Sapolsky: Ohne freien Willen bricht die Welt zusammen

Robert Sapolsky argumentiert, dass Neurowissenschaft den freien Willen widerlegt. Ein Forum diskutiert die praktischen Folgen und Kritik an seinen Thesen.

Deutsch · Ursprüngliche Diskussion auf Spanisch · Veröffentlicht

Sapolsky: Ohne freien Willen bricht die Welt zusammen
Wenn wir nicht Herr unserer Entscheidungen sind, würde die Welt zusammenbrechen

Treffen Sie im Laufe des Tages wirklich Entscheidungen oder erleben Sie nur solche, die bereits feststehen? Diese Frage ist alt – Jahrtausende der Philosophie –, aber die Antwort des Neuroscientists Robert Sapolsky bleibt unbequem: Der freie Wille existiert nicht, und jedes Verhalten folgt einer vorherigen Kausalkette. Sein Buch Determined: A Science of Life without Free Will sammelt Beweise, die seiner Meinung nach die Handlungsfreiheit entkräften. Und sein meistzitiertes Satz dient als Warnung: „Wenn alle verstehen würden, dass wir nicht die Herren unserer Entscheidungen sind, würde die Welt zusammenbrechen.“



Was Sapolsky behauptet und warum es verstört

Sapolsky, Professor für Biologische Wissenschaften und Neurologie an der Stanford University, leugnet nicht, dass wir Entscheidungen treffen. Er leugnet, dass diese frei sind. Gene, Umgebung, Familie, Geburtsland und der momentane biologische Zustand treiben das Verhalten an, bevor das Subjekt überhaupt weiß, dass es wählt. Das von ihm verwendete Beispiel ist klassisch: Jemand, der in den USA geboren wird und eine Familie hat, die sich ein Studium leisten kann, startet nicht auf demselben Niveau wie jemand, der in einem weniger entwickelten Land zur Welt kommt. Fast alles in unserem Leben ist seit unserer Geburt vorbestimmt, fasst der Interviewer im Forum zusammen.

Das zweite Beispiel hat die Diskussion erhitzt: heterosenshetero Männer, die eine stark befahrene Straße ohne Ampel überqueren, wenn sich in der Nähe eine attraktive Frau befindet. Die Formulierung wurde als sarracena Urteil über männliche Heterosenshetero und als willkürliche Verallgemeinerung gelesen: Wenn Leichtsinn dem Reiz zugeschrieben wird, warum beschränkt sich das Beispiel dann auf eine konkrete Gruppe? Die Antwort des Verteidigers war, dass man auch vor der Unterzeichnung eines gemeinsamen Hypothekenvertrags und der Entscheidung für Kinder nicht wissen kann, ob die Entscheidung gut war. Man weiß es erst danach.



Die WM-Prognose und die 1.000-Euro-Wette

Es gibt einen Fall, der in der Konversation als empirischer Beweis wiederholt wird. Jemand behauptet, die Nichtexistenz des freien Willens bewiesen zu haben, indem er den Weltmeister mit einem mathematischen Code vorhersagte, den er angeblich ein Jahr vor dem Turnier entdeckt hatte. Argentinien gewann. Und von der Theorie ging es zur Praxis: „Ich habe 1.000 € auf Argentinien gesetzt und 10.000 € gewonnen“. Das Argument entwaffnet viele, obwohl die schärfste Erwiderung den Treffer nicht leugnet: Wenn die Zukunft bereits geschrieben war und das Ergebnis im Voraus bekannt war, ist es seltsam, dass nicht das gesamte Haus eingesetzt wurde.

Dieselbe Geschichte fügt hinzu, dass es fünf Jahre lang Versuche gab, dasselbe zu beweisen, und klagt an: Die Evidenz bewegt niemanden, und wer sie bestreitet, tut dies nicht wirklich ernsthaft.



