Sehr hohe und sehr niedrige Kohlenhydratzufuhr erhöht Sterblichkeit

Eine Studie verknüpft extreme Kohlenhydratmengen mit höherer Mortalität. Das Optimum liegt bei 55 % der Kalorien, etwa 300 g täglich.

Deutsch · Ursprüngliche Diskussion auf Spanisch · Veröffentlicht

Sehr hohe und sehr niedrige Kohlenhydratzufuhr erhöht Sterblichkeit
55 % Kohlenhydrate: Der schmale Korridor laut Studie

Eine in PubMed veröffentlichte Studie behauptet, dass sowohl kohlenhydratreiche als auch kohlenhydratarme Diäten mit einer höheren Sterblichkeit einhergehen. Der optimale Wert liegt bei rund 55 % der Kalorienzufuhr. Eine zweite Schlussfolgerung lautet: Pflanzliche Fette und Proteine sind tierischen vorzuziehen. Die Daten kommen nicht allein; sie beinhalten kleine Details und eine unbequeme Grundfrage: Wie viel Bewegung machte die untersuchte Person?

Zum Zeitpunkt dieser Analysen fällt zunächst die reine Arithmetik auf. 55 % Kohlenhydrate bei einer Diät von 2.000 Kalorien entsprechen 1.100 Kalorien, also fast 300 Gramm pro Tag. Befürworter der Ketose empfehlen weniger als 50 Gramm. Zwischen diesen beiden Extremen passt nahezu jedes Ernährungslehrbuch der letzten zwanzig Jahre.

Wie wenige Kohlenhydrate sind zu wenige?

Es gibt keine Zahl, die diese Frage abschließend klärt. Der übliche Bereich reicht von den 50 Gramm der ketogenen Diät bis zu den knapp 300 Gramm der offiziellen Empfehlung, mit Zwischenlösungen wie 40 % Kohlenhydraten, 35 % Proteinen und 25 % Fetten. Keine dieser Empfehlungen steht isoliert: Sie hängt vom individuellen Energieverbrauch ab.

Hier kommt die Variable ins Spiel, die die Studie nicht detailliert analysiert. Ein sesshafter Arbeitnehmer verbrennt 55 % Kohlenhydrate nicht vollständig; jemand mit körperlicher Arbeit oder zwanzig Stunden Radfahren pro Woche schon. Die häufigste Kritik lautet genau so: Kohlenhydrate sind schneller Treibstoff, und wenn man schnellen Treibstoff nutzt, ohne ihn zu verbrauchen, hat das Folgen. Das Ergebnis ist oft Übergewicht.

Kann man ohne Kohlenhydrate leben?

Der Körper kann durch Glukoneogenese aus Proteinen Glukose herstellen, erinnern die Befürworter der ketogenen Diät. Von dort bis zur Harmlosigkeit eines vollständigen Verzichts auf Kohlenhydrate ist es jedoch ein weiter Weg: Langzeitdaten sind umstritten, und die Ketose hat klinische Indikationen nur bei Epilepsie.

Auch die These kursiert, dass Kohlenhydrate und Fette um dieselben zellulären Transporter konkurrieren (der sogenannte Randle-Zyklus), weshalb man sie nicht mischen sollte. Argumentiert wird, dass Lebensmittel in der Natur entweder Fett oder Kohlenhydrate enthalten, selten beides gleichzeitig. Muttermilch bleibt dabei die unbequeme Ausnahme.

Die Kleingedrucktes der Studie: Wer finanziert die Forschung?

Im Abschnitt über Interessenkonflikte werden die California Walnut Commission und Dairy Management Inc als Geldgeber eines Autors genannt, zusätzlich zu NIH-Mitteln und persönlichen Zahlungen von Novartis und Zogenix. Letzteres Unternehmen stellt Medikamente gegen Epilepsie her – genau die Krankheit, bei der die ketogene Diät anerkannte klinische Indikationen hat.

Dass ein Hersteller von Antiepileptika in einer Studie über Kohlenhydrate und Sterblichkeit auftaucht, liefert Munition für Skeptiker des Sponsorings. Es beweist nichts allein, hilft aber auch nicht, Neutralität zu verkaufen.

Der Stamm, der Kartoffeln isst: 90 % Kohlenhydrate

Das meistzitierte Gegenbeispiel sind die Tukisenta in Papua-Neuguinea, deren Ernährung zu etwa 90 % aus Kohlenhydraten besteht. Ihre kardiovaskulären Werte und mehrere Biomarker schneiden überraschend gut ab.

Der entscheidende Punkt ist, dass diese Populationen nicht so essen wie Menschen vor Tausenden von Jahren: Sie verzehren wilde Knollen und Wurzeln, keine raffinierten Mehle. Hier greift auch das andere Argument: Die Zunahme der Gene, die für Amylase kodieren (das Enzym zur Stärkerverdauung). Nach Jahrtausenden der Landwirtschaft ist unsere Genetik nicht mehr dieselbe.

Ancel Keys, Kaninchen und die Blue Zones

Der Schatten, der über einem halben Jahrhundert Ernährungsempfehlungen liegt, hat einen Namen. Ancel Keys war weder Arzt noch Tierarzt: Er studierte Zoologie, und seine These über Fett und Herzinfarkt basierte auf einem Experiment mit Kaninchen. Einem Herbivoren, das gezwungen wurde, etwas zu fressen, was es normalerweise nicht frisst.

Bei den sogenannten Blue Zones passiert Ähnliches. Mehrere ihrer Förderer sind bekennende Verfechter einer rein pflanzlichen Ernährung, und die Blutanalysen der Hundertjährigen deuten in Richtungen, die weniger bequem sind als die Antwort auf einen Fragebogen darüber, was jemand vor zwanzig Jahren gegessen hat.

Der Preis der Antinährstoffe

Der letzte Aspekt ist weniger glamourös, aber chemischer. Hülsenfrüchte und Nüsse enthalten Lektine, Oxalate, Solanine, Phytate und cyanogene Verbindungen. In hohen Mengen schaden diese Substanzen niemandem. Durch Verarbeitung – Einweichen mit Essig oder Zitrone, langes Kochen, Wegwerfen des Wassers – werden etwa 80 % davon entfernt.

Ein Prozentsatz bleibt. Niedrig, aber vorhanden. Und keiner dieser Stoffe schließt Gemüse aus der Ernährung aus; sie erfordern lediglich die richtige Zubereitung. Rohe Kartoffeln sind kein Essen.



Es gibt ein Detail, das niemand bestreitet: Muttermilch ist reich an Kohlenhydraten und das Referenzlebensmittel für Neugeborene. Ab hier wählt jeder seinen Standpunkt. Die Studie setzt eine Zahl in den Mittelpunkt, während die beiden Extreme sich weiterhin gegenüberstehen: Wer finanziert die Forschung, was aß der Stamm und wie bewegte sich die Person? Mit diesen drei offenen Variablen funktioniert die 55 % als Schlagzeile, nicht als endgültige Schlussfolgerung.

Auch verfügbar auf: English

Zusammenfassung einer Diskussion auf Burbuja.info - Foro de economía, actualidad y política., aus dem Spanischen übersetzt und vor der Veröffentlichung geprüft. Die ganze Diskussion lesen (237 Antworten).

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