Spaniens Mittelstand: Forum-Diskussion über den Mythos der sozialen Klasse

Ein Nutzer berechnet, dass nur 0,48 % der Spanier zur mittleren und oberen Schicht gehören. Der Rest sei arm oder prekarisiert.

Deutsch · Ursprüngliche Diskussion auf Spanisch · Veröffentlicht

Spaniens Mittelstand: Forum-Diskussion über den Mythos der sozialen Klasse
Spaniens Mittelstand im Streit: Kaum jemand glaubt daran

Eine Zahl, die in der Debatte kursiert, widerlegt die offizielle Erzählung in zwei Sätzen. Im Jahr 2022 wurden in Spanien 230.365 Steuererklärungen für die Vermögenssteuer (Impuesto sobre el Patrimonio) eingereicht. Bei einer Bevölkerung von etwas mehr als 48 Millionen ergibt dies laut dieser Berechnung einen Anteil der realen Mittel- und Oberschicht von rund 0,48 %. Der Rest, so argumentieren Kritiker, bestehe aus »Armen und Parias«. Die daraus gezogene Schlussfolgerung ist nicht soziologisch, sondern fast geografisch: Die Elite und Wohlhabenden würden in eine einzige Provinz passen, während der Rest des Landes ein Vorort wäre.

Die Diskussion beginnt mit einer einfachen Frage – Welche soziale Klasse hast du? – und endet in einer Abrechnung mit dem Begriff »Mittelstand«. Denn die meisten Antwortenden erkennen sich darin nicht wieder. Ein Ingenieur mit Doktortitel, sicherem Job und überdurchschnittlichem Gehalt ist sich sicher: Wenn er arbeiten muss, um zu leben, gehört er zur Unterschicht. Der Titel spielt keine Rolle, das Auto auch nicht.

Was definiert die soziale Klasse wirklich anhand des Einkommens?

Das dominierende Kriterium in der Diskussion ist nicht das Einkommensniveau, sondern die Abhängigkeit vom Lohn. Wer arbeiten muss, um essen zu können, ist kein Mittelstand, behauptet die am häufigsten vertretene Meinung: Er ist ein »Angestellter« mit einem besseren Auto als der Nachbar. Und wenn der Chef ihn feuert, landet er unter einer Brücke wie jeder andere. Das Eigenheim, das zweite Fahrzeug oder ein Gehalt leicht über Tarifvertrag ändern nach dieser These nichts an der Natur des Arbeitsverhältnisses.

Gegen diese These legt ein anderer Teil der Analyse den Fokus auf die finanzielle Flexibilität. Der echte Mittelstand – so wird argumentiert – lebt nicht von der Hand in den Mund und verschuldet sich nicht, um die Spielkonsole des Kindes zu bezahlen und dann monatelang abzuzahlen. Er lebt gut, gönnt sich Extras, hat am Monatsende Luft und kann die Ausbildung seiner Kinder finanzieren. Diese Definition ist anspruchsvoller als es scheint und schließt viele aus, die sich selbst zum Mittelstand zählen.

Die konkreten Fälle, die im Austausch geteilt werden, illustrieren die Verwirrung. Ein Ausbildungsleiter in einem Telekommunikationsunternehmen, verheiratet mit einer selbstständigen Kosmetikerin, mit zwei Wohnungen in Spanien und zwei in China, ohne Schulden, einem V6-Motor mit 200 PS und einer Harley im Garage, definiert sich ohne Zögern als Arbeiterschicht. »Der Mittelstand ist eine andere Ebene. Eine ganz andere«, schließt er ab. Am anderen Ende ordnet sich jemand mit zwei Autos, einem Motorrad, einer abbezahlten Wohnung und einer weiteren mit einer Hypothek unter 300 Euro monatlich in die untere Mittelschicht ein.

Vermögen als Grenze: Das 0,48 %, das tatsächlich zur Oberschicht gehört

Die Daten der Vermögenssteuer dienen denen, die sie anführen, als statistische Grenze. Sie sollen die Gesellschaft nicht beschreiben, sondern eine Illusion entlarven: Die Mehrheit derer, die sich für Mittelstand halten, sind es nicht, und die Mehrheit derer, die sich für gehobenen Mittelstand halten, ebenfalls nicht. Die Kluft zwischen Selbstwahrnehmung und tatsächlicher Position ist die unbequemste Erkenntnis des gesamten Austauschs.

