Spanien verliert 150 Milliarden an Talent und die Abwanderung beschleunigt sich
Vor acht Jahren löste die Ankündigung, zum Arbeiten in die Schweiz zu gehen, bei Familienfeiern noch Mitleid aus: „Armer Kerl, hat nichts anderes gefunden.“ Heute endet dasselbe Gespräch mit Bitten um Kontaktdaten und Fragen nach den Formalitäten. Dieser Wandel ist kein Zufall. Was früher als individuelles Missgeschick galt, hat sich zu einer kalkulierten wirtschaftlichen Entscheidung entwickelt, und die Zahlen geben denen recht, die ihre Koffer packen.
Der Wert des Humankapitals, das Spanien durch Emigration verliert, überstieg 2022 die Marke von 150 Milliarden Euro, ein Anstieg von 40 % gegenüber dem Niveau vor der Pandemie, so eine Studie des Instituto Valenciano de Investigaciones Económicas (IVIE) zusammen mit BBVA. Diese Zahl misst nicht, wie viele Menschen gehen, sondern wie viel die Ausbildung derer kostete, die abwandern. Anders gesagt: Ein gemeinsam finanzierter Vermögenswert wird kostenlos exportiert.
Wie viele Spanier wandern aus und wie viele kommen?
Die Fortschreibung der Bevölkerungszahl des INE registrierte im dritten Quartal 2023 einen Anstieg der spanischen Auswanderung in Nachbarländer um 74,5 %. Derselbe Dienst bestätigt, dass Spanien weiterhin mehr ausländische Einwohner als Staatsbürger zählt, die ins Land zurückkehren oder es verlassen. Auf den ersten Blick scheint die Gleichung aufzugehen: Leute gehen, Leute kommen, die Gesamtzahl bleibt stabil.
Das Problem liegt im Detail. Die Abwanderung steigt quartalsweise, während die Zuwanderung sich auf gering qualifizierte Berufe konzentriert. Dieser Austausch ist für die öffentlichen Haushalte nicht neutral. Ein Land, das Ingenieure, Ärzte oder Informatiker ausbildet und sie dann ins Ausland verliert, verzichtet auf den Teil dieser Investition in Bildung, der in den nächsten drei Jahrzehnten über Sozialversicherungsbeiträge und Steuern hätte zurückfließen sollen.
Warum sagt man, wer geht, ist nicht wer kommt?
Hier klafft die Lücke. Eine Seite der Analyse argumentiert, dass die Emigranten überwiegend Akademiker mit Erfahrung und hohen Beiträgen sind, während der Großteil der Zuwanderer in Sektoren mit geringer Wertschöpfung arbeitet. Daraus ziehen sie eine bittere Schlussfolgerung: Der Tausch nimmt Fachkräfte und bringt verfügbare Arbeitskraft, was nebenbei die Löhne niedrig hält.
Einwände kommen aus anderer Richtung. Viele, die in den Abwanderungsstatistiken als Spanier geführt werden, wären eingebürgerte Personen, die in ihr Herkunftsland zurückkehren oder ihre Migrationsroute fortsetzen, sodass der Exodus überschätzt wäre. Die Diskrepanz ist erheblich: Sie verändert die gesamte Diagnose. Und wer die erste These verteidigt, fügt oft hinzu: Wenn die Sache reversibel wäre, würde niemand darüber diskutieren.
Warum verdient ein Ingenieur jenseits der Grenze das Doppelte?
Weil das Lohngefälle zwischen Spanien und seinem unmittelbaren Umfeld für technische Profile immer noch enorm ist. Das häufigste Beispiel ist der Arbeitnehmer, dem sein eigenes Unternehmen anbietet, das Gehalt zu verdoppeln, wenn er nach Deutschland zieht – mit einem Satz, der die Logik der Stunde zusammenfasst: Hier muss man froh sein, was man hat; dort kann man wählen. Es ist keine isolierte Ausnahme, sondern ein Muster.
Die Konsequenz zeigt sich in den Hörsälen und Fluren der Ingenieursfakultäten. Wer ein Studium abschließt, geht davon aus, dass er hier schlecht bezahlt und ausgebeutet wird, und plant entsprechend. Der Rat, der unter denen, die diesen Schritt bereits getan haben, am häufigsten gegeben wird, ist wenig sentimental und sehr praktisch: Statt Praktika bei lokalen Firmen oder Masterabschlüsse zu sammeln, die im Ausland nicht anerkannt werden, sollte man diese Zeit in ein C1-Zertifikat für Englisch und ein B2 in einer weiteren Sprache investieren.
Es gibt zudem einen fiskalischen Effekt, den kaum jemand beim Essen erwähnt. Expatriate-Profile, die mehr als ein halbes Jahr oder drei von fünf Monaten im Ausland arbeiten, zahlen Sozialversicherung und Steuern im Wohnsitzland. Das sind tausende Euro monatlich, die nicht an den spanischen Fiskus fließen, sowie Familien, die sich im Ausland festigen, mit Kindern, die sich nicht mehr mit dem Herkunftsland identifizieren.
Schweiz: Vom Zielobjekt des Mitleids zur Heimat etablierter Communities
Das Ziel, das die meisten Gespräche auslöst, ist die Schweiz, und zwar nicht nur wegen der Gehälter. In Zürich und Basel gibt es bereits etablierte spanischsprachige Communities, eigene Feiern und ein Sozialleben, das vor zehn Jahren nicht existierte. Der Kanton Basel-Stadt, im deutschsprachigen Teil, steht auf jeder Liste derer, die den Sprung wagen.
Die Kehrseite ist weniger idyllisch. Manche warnen, dass Neuankömmlinge ohne Netzwerk in prekären Unterkünften landen und endlose Arbeitstage haben könnten, und erinnern daran, dass es auch dort segregierte Viertel und soziale Spannungen gibt. Rechtlich wird ein Detail hervorgehoben, das alles bestimmt: Die Zugehörigkeit Spaniens zum Schengen-Raum und die leichte Erlangbarkeit der spanischen Staatsbürgerschaft machen den Pass zu einem Tor zu einem viel reicheren Arbeitsmarkt – etwas, das ein Teil der Analyse als europäisches Konstruktionsproblem und nicht als Schweizer Problem sieht.
1995 hatte Spanien 36 Millionen Einwohner. 2023 waren es 48. Das Land bildet mehr Akademiker aus als je zuvor und kämpft seit 2007 mit stagnierenden Löhnen. Mit diesen Fakten auf dem Tisch lautet die Frage, die bei jedem Essen gestellt wird, nicht mehr, wie man die Abwandernden halten kann. Sie lautet: Wie lange dauert das Visum?
Zusammenfassung einer Diskussion auf Burbuja.info - Foro de economía, actualidad y política., aus dem Spanischen übersetzt und vor der Veröffentlichung geprüft.
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