ERE um ERE: zweitausend Tage Entlassungen in Spanien
Wie viele kollektive Entlassungsverfahren (ERE, das spanische Verfahren für Massenentlassungen) passen in 2.099 Tage? Sieht man sich die Bilanz seit 2021 an, lautet die Antwort: so viele, dass niemanden mehr etwas überrascht. Was als Lawine von Kürzungen im Tourismus mitten in der Pandemie begann – mit einem Einbruch internationaler Touristenankünfte um 77,3% im Jahr 2020 auf nur noch 19 Millionen Besucher – hat sich in einen Dauertröpfel verwandelt, der die Automobilbranche, die Banken, den Handel, das private Gesundheitswesen und sogar die NGOs durchzieht. Das Ergebnis ist ein Land, in dem der Massenentlassung keine traumatische Ausnahme mehr ist, sondern zum routinierten Führungsinstrument geworden ist.
Die Abfolge kennt weder einen Sektor noch ein Quartal. Es ist ein Muster. Und wenn das Muster sechs Jahre anhält, ist die Frage nicht mehr konjunkturell, sondern strukturell.
Vom Pandemie-Tourismus zur Industrie 2026
Der erste Schlag traf den Tourismus. Logitravel, Tui und NH verhandelten Entlassungen, während die SEPI (die spanische Staatsbeteiligungsgesellschaft) Rettungsgesuche stapelte. Marina d'Or stellte einen ERE und berief sich auf Verluste von 100 Millionen, betroffen waren 7% der Stammbelegschaft, 77 Beschäftigte. Der Sektor, der einen Großteil des spanischen BIP trägt, schaltete in den Überlebensmodus, und die Unternehmen, so hieß es damals, «kämpften darum, bis zum Sommer durchzuhalten».
Manche hielten durch. Andere nicht. Und als sich der Tourismus zu erholen begann, übernahm die Industrie den Staffelstab. Ford Almussafes reihte Kurzarbeit an Kurzarbeit und beendete 2025 mit 81 Tagen ohne eine einzige produzierte Auto, während Stellantis seine Produktion in Italien um 40% drosselte und das zum französischen Konzern gehörende Werk Mecaner einem ERE für 148 Beschäftigte gegenüberstand, bei dem Zentralregierung und baskische Regierung sich aus der Verantwortung stahlen.
Die Diagnose, die sich unter Branchenbeobachtern durchsetzt: kein Unfall, sondern ein Plan – der schrittweise Abbau von Kapazitäten in Spanien und die Verlagerung in andere Länder. Die Autoproduktion fiel um fast 10%, und die Zulieferer – Akwel Vigo mit 100 Entlassungen, Mahle mit 740 in Spanien, Marelli, Adient – fielen kettenreaktionsartig aus. Aus dem «Aktivitätstal», von dem die Unternehmen sprachen, ist, wie angemerkt wurde, ein Plateau geworden.
Auch Banken und Tech-Firmen entlassen
Der Abbau blieb nicht in den Fabriken. Ibercaja füllte fast 90% der 750 Entlassungen seines ERE mit Freiwilligen: 651 Beschäftigte meldeten sich in ganz Spanien. Santander eröffnete Verhandlungen in seinen Technologiegesellschaften. Ericsson Spanien kündigte Massenentlassungen an, und Avatel schlug einen ERE für 444 Beschäftigte vor, 33,5% der Belegschaft. Microsoft Ibérica vereinbarte mit den Gewerkschaften das Ausscheiden von fast 5% der Belegschaft.
Die Logik ist dieselbe wie in der Industrie: schlankere Strukturen, Effizienz, Wettbewerbsfähigkeit. Der Unterschied: Hier wird die Entlassung als technische Anpassung verkauft und erzeugt selten den politischen Lärm einer Werkschließung. Wie schon mehrfach angemerkt wurde: Wenn die Entlassenen Akademiker sind, schlagen weder Medien noch Politiker Alarm.
