Spanien rutscht wieder in die Gruppe der armen Länder

Das Pro-Kopf-Einkommen stagniert seit 1995, die Lücke zu den USA wächst auf 26.000 Dollar. Spanien ist erneut förderfähig für den Kohäsionsfonds.

Deutsch · Ursprüngliche Diskussion auf Spanisch · Veröffentlicht

Karte des BIP pro Kopf zeigt Spanien außerhalb der Ersten Welt

Eine Europakarte, eingefärbt nach dem BIP pro Kopf in Kaufkraftparität, fasst die Stimmung eines Landes zusammen. Spanien erscheint in Tönen, die das kollektive Gedächtnis dem Osten des Kontinents vorbehalten hatte; die im Thread wiederholte Diagnose lautet, dass das Land nicht zum Club der Ersten Welt gehört. Die Diskussion – seit über einem Jahr andauernd – bleibt nicht beim Farbton stehen. Sie fragt, wann der Platz verloren ging und wer ihn verlor.

Was misst das BIP pro Kopf in Kaufkraftparität?

Der Indikator misst nicht, wie viel Geld in die Tasche kommt, sondern was man damit innerhalb des jeweiligen Landes kaufen kann. Die verbreitete Erklärung ist so einfach wie treffend: Ein Gehalt von 1.000 Euro bei 2 Euro Benzinpreis und 800 Euro Miete bietet weniger Kaufkraft als ein Lohn von 600 Euro bei 0,30 Euro pro Liter und 200 Euro Miete. Die dickere Brieftasche kauft nicht immer mehr.

Daher wird die Karte so heftig diskutiert. Ein Teil hält sie grundsätzlich für falsch; ein anderer erinnert daran, dass das BIP alle zählt, auch Nichtarbeitende, und dieser Umstand jeden Vergleich pro Kopf verzerrt. Die Zahl wird ohnehin mit einem Skeptizismus gelesen, der nicht zufällig entsteht.

Spaniens Pro-Kopf-Einkommen stagniert seit 1995

Die am häufigsten zitierte Zahl stammt nicht aus einer Karte, sondern vom Instituto de Estudios Económicos: Das Einkommensgefälle zur Eurozone ist heute genauso groß wie vor 28 Jahren. Der Vergleich mit den USA fällt noch härter aus. Die in zwei Jahrzehnten entstandene Lücke wuchs von 14.000 auf 26.000 Dollar, und Spanien lag statt um 28 % nun um 41 % darunter.

Das BIP pro Kopf gegenüber der Eurozone stagniert und kehrt auf das Niveau der 70er Jahre zurück. Das reale Haushaltseinkommen liegt unter dem von 2008. Durch die akkumulierte Inflation bringt ein Gehalt wie 2002/2003 Teile der Bevölkerung auf Niveaus, die manche Analysen im Thread direkt als Nachkriegszeit bezeichnen.

Warum ist Spanien wieder förderfähig für den Kohäsionsfonds?

Weil sein Einkommen stark genug gesunken ist, um in die Gruppe der weniger wohlhabenden EU-Staaten zurückzukehren. Die Rückkehr hat eine sofortige buchhalterische Konsequenz: 6,6 Milliarden Euro sind durch die Untätigkeit des Finanzministeriums gefährdet. Die Paradoxie ist offensichtlich. Ein Land, das europäisches Wachstum anführen will, unterschreibt seinen Wiedereintritt in die Liste der Empfänger von Strukturfördermitteln.

Kinderarmut bei 29 % und zweitschlechtester Elendsindex

29 % der Minderjährigen leben mit einem Einkommen unterhalb von 60 % des nationalen Durchschnitts, der schlechteste Wert seit 2016 und einer der höchsten der Zeitreihe. Veröffentlichte Analysen fügen eine unbequeme Nuance hinzu: Migration erklärt einen großen Teil der Resistenz der Armut in einem Umfeld wirtschaftlichen Wachstums. Es ist eine demografische Interpretation, kein Urteil über Ankömmlinge.

