Abgelaufene Mandate und Souveränität: Der Kampf um die Justiz
Es gibt ein Paradoxon, das den Zustand der spanischen öffentlichen Debatte zusammenfasst: Der Justiz wird vorgeworfen, illegitim zu sein, weil ihre Mitglieder Mandate mit abgelaufener Laufzeit haben, doch das Organ, das diese erneuern sollte, ist seit Jahren durch dasselbe politische System blockiert, das sie auch ernennt. Der Auslöser der Diskussion ist die Behauptung, dass eine Handvoll von Richtern, die von der PP (Volkspartei) ernannt wurden und deren Mandat bereits seit sieben Jahren abgelaufen ist, sich über die legislative und exekutive Gewalt hinwegsetzen wollen. Die Ausgangsthese ist deutlich: Wenn die nationale Souveränität beim Volk liegt und das Volk immer wieder denselben Präsidenten gewählt hat, sollte ein Richter mit abgelaufenem Mandat aus Anstand zurücktreten oder vom Parlament abgesetzt werden.
Der Vorschlag ist nicht neu, aber der Ton ist es. Es wird ein „radikaler“ Eingriff der Legislative gefordert, um das zu behandeln, was als Krankheit beschrieben wird, die das Land korrumpiert. Und genau hier beginnt das Problem: Das gleiche Instrument, das zur Sanierung der Justiz vorgeschlagen wird — dass das Parlament die Richter wählt — ist jenes, das laut einer anderen Analyse das System seit 1985 kontaminiert hat.
Was die Verfassung über Souveränität und die Justiz sagt
Das zugrunde liegende Argument ist, dass die nationale Souveränität beim Volk liegt und dieses Volk seine Regierung gewählt hat. Daraus wird gefolgert, dass ein nicht gewähltes Organ nicht den Volkswillen bedingen darf. Dies ist eine Lesart, die ein unbequemes Detail ignoriert: Die Verfassung selbst entwirft die Justiz als eine unabhängige Gewalt, gerade damit sie nicht dem Impuls der jeweils regierenden Mehrheit folgt.
Der Widerspruch lässt sich nicht durch Parolen lösen. Wenn das Parlament Richter absetzen kann, die ihm nicht gefallen, verliert die Justiz ihre Macht und wird zu einem Teil der Exekutive. Diejenigen, die ein parlamentarisches Eingreifen verteidigen, entgegnen, dass der aktuelle Stillstand bereits eine Form der Politisierung darstellt, nur in umgekehrter Richtung.
Der Ursprung des Problems: Die Reform von 1985
Hier wird die Debatte interessanter, denn es gibt Einigkeit über die Diagnose, aber Uneinigkeit über die Lösung. Vor 1985 wählten die Richter die Mitglieder des CGPJ (Rat der Generaljustiz) aus ihren eigenen Reihen. Dieses System garantierte, so wird argumentiert, besser die Unabhängigkeit des Organ zur Verwaltung der Richter.
Es war die PSOE (Sozialistische Partei), die das Modell 1985 änderte, indem sie ihre absolute Mehrheit nutzte, um ein Gesetz zu verabschieden, das dem Parlament den Schlüssel zur Wahl gab. Seitdem ist der CGPJ eine Verteilung zwischen den Parteien. Die alles durchdringende Frage ist einfach: Wenn das aktuelle System das Problem ist, warum wird dann vorgeschlagen, genau dieses System zu vertiefen?
Die Blockade der Erneuerung: Wer ist schuld?
Die offizielle Version der Blockade besteht aus zwei Erzählungen, die sich gegenseitig ausschließen. Die einen behaupten, die PP erneuere nicht, weil sie nicht bereit sei, Machtanteile in dem Organ zu verlieren. Andere behaupten, die PSOE sei vom Verhandlungstisch aufgestanden, nachdem durchgesickert war, dass die Sitzverteilung der PP die Kontrolle über die zweite Kammer der Audiencia Nacional (das Gericht, das hochrangige Beamte verhandelt) verschaffen würde. Die Diskussion wird so zu einem Austausch von Anschuldigungen darüber, wer zuerst die Karten gemischt hat.
Was beide Versionen gemeinsam haben, ist, dass die Erneuerung von einem Pakt zwischen denselben Parteien abhängt, die später die Politisierung kritisieren. Der CGPJ wird nicht erneuert, weil niemand einen unbequemen Schiedsrichter gebrauchen kann.
Justizreform: Die Vorschläge auf dem Tisch
Angesichts des Aufeinandertreffens der Blöcke kursieren konkrete Vorschläge, die versuchen, aus der Sackgasse auszubrechen. Der detaillierteste schlägt drei Schritte vor: Primärwahlen unter allen Richtern (sowohl assoziierten als auch nicht-assoziierten) mit offenen Listen, damit nur die zwölf meistgewählten das Kollektiv in ihrem Verwaltungsorgan vertreten; die direkte Wahl der höchsten Justizbeamten durch die betroffenen Richter selbst; und die Erhöhung der Investitionen in die Justiz auf 2 % des BIP, den europäischen Durchschnitt.
Das Paket hat eine interne Logik: Wenn das Problem darin besteht, dass Politiker die politisierten Personen auswählen, werden die Politiker aus der Gleichung entfernt. Der Einwand ist ebenso berechtigt: Kein System kann verhindern, dass Richter für diejenigen stimmen, die einer bestimmten politischen Strömung nahestehen.
Der Schatten des Francoismus und das Erbe-Argument
Ein Teil der Analyse behauptet, dass die Justiz weiterhin Erbin des Francoismus sei, genau wie die Monarchie, und dass ein „soziologischer Francoismus“ lebendig bleibe. Dies ist eine These, die immer wieder betont wird und dazu dient zu erklären, warum bestimmte gerichtliche Entscheidungen mit der Regierung kollidieren.
Die Antwort von der Gegenseite lautet, dass dieses Argument ein Vorwand sei, um jede nachteilige Entscheidung zu delegitimieren. Wenn jede unangenehme Entscheidung einem diktatorischen Erbe zugeschrieben wird, wird die Debatte über die Qualität der Justiz durch ein Etikett ersetzt. Und Etiketten reformieren nichts.
Europa als letzte Instanz
Unter den ausgearbeiteten Positionen findet sich ein Argument, das über die Grenzen Spaniens hinausblickt: Solange das Land in der Europäischen Union ist, kann jede Entscheidung spanischer Gerichte vor europäischen Instanzen angefochten werden. Wenn europäische Urteile die spanischen systematisch zu widersprechen begännen, müsste Brüssel reagieren.
Dies ist eine Argumentation, die das Problem an einen externen Schiedsrichter verlagert. Es ist auch ein impliztes Eingeständnis, dass das interne System nicht genügend Vertrauen schafft. Das letzte Paradoxon ist, dass die Legitimität der Justiz in denselben Begriffen diskutiert wird wie die der Regierung: danach, wer sie ernennt, und nicht danach, wie sie arbeitet. Währenddessen bleiben die Mandate abgelaufen.
Zusammenfassung einer Diskussion auf Burbuja.info - Foro de economía, actualidad y política., aus dem Spanischen übersetzt und vor der Veröffentlichung geprüft.
Die ganze Diskussion lesen (102 Antworten).