Paris 1850: Marx, Lumpen, Bohème und Elend

Marx rechnete Roma, Kriminelle und bohemische Literaten zum Lumpenproletariat. Der Begriff "Bohemien" geht auf einen geografischen Irrtum des 15. Jahrhunderts zurück.

Deutsch · Ursprüngliche Diskussion auf Spanisch · Veröffentlicht

Paris 1850: Marx, Lumpen, Bohème und Elend
Paris 1850: Die Bohème war Lumpen und Elend

1850 warf Karl Marx Roma, Kriminelle und bohemische Literaten in einen Topf, um den Staatsstreich Louis Bonapartes zu erklären. Dort entstand der Begriff des Lumpenproletariats: eine formlose, diffuse und umherziehende Masse, die am Rand der Legalität, in der Schwarzarbeit und in der künstlerischen Bohème überlebte. Die Definition war kein Lob. Und doch schleppt der Begriff "Bohemien", mit dem wir heute den freien, unkonventionellen Künstler bezeichnen, einen geografischen Irrtum aus dem Frankreich des 15. Jahrhunderts mit sich herum: Die Franzosen glaubten, die aus Osteuropa kommenden Roma stammten aus Böhmen.

Was genau war das Lumpenproletariat

Marx beschrieb diese flottierende, unorganisierte Masse als ein Konglomerat höchst unterschiedlicher Gestalten: ruinierter Zuhälter, Betrüger, Taschendiebe, Straßenzauberer und Berufsspieler, die durch die Cafés und Milieus von Paris wimmelten. Dazu kamen Gaukler, mittelloser Landstreicher, Bettler, Kuppler und Bordellbesitzer. Und auf der untersten Stufe Berufe des täglichen Überlebens: Träger, Drehorgelspieler, Lumpensammler, Messerschleifer und Kesselflicker. An der Spitze dieser umgekehrten Pyramide standen die bohemischen Schriftsteller, verarmte Intellektuelle und marginalisierte Romantiker, die wirtschaftliche Unsicherheit und Verachtung für das konventionelle Bürgertum teilten.

Die Liste hat Substanz. Marx machte keinen Unterschied zwischen dem Verbrecher und dem Dichter: Beide lebten von Tag zu Tag, beide verachteten die bürgerliche Ordnung, beide ließen sich von jedem mobilisieren, der ihnen etwas versprach. Louis Bonaparte verstand das und nutzte es.

Woher das Wort Bohemien kommt

Der Begriff geht auf einen geografischen Irrtum zurück. Im 15. Jahrhundert kamen große Gruppen von Roma aus Osteuropa nach Frankreich. Da viele durch die Region Böhmen —heute in Tschechien— gereist waren oder von dort kamen, glaubten die Franzosen fälschlich, das sei ihre Herkunft. Daher "Bohemien" als Synonym für Roma, und daher, in Erweiterung, der freie und unkonventionelle Künstler. Hätte man sie Mähren genannt, wie ein Teilnehmer schmunzelnd anmerkt, wäre die Sache sogar noch schlimmer gewesen.

Die Etymologie reiste bis in die Oper. Puccinis La bohème, La Traviata und das "L'amour est enfant de bohème" aus Carmen schöpfen aus dieser Vorstellungswelt. Auch die Großmutter eines Teilnehmers, die ihnen, wenn sie mit zerrissener Hose oder schmutzig nach Hause kamen, sagte, sie sähen aus wie "ein paar Ungarn".

Das Madrid der Zeit: Galeriewasser und eine Steuermauer

Madrid war 1850 in mehreren konkreten Dingen schlechter dran als Paris. Es gab kein fließendes Wasser: getrunken wurde aus den "viajes de agua", unterirdischen Galerien mittelalterlichen Ursprungs, die das Wasser zu den öffentlichen Brunnen führten, und rund neunhundert Wasserträger —viele Asturier und Galizier— schafften es in Krügen in die Häuser. Der Canal de Isabel II brachte das Wasser aus dem Lozoya erst 1858. Die Stadt blieb von der Mauer Philipps IV. aus dem 17. Jahrhundert umschlossen, die keine Verteidigungs-, sondern eine Steuermauer war: Sie diente dazu, die Verbrauchssteuern auf alles einzutreiben, was hineinkam.