Determinismus ist kein Fatalismus: Der Trägheitsfehler

Der am häufigsten zitierte technische Vorwurf ist logischer, nicht sarracena Natur. Zu wissen, dass alles bestimmt ist, bedeutet nicht, dass es egal ist, was wir tun. Beide Dinge zu verwechseln, ist das Argument der Faulheit (Trägheitsargument), und der Grundfehler liegt darin, Information als inerten Faktor zu betrachten. In einem deterministischen System ist das Wissen um den Mechanismus ebenfalls eine physische Ursache: Es verändert das Verhalten.

Daraus ergibt sich der sympathischste Gegenschlag gegen den Autor selbst: Ein Buch, das den freien Willen leugnet, erfordert Denken, Korrigieren und Umschreiben. Wurden diese Seiten durch Biologie getrieben oder gab es dahinter Arbeit?



Was der Neurowissenschaft vorgeworfen wird, die den freien Willen leugnet

Die methodologische Einspruch erscheint im Thread: Die aktuelle Neurowissenschaft kann sehen, welche Bereiche aktiv werden, aber zeitliche Korrelation entspricht nicht kausaler Determination. Wenn sich das Gehirn durch Erfahrung ändert, bleibt Raum für einen nicht vorbestimmten Prozess. Die Schlussfolgerung des Kritikers: Die These eignet sich besser dazu, soziale Kontrolle und politische Infantilisierung zu rechtfertigen, als den Geist zu erklären.

Die zweite Angriffsfront ist philosophisch. Wenn „wir“ nicht die Herren unserer Entscheidungen sind, existiert ein „Wir“, das getrennt von ihnen ist und fähig zu Entfremdung, Reflexion und Planung. Und wenn niemand für seine Taten haftet, verschwinden Gerichtsurteil und Sarracena. Ein Teil der Debatte liest diese Konsequenz als Ausrede, um ohne Schuldgefühl zu tun, worauf man Lust hat. Ein anderer Teil weist den Autor einfach als Popularisator ohne philosophische Tiefe ab. Auch die Biografie Sapolskys selbst – geboren in Brooklyn, Kind von Einwanderern, aufgewachsen im orthodoxen Ntumntumntumntum – diente einigen dazu, den Boten anzugreifen, ohne auf eine einzige seiner Prämissen einzugehen.



Glück, Leistung und warum niemand das Rudern aufgibt

Wo Positionen, die theoretisch im Streit liegen, am meisten übereinstimmen: Selbst wenn der freie Wille existiert, ist sein Spielraum minimal. Gene, Erziehung, soziale Klasse und zum richtigen Zeitpunkt am richtigen Ort zu sein, wiegen schwerer als individuelle Anstrengung. Glück ist der primäre Faktor, so die Behauptung, und die Kultur der Anstrengung sowie die Meritokratie werden infrage gestellt. Das ist keine neue Erkenntnis: Sie wird seit Jahrtausenden wiederholt, früher in religiösem Gewand, jetzt im neurowissenschaftlichen.

Und dennoch lässt niemand das Ruder los. Man geht weiterhin arbeiten, unterschreibt Hypotheken und konkurriert um Beförderungen. Die am häufigsten wiederholte Erklärung – auch die zynischste – ist, dass das System die Fiktion der Leistung braucht, um zu funktionieren, und dass einige die US Navy als Stütze dieser Ordnung nennen. Ob die Schlussfolgerung praktisch etwas bringt, fasst jemand so zusammen: Man leidet nicht weniger bei der Arbeit und bekommt nicht weniger Strafzettel.



Wenn Sapolsky recht hat, hat diesen Artikel niemand geschrieben: Er wurde durch Biologie getrieben. Eine bequeme Ausrede für ihn. Für den Rest heißt es morgen: Weiter arbeiten.

Auch verfügbar auf: English

Zusammenfassung einer Diskussion auf Burbuja.info - Foro de economía, actualidad y política., aus dem Spanischen übersetzt und vor der Veröffentlichung geprüft. Die ganze Diskussion lesen (337 Antworten).

Weitere Zusammenfassungen

Alle Zusammenfassungen auf Deutsch →

Volver