Der Fall Cruz Roja: drei ERE in zwei Jahren
Ein Fall fasst die Absurdität des Zyklus zusammen. Cruz Roja Española (das Spanische Rote Kreuz) leitete im Oktober 2025 sein drittes ERE in weniger als zwei Jahren ein, nachdem die Nationalkammer die beiden vorherigen aufgehoben hatte – 118 Beschäftigte sind im ganzen Land betroffen. Die humanitäre Organisation, die öffentliche Gelder erhält und Sozialprogramme betreut, führte Massenentlassungen durch, während die offizielle Erzählung von einer robusten Wirtschaft sprach.
Das Detail ist nicht belanglos: Die Institution, die selbst die Prekarität anderer anprangert, wendet genau die Mechanismen an, die sie kritisiert. Der NGO-Sektor, so wurde angemerkt, stelle über Zeitarbeit ein und greife immer wieder zu Entlassungen, wenn die Mitgliederziele verfehlt werden.
Die Raketen-Erzählung und die Nachrichtenschlange
Der Widerspruch zwischen Rhetorik und Daten ist das Rückgrat eines Großteils der Analyse. Während die Regierung Spanien wegen seines BIP-Wachstums als «Lokomotive Europas» feierte, riss die Schlange der Verfahren nicht ab: Mediapro bereitete einen ERE für mehr als 1.000 Personen vor, Duro Felguera kündigte an, seine 500 Beschäftigte zählende Belegschaft am Rande des Kollapses zu halbieren, Unilabs betraf rund 300 Beschäftigte, Alcampo restrukturierte mit 2.400 Mitarbeitenden im Ungewissen, und Sal Costa verließ Barcelona nach mehr als einem halben Jahrhundert.
Das am häufigsten gehörte Argument: Die Arbeitslosenzahlen werden mit statistischem Schönfärber gestützt, und die ERE wuchsen bis Oktober um 12%, während mehr als 2.800 Unternehmen in der Region Valencia nach den Fluten Kurzarbeit wegen höherer Gewalt beantragten. Die Vernichtung kleiner Betriebe – im Schnitt 192 Schließungen pro Tag im Juni 2025, laut UPTA – rundet das Bild ab.
Das Gehalt, das nicht steigt, und die Rechnung, die doch
Hinter jedem ERE steckt ein Problem mit Margen und Kosten. Der am häufigsten geäußerte Vorwurf: Die Löhne stocken seit Jahrzehnten, während sich der Warenkorb seit 2019 verdoppelt hat – eine vierköpfige Familie, die früher 300 Euro im Monat fürs Essen ausgab, gibt heute 500 oder 600 aus, bei Löhnen von 1.200 oder 1.300 Euro, wenn es gut läuft. Die 21% Mehrwertsteuer auf Grundbedürfnisse und die Aufschläge erledigen den Rest.
Die Folge ist ein Arbeitsmarkt, der unten und oben aussortiert: Der kleine Handel schließt, die Fabrik leert sich, die Verwaltung wird ausgedünnt. Und dazwischen ein Kurzarbeitssystem, das – so die Kritik – Unternehmen und Verwaltungen gleichermaßen passt, weil die beschäftigten Arbeitnehmer es bezahlen, während sich die Vorstände die Kosten der endgültigen Entlassung sparen.
Was wird 2026 aus den Jobs in Spanien?
Das Bild, das die verfügbaren Daten zeichnen, ist das einer Umstrukturierung, die nicht abgeschlossen ist. Die Krise der europäischen Autoindustrie – mit verschobener Elektrifizierung und sinkender Produktion – wird die Zulieferer weiter mitreißen. Der Tourismus, der scheinbar gerettet schien, steht nun vor seinen eigenen Anpassungen. Und der Dienstleistungssektor, auf den sieben von zehn Abmeldungen entfallen, entlässt inzwischen mit derselben Selbstverständlichkeit wie die Industrie.
Vor diesem Hintergrund lautet die Frage nicht mehr, wann die Welle abebbt. Sondern wie viele Verfahren es noch braucht, bis jemand einräumt, dass wir nicht vor einem Strohfeuer stehen, sondern vor einem Modellwechsel. Und bis dahin bringt jeder Morgen ein neues ERE. Was für ein Zufall.
Zusammenfassung einer Diskussion auf Burbuja.info - Foro de economía, actualidad y política., aus dem Spanischen übersetzt und vor der Veröffentlichung geprüft.
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