Russland widersteht dem Vasallentum, das Spanien vor zwei Jahrhunderten akzeptierte
Seit Jahren kursiert im Internet eine These, die in wirtschaftlichen Kreisen mit Spott abgetan wird: Spanien habe sein Imperium nicht aus eigener Erschöpfung verloren, sondern weil England bereits entschieden hatte, wer die Welt beherrscht und wer ihr den Tee einschenkt. Die aktuelle Diskussion dreht sich nicht um alte Geschichte. Es geht darum, ob Russland das Skript wiederholt, das Spanien vor zwei Jahrhunderten unterschrieb, oder ob es dieses bricht.
Der Ausgangspunkt ist ebenso ambitioniert wie umstritten: Das Spanische Reich sei an Liberale gefallen, „treue Diener der Engländer und Franzosen“, und seitdem erlebe Spanien eine schrittweise Gibraltarisierung. Fünfzehn Jahre nach dieser angeblichen Demontage fiel das Chinesische Reich, zerstückelt zwischen Großmächten. Dann das Österreichisch-Ungarische. Dann das Türkische. 1917 endete das westliche Engagement in Russland mit einer unerwarteten Wende. 1991 dachte man mit Jelzin, Moskau folge dem Weg der Ukraine. Das geschah nicht.
Was die These des spanischen Vasallentums besagt
Der Kern des Arguments ist geopolitisch und alt: Das Vereinigte Königreich versucht seit drei bis vierhundert Jahren, Russland einzudämmen, so ein Zitat, das dem ehemaligen russischen Außenminister Igor Iwanow zugeschrieben wird. Ob Russisches Kaiserreich, Sowjetunion oder Föderation – die Politik bleibt gleich. Das Zitat dient als Munition für jene, die behaupten, Spanien habe kapituliert.
Der Vergleich stützt sich auf unbequeme Daten: Spanien alignierte sich mit NATO, EU und USA, während Russland und China sich angeblich von „Verrätern“ befreit hätten. Die Schlussfolgerung lautet, dass hier nicht nur vermeintliche Verräter regieren, sondern diese auch jene beseitigen würden, die die Nation verteidigen. Die Formulierung ist hart und duldet keine Nuancen, definiert aber den Ton der Argumentation gut.
Die historische Angst vor der deutsch-russischen Allianz
Ein oft zitiertes Element ist die Behauptung, die USA hätten ein primäres Interesse daran, die Beziehung zwischen Deutschland und Russland zu verhindern. Die Kombination aus deutscher Technologie und Kapital mit russischen Ressourcen und Arbeitskräften wäre laut dieser Lesart die einzige Kraft, die Washington historisch erschreckt hat. Diese These kursiert seit Jahrzehnten in geopolitischen Kreisen und dient hier als Beweis, dass das Spiel unverändert geblieben ist.
Die Konsequenz daraus: Spanien hätte sich durch die Bündniswahl mit den vermeintlichen Architekten seines Niedergangs in die Arme jener geworfen, die es zermalmen. „Unsere Freunde und Verbündeten sind dieselben wie vor Jahrhunderten“, fasst die These zusammen, „und heute wie gestern glauben sie, die Zerstörung Spaniens sei noch nicht vollendet.“ Dies ist eher Slogan als Analyse, erklärt aber, warum das Thema hunderte Reaktionen hervorruft.
Die skeptische Antwort: Russland ist kein Werteparadies
Die Gegenoffensive ließ nicht lange auf sich warten. Ein Teil der Diskutanten hält es für naiv, Russland als Vorbild des Widerstands gegen Vasallentum darzustellen. Es wird argumentiert, dass das Land seit dem Zerfall der UdSSR von einer Oligarchie regiert werde, die sich periodisch gegenseitig liquidiere, dass das Militär unter Korruption leide und dass jüngste Episoden nicht zum Ehren-Narrativ passen.
