Papst Franziskus entfacht Streit um Tradition und Reform
Ein Pontifex, der Enzykliken zum Klima unterzeichnet und Führer aller Couleur empfängt, während ein halbes Dutzend seiner Anhänger diskutieren, ob er ein Eindringling oder der letzte Wall ist. Die Diskussion über das Vermächtnis von Franziskus – und ob er ins Etikett des Traditionalisten passt – läuft seit mehr als 1.400 Tagen in spanischsprachigen katholischen Foren. Die Paradoxie ist nicht gering: Der gleiche Papst, dem Kollaboration mit der Befreiungstheologie vorgeworfen wird, wird von einigen Verteidigern als letztes Hindernis vor einem Schisma dargestellt.
Der Auslöser war eine einfache Frage: Nenne einen lebenden Traditionalisten. Die Antwort – dass nur sehr wenige übrig sind – führte zu einem Schlagabtausch über die pastorale Orientierung von Jorge Mario Bergoglio. Ein Sektor behauptet, sein Lehramt sei kontinuitär zur ewigen Doktrin, nur verpackt in Barmherzigkeit, die die Unaufmerksamen verwirrt. Ein anderer Sektor leugnet direkt, dass er Papst sei: Er beruft sich darauf, dass er 2020 ablehnte, Stellvertreter Christi zu sein, und seither nur als Staatsoberhaupt des Vatikans fungiert.
Das Zitat, das alles änderte
Der Thread beginnt mit einem wörtlichen Zitat von Franziskus über die Agenda 2030 und den Klimawandel: „Ich erhebe meine Stimme zusammen mit allen, die nach dringenden und wirksamen Lösungen streben. Die Annahme der Agenda 2030 für nachhaltige Entwicklung... ist ein wichtiges Zeichen der Hoffnung.“ Für Kritiker ist dieser Satz der Beweis der Schuld. Für Verteidiger ist es Lehrbuch-Vatikan-Diplomatie.
Die Diskussion verschärft sich, als jemand daran erinnert, dass Bergoglio Gustavo Gutiérrez – Mitbegründer der Befreiungstheologie – einen „großen Theologen“ und „Mann der Kirche“ nannte. Das vorgebrachte Argument ist, dass diese Kollaboration mit dem Marxismus gegen grundlegende Gebote verstoße. Die Antwort von der anderen Seite lautet, dass Barmherzigkeit kein Synonym für Häresie sei und dass die Verwechslung beider Dinge zeige, dass man nichts verstanden habe.
Das Argument des „eingeschleusten Traditionalisten“
Die provokanteste These im Thread ist, dass Franziskus nicht nur kein Reformer sei, sondern dass seine Mission darin bestanden hätte, den Zusammenprall zwischen den zwei starken Strömungen der Kirche abzufedern. Nach dieser Lesart hätte Benedikt XVI., bereits machtlos, beide in einer Gemeinschaft zu halten, ihm diese Aufgabe übertragen. Die Zeit würde – oder nicht – die Gewissheit des Ansatzes beweisen.
Diejenigen, die diese Hypothese verteidigen, weisen darauf hin, dass seine Katechesen gegen den Teufel oder seine Beharrlichkeit auf der Grunddoktrin nicht zum roten Bild passen, das ihm seine Gegner malen. „Wer sich ein wenig Mühe gibt, kann das überprüfen“, heißt es. Die barmherzige Komponente verwirre einige und werde von anderen böswillig ausgenutzt, so ihre Ansicht.
Der Krieg der Früchte
Die Debatte driftet zu einer unbequemen Frage: Was sind die aktuellen Früchte der Dynastie, die einige für legitim halten? Die gegebene Antwort ist, dass sie „spärlich sind, jenseits davon, eine Erinnerung am Leben zu erhalten und die verschiedenen Splittergruppen anzufachen, die in Spanien und Frankreich operieren“. Es wird erwähnt, dass Don Sixto de Borbón in Brügge sterben werde und dass sein Zweig aussterben werde, wobei die Krone auf einen anderen Zweig springe, der das Recht auf den Thron bewahre.
Der Kontrast wird zur parlamentarischen Monarchie hergestellt: Es wird daran erinnert, dass Felipe VI. das Abtreibungsgesetz und die Amnestie unterzeichnete und nicht zum hundertsten Jahrestag der Weihe Spaniens an das Heilige Herz Jesu erschien. Das Argument ist, dass die Früchte des isabelinischen Zweigs sichtbar sind, während die des vermeintlich legitimen ein ungeprüftes Versprechen seien.
Das Zweite Vatikanische Konzil als Ursprung allem
Einer der meistgewählten Beiträge zeigt direkt auf das Konzil: „Unter offener Anerkennung, dass das Zweite Vatikanische Konzil die Kapitulation der Kirche vor der modernen Welt war.“ Aus dieser Sicht hätte der Geist der Offenheit bei dem Versuch, die Welt anzuziehen, versagt; stattdessen hätten sich die Katholiken massenhaft in die Welt gestürzt. Barmherzigkeit und ausgestreckte Hand seien gut, aber wenn die Religion ihren mystischen und heiligen Charakter verliere, ließen die Gläubigen ihre Wurzeln.
Die Antwort von der anderen Seite ist, dass das Problem nicht das Konzil sei, sondern die Interpretation, die man daraus machte. Und dass Franziskus, weit davon entfernt, das Problem zu sein, die letzte Barriere sei, bevor Hunnen und Goten – die zwei kompromisslosen Lager – die Kirche zum Schisma führen.
Der Papst als Staatsoberhaupt
Ein wiederkehrendes Argument ist, dass Franziskus neben dem Pontifikat auch Staatsoberhaupt des Vatikans ist, des ältesten Staates der Welt und Dekan aller Konsuln und Diplomaten. Daher empfängt er alle Arten von Führern, von Pilingui bis Trump, einschließlich chinesischer Amtsträger. „Dort geht jeder vorbei, um seine Ware anzupreisen“, fasst man zusammen.
Die gestellte Frage ist, ob diese Besuche etwas nützen: Haben sie aufgehört, Abtreibung und Euthanasie zu fördern? Haben sie den Krieg gestoppt? Die implizite Antwort ist nein. Die vatikanische Diplomatie bietet sich als Brücke an, aber ihre Fähigkeit, die Politiken der Großmächte zu beeinflussen, ist begrenzt.
Der Schatten des Schismas
Der Abschluss des Threads hinterlässt eine düstere Prognose: „Ich befürchte sehr, dass diesmal beide Lager ihre wahre Farbe zeigen werden und damit dem Bösen mehr Einfluss geben.“ Die Idee ist, dass Franziskus das letzte Hindernis war und dass sein Verschwinden den offenen Krieg zwischen den zwei starken Tendenzen entfesseln könnte.
Die verstörende Tatsache: Während einige debattieren, ob er Traditionalist oder Rot war, schauen andere bereits auf das nächste Konklave. Von den 133 Kardinalswählern wurden 108 von Franziskus ernannt, laut einer Berechnung, die im Thread kursiert. Die Frage ist nicht mehr, was er war, sondern wer als nächstes kommt.
Zusammenfassung einer Diskussion auf Burbuja.info - Foro de economía, actualidad y política., aus dem Spanischen übersetzt und vor der Veröffentlichung geprüft.
Die ganze Diskussion lesen (130 Antworten).