Moskau erwägt die Zerstörung Kiews, während Europa um das Gas zittert
Ergibt es Sinn, dass Russland Kiew dem Erdboden gleichmacht, wenn die ukrainische Armee bereits in die Enge getrieben ist und der Westen am Rand einer Energiekrise steht? Diese Frage schwebt über jeder seriösen Analyse des angeblichen Plans des Kremls, die ukrainische Hauptstadt zu bombardieren „und keinen Stein auf dem anderen zu lassen“. Die Antwort, die sich in politischen Kreisen durchsetzt, ist nicht militärisch, sondern ökonomisch: Abwarten. Mit dem vor der Tür stehenden Winter, der Gasknappheit in Mitteleuropa und einer galoppierenden Inflation geht die dominante These davon aus, dass Moskau nur zusehen muss, wie seine Gegner von selbst zerfallen.
Der Winter als Kriegswaffe
Die am häufigsten wiederholte Hypothese besagt, dass Russland keine Eskalation zu einem wahllosen Bombardement braucht. Es genügt, auf die zunehmende Kälte zu warten, den Gashahn zuzudrehen und Rezession und Inflation die Arbeit erledigen zu lassen. Wenn die europäischen Bürger beginnen zu frieren und sehen, wie ihre Taschen leerer werden, werden sie selbst – so das Argument – von ihren Regierungen verlangen, den Krieg um jeden Preis zu beenden. Der Druck käme nicht aus Moskau, sondern aus den westlichen Gesellschaften selbst.
Manche fügen einen demografischen Faktor hinzu: Eine mögliche doppelte Flüchtlingswelle aus der Ukraine und Afrika mitten im Winter, gepaart mit dem Mantra „Du wirst nichts besitzen und glücklich sein“, könnte selbst die geduldigste Gesellschaft zur Verzweiflung treiben. In diesem Szenario wird der Krieg nicht auf dem Schlachtfeld gewonnen, sondern in der Sarracena der Heimatfront.
Kann es sich Russland leisten zu warten?
Die kursierende ökonomische Rechnung besagt, dass Russland ein außergewöhnliches Handelsbilanzplus erzielt hat, große Finanzreserven besitzt und keine Auslandsschulden trägt. Mit diesem Polster würde eine Großoffensive – falls sie kommt – eher im nächsten Frühjahr oder Sommer erfolgen, nicht jetzt. Unterdessen zielen Operationen niedriger Intensität darauf ab, die Ukraine zu zermürben und die westliche Öffentlichkeit zu langweilen.
Gegenargumente lassen nicht lange auf sich warten: Russland lebt vom Verkauf von Gas und Öl. Wenn China, Indien und andere Käufer russisches Rohöl zum Schnäppchenpreis aufkaufen, muss Europa für dasselbe Gas das Doppelte zahlen. Das Problem ist nicht, dass weltweit Gas fehlt – Katar, Kuwait, Saudi-Arabien oder Venezuela haben Reserven –, sondern dass es wirtschaftlicher Selbstmord wäre, auf russisches Gas zu verzichten, obwohl das Preis-Leistungs-Verhältnis stimmt. Die schwebende Frage lautet, wie lange die europäische Industrie die Energierechnung aus ideologischen Gründen tragen kann.
Die Heimatfront: Freiheit, Zensur und Doppelmoral
Die Unterhaltung driftet in unangenehmeres Terrain: die Meinungsfreiheit im Westen. Ein Teil der Analyse vertritt die Ansicht, dass der öffentliche Diskurs immer unfreier werde, mit Cancel-Culture, Kontosperrungen und sozialer Ächtung bei abweichender Meinung. „Wenn wir Menschen töten, hat das einen Grund; wenn wir ihnen verbieten, ihre Meinung zu äußern, geschieht es zu ihrem Besten“, fasst eine der kritischsten Strömungen gegenüber der offiziellen Erzählung mit bitterem Unterton zusammen.
Auf der anderen Seite verteidigt man den westlichen Rahmen: In Spanien gibt es keine schwarzen Gefängnisse, und wer ins Gefängnis kommt, tut dies aufgrund einer richterlichen Entscheidung, nicht wegen Dissidenz. Der Vergleich mit Russland, China oder Venezuela dient als Schlussargument: Dort wäre ein Forum wie dieses geschlossen und die Verantwortlichen angeklagt. Der Zusammenprall dieser beiden Visionen – überwachte Freiheit versus eingestandener Autoritarismus – ist einer der Pole, die die meisten Emotionen hervorrufen.
Sankt Petersburg gegen Oslo: Der Krieg um die Lebensqualität
Die Debatte verheddert sich in einem unerwarteten Vergleich: Lebt man besser in Russland oder in Europa? Eine Seite argumentiert, dass jeder russische Bürger der Unterschicht tauschen würde, um in jedem europäischen Land mit seinen Gehältern und Dienstleistungen zu leben. Die andere Seite entgegnet, dass Sankt Petersburg eine der schönsten Städte der Welt sei, inspiriert von Europa, und dass die Fähigkeit der Slawen, Elend zu ertragen, die der Westler übersteige. Die Ironie des Austauschs – „Ich gehe nach Detroit, du gehst nach Sankt Petersburg“ – verdeutlicht die Unmöglichkeit, den Streit mit Daten zu klären.
Das Attentat, das alles änderte
Die Unterhaltung verschiebt sich auf die Ermordung der Tochter des Ideologen Alexander Dugin, die der Kreml der Ukraine zuschreibt. Die dominierende Lesart in bestimmten Sektoren ist, dass Russland seine Strategie nicht wegen eines Terroranschlags ändern wird und die Jagd nach den Verantwortlichen als sicher gilt. Andere sehen in dem Vorfall eine Ausrede, um den Konflikt zu eskalieren. Was niemand bestreitet, ist, dass das Schachbrett unberechenbarer geworden ist.
Am Ende bleibt die Frage unbeantwortet: Wenn Moskau den Winter auf seiner Seite hat, die europäische Industrie in die Enge getrieben ist und die Ukraine blutet, warum Munition für Kiew verschwenden? Vielleicht weil derjenige, der zu lange wartet, schließlich feststellt, dass die Zeit auch für die Gegenseite spielt.
Zusammenfassung einer Diskussion auf Burbuja.info - Foro de economía, actualidad y política., aus dem Spanischen übersetzt und vor der Veröffentlichung geprüft.
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