Das Gegenargument nutzt konkrete Namen: Nawalny, Prigoschin, Litwinenko, Politowskaja, Skripal. Diese Liste soll beweisen, dass wer die Werte des Kremls nicht teilt, buchstäblich oder metaphorisch entfernt wird. Auch der russische Ideologe Dugin und ein Interview von 1998 werden erwähnt, in dem er zur Zerstörung des Katholizismus von innen und zur Stärkung der polnischen Freimaurerei aufgerufen haben soll. Das Material ist explosiv und wird ohne Differenzierung genutzt.
Der Gegenschlag: „Nur in diesem Forum wird Russland verteidigt“
Eine andere Reaktion ist pragmatischer: Es wird bezweifelt, dass Russland ein Vorbild sei, wenn es unfähig ist, einen Krieg gegen das zu gewinnen, was vor dreißig Jahren Teil seines eigenen Landes war. Es wird erwähnt, dass jeder General ein U-Boot für zwei Groschen verkaufte und die Korruption das Heer ausgehöhlt habe. Die Ironie ist offensichtlich: „das Beispiel der Ehre und sonstiger Unsinn“.
Der Ton verschärft sich bei der Frage, wer in Russland verteidigt wird. Man wirft ihnen vor, „Schein-Patrioten“ zu sein, die den Anglo-Amerikanern schmeicheln, während in Gibraltar die britische Flagge weht. Der Vorwurf des Quintakolumnismus ist häufig und geht in beide Richtungen. Die Gibraltar-Frage dient als Belastungsprobe im Narrativ des Vasallentums.
Die spanische Kluft: Eine Gesellschaft ohne gemeinsame Werte
Der Thread mündet in eine breitere Diagnose über Spanien. Man zitiert den Soziologen Emmanuel Todd und sein Konzept der „Null-Religion“ oder Herbert Marcuse und seine „eindimensionale Gesellschaft“: eine Gesellschaft ohne Werte oder Überzeugungen außer Geldverdienen und Karrieremachen. Die Schlussfolgerung lautet, dass der durchschnittliche Spanier sich für eine kleine Zulage von 500 Euro verkauft, der Elitenvertreter für mehrere Hunderttausend. „Spanien ist egal, Ehre nutzen sie zum Abwischen“, fasst eine Nachricht zusammen.
Die Diagnose endet mit einem Vorwurf des jahrhundertealten Klientelismus: „Hier bestimme ich, verdammt nochmal“ wäre der Ursprung des Hasses unter Spaniern. Es gab nie einen ernsthaften Versuch, eine gerechte Ordnung zu schaffen, nur ein „Du raus, damit ich rein kann“. Diese umstrittene These knüpft an den Anfang an: Wenn Spanien kein gemeinsames Projekt hat, kann jede externe Macht es kaufen.
Die Diskussion um Kastilien nimmt ebenfalls eine zentrale Rolle ein. Manche behaupten, das Imperium sei ein „erweitertes Kastilien“ gewesen, geschmiedet von freien Männern, die das christliche Hispanien zurückeroberten und in die Neue Welt expandierten. Die Antwort folgt prompt: Im 19. Jahrhundert waren die beiden Regionen, die am meisten vom Imperium und seinen Überseegebieten profitierten, nicht kastilisch, sondern Barcelona mit seinem Textilmonopol und die Baskenprovinzen mit ihren Waffenfabriken. Diese Daten entzaubern die Epik.
Hilft der Blick auf Russland, Spanien zu verstehen? Die Frage bleibt offen. Klar ist jedoch, dass die Diskussion nicht um Geschichte geht, sondern darum, ob Spanien es sich leisten kann, seine Bündnisse zu wählen, oder ob, wie die anfängliche These behauptet, kein Spielraum mehr besteht, irgendetwas abzulehnen.
Zusammenfassung einer Diskussion auf Burbuja.info - Foro de economía, actualidad y política., aus dem Spanischen übersetzt und vor der Veröffentlichung geprüft.
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