Immobilien erscheinen als der große Trenner. Wer vor Jahren gekauft hat und Immobilien in einer Provinzhauptstadt besitzt, verfügt über ein Vermögen, das heute Jahrzehnten eines vollen Gehalts entsprechen würde, so eine Intervention. Wer nicht rechtzeitig gekauft hat, konkurriert mit einem normalen Gehalt um dasselbe. In dieser Lesart erzeugt nicht das Gehalt die Ungleichheit, sondern der Zeitpunkt des Einstiegs in den Immobilienmarkt und die Position bei Finanzanlagen.

Es gibt einen dritten Weg, der das ökonomische Schema bricht: Klasse als Wesensart, nicht als Portfolio. »Klasse hat nichts mit der Menge Geldes oder materiellen Gütern zu tun«, behauptet eine Intervention. Unter diesem Aspekt bleibt ein menschliches Wrack mit viel Cash dieselbe Person, nur mit teureren Dingen. Es ist eine unbequeme Definition, erklärt aber, warum so viele Menschen mit bescheidenem Vermögen ablehnen, das Etikett Unterschicht zu akzeptieren.

Warum der Bildungsgrad die soziale Klasse nicht mehr vorhersagt

Der Zusammenhang zwischen Bildung und sozialer Stellung ist nach Ansicht einiger Teilnehmer gebrochen. Ein Doktortitel und eine qualifizierte technische Stelle garantieren keine Zugehörigkeit zum Mittelstand, wenn das Gehalt dazu zwingt, zu arbeiten, um zu leben. Die Bildung ist nicht mehr der Aufzug, den die vorherige Generation versprach, und wer Jahre in seine Ausbildung investiert hat, stellt dies jedes Mal fest, wenn er seinen Lohnzettel betrachtet.

Parallel dazu beobachten einige das Phänomen des Gegenteils: Menschen mit geringer Schulbildung, die durch Erbschaft oder Glück ein Vermögen verwalten, das sie nach oben bringt, ohne ihr Verhalten geändert zu haben. Die soziale Klasse hat sich in dieser Lesart von Verdienst und Vorbereitung gelöst, was die Erzählung zerstört, die das Bildungssystem jahrzehntelang trug.

Die praktische Konsequenz, so die Debatte, ist, dass das Etikett »Mittelstand« immer mehr wie ein Placebo wirkt. Es dient dazu, dass sich jemand, der ein paar hundert Euro mehr verdient als sein Nachbar, wichtig fühlt, beschreibt aber keine reale Position in der Wirtschaftsstruktur. Das Ergebnis wäre ein Land, in dem sich kaum jemand in der Kategorie wiederfindet, die er offiziell bewohnt.

Der Fall Schweiz: Wenn der Mittelstand Namen und Adresse hat

Einer der auffälligsten Beiträge kommt von außerhalb. Ein Resident in der Schweiz beschreibt sich als liberaler Mittelstand: Eigentumswohnung in Zürich, während die Mehrheit mietet, Gehalt über dem helvetischen Durchschnitt, aber nicht auf dem Niveau der alteingesessenen Schweizer, die an der Universität Zürich studierten, und Familie mit nummerierten Konten und Barren im Bunker des Chalets mit Blick auf den See. Die Anekdote dient dazu, eine Idee zu illustrieren: In Spanien wäre er Oberschicht, aber in Spanien – fügt er hinzu – bald jede litauische Fachkraft zur Oberschicht gehören würde, sodass das Etikett jegliche Bedeutung verliert.

Der internationale Vergleich zeigt laut diesem Beitrag, dass der spanische Mittelstand per Default definiert ist, nicht durch Position. Es ist nicht so, dass er hier nicht existiert: Es ist so, dass die Schwelle für den Eintritt so stark gesunken ist, dass die Kategorie nicht mehr unterscheidet. Wenn jeder Angestellte mit Hypothek und Auto sie beanspruchen kann, unterscheidet das Etikett niemanden mehr.

Und was bleibt dann übrig? Ein Land, in dem laut der in der Debatte kursierenden Berechnung 0,48 % das Etikett Mittel- und Oberschicht konzentrieren, und der Rest verteilt sich auf jene, die glauben, etwas anderes zu sein, und jene, die mit Zahlen in der Hand aufgehört haben, es zu versuchen.

Auch verfügbar auf: English

Zusammenfassung einer Diskussion auf Burbuja.info - Foro de economía, actualidad y política., aus dem Spanischen übersetzt und vor der Veröffentlichung geprüft. Die ganze Diskussion lesen (150 Antworten).

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