Die Beschreibung des damaligen Paris durch einen Teilnehmer lädt nicht zur Romantisierung ein: Straßen, die nach Pferdemist stinken, Menschen, die nach Schweiß stinken, alles schlecht beleuchtet, zahnlose Prostituierte, von Syphilis zerfressen, Holzhäuser, in denen man im Winter friert und im Sommer schwitzt, Flöhe, Wanzen und Zecken. Wenig Charme, mit heutigen Augen betrachtet.

Die Pension des Père Goriot und Balzacs Pessimismus

Die Literatur der Zeit zeichnete diese Welt präzise nach. Balzac, der 1850 nicht mehr erlebte, hinterließ in Père Goriot eine Pension, beschrieben als Vorhalle zum Fegefeuer der Mittelmäßigkeit und des Scheiterns, darauf angelegt, einem Leser von 1840 beklemmend zu erscheinen. Noch düsterer als die Dickens-Äquivalente, vielleicht weil Dickens einen instinktiven Optimismus durchscheinen lässt, den Balzac nicht hatte. Glanz und Elend der Kurtisanen vervollständigt das bohemisch-dirnenhafte Porträt.

Die Energiekluft, die zwei Welten trennte

Die massenhafte Verfügbarkeit von Energie vervielfachte die Fortschritte. In einem Roman der Emilia Pardo Bazán von 1906 kommen bereits Aufzüge, Automobile und Telefon vor, aber die meisten Spanier von 1940 hatten davon nichts benutzt. Das Erdöl änderte alles. Vorher gab es Inseln des Fortschritts zwischen viel Elend. Im ländlichen Spanien von 1950 war fließendes Wasser selten, und in jedem Dorf mit 2.000 Einwohnern gab es drei Telefone: das der Guardia Civil, das des Priesters und das der Bar. In den USA war das Land 1914 bereits stärker motorisiert als die spanische Landwirtschaft, mit dem Ford Model T und dem Chevrolet 490. In Spanien musste man bis in die siebziger Jahre warten, mit dem SEAT 127, dem Ford Fiesta und dem Renault 5: mehr als fünfzig Jahre Rückstand.

Vom Paris der Apachen zum Montparnasse von 1945

Das bohemische Milieu verlagerte sich. In Madrid würden wir es heute im Malasaña ansiedeln. In Paris wanderte es von Montmartre und Pigalle im Norden zur Rive Gauche und nach Montparnasse, näher an der Sorbonne, ab 1945, als die sens Befreiung es weniger nötig machte, dass die Studenten in der Nähe der Bordelle wohnten. Die Bordelle blieben in Pigalle; die Schriftsteller und der Kleinhandel mit weichen Drogen zogen nach Montparnasse. Schon zu Beginn des 20. Jahrhunderts waren die Pariser Straßengangs gefürchtet: ein Couplet warnte "Wenn du nach Paris fährst, Papa, hüte dich vor den Apachen".

Ist von jener Bohème noch etwas übrig? Der Verfasser dieser Zeilen verbrachte im Winter 1990 fast zwei Monate in Paris und fand weder Maler in Montmartre noch Musiker in der Metro. Mehr Bohème sah er auf den Ramblas oder in der Madrider Calle Montera. Die Fauna von 1850 war etwas anderes: Lumpen, ja, aber mit einer literarischen Dichte, die man heute nicht einmal gegen Geld findet.

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Zusammenfassung einer Diskussion auf Burbuja.info - Foro de economía, actualidad y política., aus dem Spanischen übersetzt und vor der Veröffentlichung geprüft. Die ganze Diskussion lesen (91 Antworten).

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