Russische Propaganda leugnet Massaker von Butscha

kp.ru verbreitete am 4. April 2022 die These, ukrainische Truppen hätten nach dem russischen Abzug geschossen. Die Chronologie hinter der Leugnung.

Deutsch · Ursprüngliche Diskussion auf Spanisch · Veröffentlicht

Russische Propaganda leugnet Massaker von Butscha
Wie das Narrativ zur Leugnung des Massakers von Butscha konstruiert wird

Am 4. April 2022 veröffentlichte die russische Zeitung kp.ru einen Artikel ihres Sonderkorrespondenten Oleksandr Kots mit einem kompromisslosen Titel: Warum das „Massaker von Butscha“ falsch sei. Der Text zirkulierte auch in spanischsprachigen Foren und löste Debatten aus. Es ist kein Einzelfall, sondern ein Repertoire an Argumenten, das immer wieder auftaucht, wenn die Ereignisse in dieser Ortschaft angezweifelt werden.

Kots leugnet nicht die Existenz der Leichen. Er leugnet, wer sie getötet hat. Seine These zusammengefasst: Russische Truppen hatten Butscha im Rahmen einer Umgruppierung Tage vor dem Auffinden der Körper verlassen; ukrainische Streitkräfte bombardierten die Zone noch fast drei Tage weiter; und als sie einrückten, inszenierten sie eine „Hexenjagd“ gegen Kollaborateure der Besatzer. Die Leichen mit gefesselten Händen seien laut Kots das Ergebnis dieser Hinrichtungen. Sein Beweis: Der Zustand der Kadaver deute auf einen kürzlichen Tod hin, nicht auf einen seit Tagen zurückliegenden.

Die Chronologie, die Zweifel sät

Das Hauptargument des Artikels ist zeitlicher Natur: Wenn die Toten tagelang auf der Straße lagen, passe ihr Zustand nicht, so der Autor. In den Foren kommt ein weiteres Element hinzu: Ein Video, aufgenommen zwei Tage nach dem Abzug, zeige – so die Behauptung – Nachbarn, die normal spazieren gehen, ohne etwas zu bemerken, während Bilder der Leichen erst vier Tage später auftauchten.

Die symmetrische Gegenfrage ist ebenso gewichtig. Butscha lag in der Zone, die Russland gerade geräumt hatte; der Rückzug war kein Geheimnis. Wie ein Forums-Teilnehmer anmerkt, ist es schwer vorstellbar, dass Kiew trotz Satellitenüberwachung und US-Unterstützung 72 Stunden brauchte, um vom Abzug des Feindes zu erfahren, oder dass kein Einwohner Alarm schlug. Das Foto eines Tages neben dem anderen schließt den Fall nicht ab, aber es öffnet eine Lücke, die keine der beiden Seiten schließen kann.

Weiße Armbinden und die These der Abrechnung

Auf mehreren damals verbreiteten Bildern sind weiße Bänder an der Kleidung einiger Toter zu sehen. Kots interpretiert sie als russisches Erkennungszeichen, das Signal für „die Unseren“, das sich Bewohner zur Vorsicht umbanden. Daraus schließt er, die Toten seien Einheimische gewesen, die mit den russischen Truppen kooperiert hatten und bei der Wiederherstellung der Kontrolle durch ukrainische Nationalisten hingerichtet wurden.

Diese Lesart, die Lynchjustiz an Kollaborateuren, ist die häufigste unter denen, die die offizielle Version bezweifeln. Sie erfordert jedoch einen Sprung, den der Text selbst nicht belegt: Dass das Band genau das bedeutet, was behauptet wird, und dass alle Leichen mit Bändern demselben Muster folgten.

Ein Jahrhundert der Verleugnung desselben

Der Name des Mediums verweist auf die sowjetische Tradition. Mehrere Beiträge identifizieren kp.ru mit der sowjetischen Prawda (russisch für „Wahrheit“) und erinnern an eine unbequeme Geschichte: Sie leugnete den Holodomor, der Millionen Ukrainer in den 1930er Jahren tötete, und bezeichnete das Massaker von Katyn, begangen vom NKWD, als Nancy-Propagandalüge. Wer dieses Curriculum kennt, betrachtet den Artikel mit Misstrauen.

Auch die Parallelen, die der Autor selbst zieht, kommen zum Tragen: Srebrenica, die Weißen Helme in Syrien, audiovisuelle Produktionen, die massiven Bombardements vorausgingen. Die Übereinstimmung der Muster – sofortiges Dementi, Vorwurf der Inszenierung, antizipiertes Misstrauen gegenüber künftigen Untersuchungen – ist an sich schon ein Datapoint.

Die Forderung nach forensischem Beweis

Die offene Frage ist die einfachste: Wie lange waren die Menschen tot? Kots schlägt vor, die Todeszeitpunkte forensisch zu datieren und sie mit NATO-Zieldaten über den russischen Abzug abzugleichen. Russland selbst beantragte eine Sitzung des UN-Sicherheitsrats, um über das zu diskutieren, was es als „Provokation“ bezeichnete, beschwerte sich, dass die britische Ratspräsidentschaft dies blockiere, und bestand am nächsten Tag erneut darauf.

Parallel dazu startete Charles Michel, Präsident des Europäischen Rates, den Hashtag „Butscha-Massaker“ und kündigte neue Sanktionen gegen Russland an. Dass Moskau eine Untersuchung fordert und die britische Ratspräsidentschaft die Sitzung blockiert, bleibt die Pattsituation.

Das Echo im Spanischen: Misstrauen und Boomerang-Effekt

Der Text landete nicht im Vakuum. Er traf auf ein Publikum, das bereits darin geübt ist, großen Medien zu misstrauen, und dort fand das Argument der Inszenierung fruchtbaren Boden. Wer die offizielle Version leugnet, beruft sich oft auf den Fall der Massenvernichtungswaffen Saddam Husseins: Dieselbe Maschinerie, die einst eine Invasion im Irak rechtfertigte, könne heute ein Massaker fabrizieren. Skeptizismus, grundsätzlich gesund, hat seinen Preis, wenn er selektiv angewendet wird.

Auf derselben Seite wird auf die Informationsasymmetrie hingewiesen: Im Thread wird behauptet, Russland habe westliche Journalisten nicht zensiert, sondern nur gewarnt, dass sie wegen Falschinformationen strafrechtlich verfolgt würden, woraufhin sie abzogen, während Ukraine Kriegskorrespondenten verschiedener Nationalitäten akkreditiere. Für manche beweist dies, wer versteckt; für andere zeigt es, wer das Narrativ kontrolliert.



Die Zahl, die verwirrt, ist keine der genannten, sondern die fehlende: Die Anzahl der Opfer von Butscha, weder festgelegt noch konsensual geklärt, tauchte nie in dem Artikel auf, der alles leugnete.

Auch verfügbar auf: English

Zusammenfassung einer Diskussion auf Burbuja.info - Foro de economía, actualidad y política., aus dem Spanischen übersetzt und vor der Veröffentlichung geprüft. Die ganze Diskussion lesen (112 Antworten).

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