, die wegen ihrer Ideen inhaftiert waren. Die implizite Frage lautete: Warum teilt der Ideologe nicht dasselbe Schicksal? Die gegebene Antwort war, dass er es vorziehe, den Weg aus der Distanz zu beleuchten, ohne sich die Hände schmutzig zu machen.

Was ist das System? Vom Tauschhandel zum Fiat-Geld

Eine der interessantesten Wendungen im Austausch war die Frage, was wir unter „dem System“ verstehen. Jemand wies darauf hin, dass das System mit der Industriellen Revolution beginne, als den Männern die Haare geschnitten wurden und sie wie Hühner angezogen wurden, um sie daran zu erinnern, dass sie Sklaven seien. Auch die Chartalistische Theorie, wonach Geld dasjenige ist, womit Steuern bezahlt werden, kam zur Sprache: Es wurde angemerkt, dass diese Erklärung erst auftaucht, wenn Fiat-Geld konsolidiert ist.

Die Diskussion wandte sich der Religion zu. Es wurde behauptet, das Christentum sei nichts weiter als eine Spaltung des Ntumsntumsntumsntums und die echten Religionen Europas seien die römische, griechische, nordische und vor-römische. Dem widersprach eine andere Stimme, die verteidigte, dass die Barbaren die griechisch-lateinische Kultur und das Christentum natürlich assimilierten, da sie viel brillanter und praktischer seien als ihre eigenen Bräuche. Der Begriff „Judäo-Christentum“ wurde als Neusprech des Systems bezeichnet, eine moderne Erfindung, die den Christen aufgezwungen wurde.

Das Standrecht und die Hausgemeinschaft

Ein weiterer Vorschlag war das Standrecht. Jemand erklärte, er würde sich damit zufriedengeben, woraufhin entgegnet wurde, dass dies nicht die Zerstörung des Systems sei, sondern genau das Gegenteil: eine erweiterte Versammlung der Hausgemeinschaft. Der Austausch mündete in eine Debatte darüber, ob eine Hausgemeinschaft dem Nachbargebäude den Krieg erklären könne. Die Schlussfolgerung war, dass man konspirieren und Vandalismus organisieren könne, aber das sei kein Standrecht.

Es gab auch Raum für prosaischere Definitionen. Es hieß, antisystematisch zu sein bedeute, keinen Sens zu haben, allen Verschwörungstheorien anzuhängen, dick und körperlich unattraktiv zu sein und die Tage damit zu verbringen, Computerspiele zu spielen und gegen alles zu protestieren. Oder eine fünfzigjährige Beamtin zu sein, die täglich stempelt, zu El Corte Inglés geht und religiös die PSOE (Sozialistische Arbeiterpartei Spaniens) wählt. Die Ironie richtete sich hier gegen die Teilnehmer selbst.

Der Antisystematiker, der einfach nur Ruhe will

Unter den ehrlichsten Definitionen tauchte eine auf, die die Erschöpfung vieler zusammenfasste: „Es gibt viele Arten, antisystematisch zu sein. Als junger Mann war ich Anarchosyndikalist. Jetzt bin ich ein Anarcho-Couch-Potato.“ Die Entwicklung vom jugendlichen Aktivismus zur erwachsenen Enttäuschung ist vielleicht das treueste Porträt dessen, was diskutiert wurde.

Ein anderer Teilnehmer trieb die Definition ins Extrem: Die einzigen echten Antisystematiker seien jene, die für die Reduzierung des Leidens eintreten, was unaufhaltsam zur Auslöschung aller empfindenden Lebensformen und zur Zerstörung der Erde führt, um sicherzustellen, dass das Leben Millionen von Jahren braucht, um wieder aufzutauchen. Eine Version des Antisystematismus, die zumindest kohärent mit der totalen Zerstörung ist, die andere nur predigen.

Die Schlacht bei Pavia und der König von Frankreich

Die Unterhaltung hatte auch Platz für Militärgeschichte. Es wurde über ein Lied diskutiert, das den Sieg in der Schlacht bei Pavia Georg von Frundsberg und seinen Landsknechten zuschreibt. Es wurde darauf hingewiesen, dass die Schlacht ein spanisch-deutscher Sieg war, die wichtigsten Kommandanten Spanier waren und Frundsberg, obwohl relevant, keineswegs der entscheidende Faktor war. Über ihm standen Markgraf Fernando de Ávalos, Markgraf Alfonso de Ávalos, Markgraf Antonio de Leyva und Graf Fernando de Andrade.

Die Debatte lenkte auf die deutsche Präsenz in der spanischen Geschichte. Jemand scherzte, dass in der Schlacht bei Pavia der einzige Deutsche Frundsberg gewesen sei, und dann mache ihn Wikipedia zum Protagonisten. Im Kern ging es darum, wie nationale Narrative konstruiert werden und wie Siege denjenigen zugeschrieben werden, die gerade passen.

Der Antisystematiker, der kein Märtyrer sein will

Die Schlussfolgerung aus dem gesamten Austausch ist, dass Antisystematismus heute ein Etikett ist, das sich jeder selbst anheftet. Manche wollen alles zerstören, aber ohne ihre Rente zu riskieren. Andere geben sich mit dem Standrecht zufrieden, auch wenn sie nicht genau wissen, was es ist. Andere sind einfach müde geworden und möchten lieber in Ruhe gelassen werden.

Die offene Frage bleibt, ob Antisystematismus mehr sein kann als eine Pose. Ob jene, die die totale Zerstörung des Systems predigen, bereit sind, etwas anderes als einen YouTube-Kanal zu riskieren. Oder ob, wie eine Nachricht nahelegte, der wahre Antisystematiker derjenige ist, der nichts zu verlieren hat – und solche Menschen werden immer seltener.

Was bleibt vom Antisystematismus, wenn der Prediger eine Rente zu schützen hat?

Auch verfügbar auf: English

Zusammenfassung einer Diskussion auf Burbuja.info - Foro de economía, actualidad y política., aus dem Spanischen übersetzt und vor der Veröffentlichung geprüft. Die ganze Diskussion lesen (110 Antworten).

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