Trotz Sozialausgaben hat Spanien das höchste Armutsrisiko der EU und das zweitbeste Ergebnis des Elendsindex der Eurozone, nur vor Litauen. Mit diesen Zahlen auf dem Tisch wirkt die Diskussion über die Kartenfarbe fast dekorativ.

Ursachen: Sozialausgaben, Schulden, Demografie und wer regierte

Der Streit über die Gründe überschreitet Parteigrenzen. Einerseits wird behauptet, Sozialausgaben und Hilfen wirkten wie ein Kreislauf: Steuern für Unternehmen und Selbstständige steigen, Firmen zahlen niedrige Löhne, Prekarität wächst, und jede neue Zahlung verschlimmert das Problem. Das Gegenargument besagt, ohne diesen sozialen Schutzschild – und ohne das Existenzminimum (Ingreso Mínimo Vital) – würde das Land bei verfügbarem Einkommen hinter Portugal, Ungarn oder Puerto Rico fallen.

Auch die These des äußeren Schutzes taucht auf: Was Spanien vor noch schlechteren Einkommen bewahrte, war nicht seine Geografie, sondern die Zugehörigkeit zum Euro. Ohne die gemeinsame Währung wäre der Vergleich mit der Region weitaus schlechter ausgefallen. Eine dritte Strömung konzentriert sich auf die Demografie: Das aggregierte BIP bleibt stabil, weil jährlich Hunderttausende Menschen hinzukommen, während das Einkommen pro Kopf verwässert wird. Die Erwerbsbevölkerung bewegt sich kaum, und diese statistische Inkonsistenz nährt alle Zweifel.

Die Schuldzuweisung zwischen den beiden großen Parteien nimmt einen weiteren langen Abschnitt ein. Es wird daran erinnert, dass die PP fast sieben Jahre lang regierte, zwischen Ende 2011 und dem Sommer 2018, inklusive absoluter Mehrheit, und auch keine Steuern senkte. Die Erwiderung lautet, dass die PSOE mehr Regierungsjahre ansammelt und das Ergebnis identisch ist. Keine der beiden Listen erklärt, warum das Einkommen sich seit 1995 nicht bewegt.

Von Portugal bis Polen: Länder, die Spanien überholen werden

Das Szenario, das am meisten beunruhigt, ist nicht die Gegenwart, sondern die Zukunft. Zitierte Analysen sehen eine Gruppe von Ländern im Osten und Süden – darunter Portugal und Polen – Spanien in den nächsten Jahren beim BIP pro Kopf überholen. Nationen, die vor drei Jahrzehnten nicht einmal an Spaniens Nähe kamen, spielen bereits in derselben Liga oder liegen vorn. Im Hintergrund taucht stets derselbe Satz auf, halb Urteil, halb Resignation: Wir waren nie reich, nur arme Leute mit vollem Magen.

Das Verwirrende liegt nicht in den Zahlen, die stur sind, sondern in ihrer Lesart. Das Gesamt-BIP wächst und zählt alle, auch Nichtarbeitende, und dennoch bleibt das Einkommen pro Kopf dort, wo es vor drei Jahrzehnten stand. Bei diesen Differenzen wäre die logische Frage eine andere: Warum schafft eine Wirtschaft, die überall Aktivität generiert, es nicht, diese Leistung in das mittlere Gehalt zu übersetzen? Niemand hat dies bisher beantwortet, ohne auf die Schuld des politischen Gegners zu verweisen.

Zusammenfassung einer Diskussion auf Burbuja.info - Foro de economía, actualidad y política., aus dem Spanischen übersetzt und vor der Veröffentlichung geprüft. Die ganze Diskussion lesen (250 Antworten).

Weitere Zusammenfassungen

Alle Zusammenfassungen auf Deutsch →

-
Volver