Klassik-Kanon: Von Bach bis Vivaldi, zeitlos dank Katalognummern

Der klassische Kanon wird durch Werkverzeichnisse strukturiert: von Bachs Brandenburgischen Konzerten (BWV) über Mozarts Requiem-Varianten bis zu Vivaldi.

Deutsch · Ursprüngliche Diskussion auf Spanisch · Veröffentlicht

Klassik-Kanon: Von Bach bis Vivaldi, zeitlos dank Katalognummern
Von Bach bis Vivaldi: Der Klassik-Kanon, verteidigt durch Katalognummern

Das klassische Repertoire ist nicht verhandelbar: Es wird mit der Opus-Nummer voran präsentiert. Dieser Gestus, der wie Konservatoriums-Pedanterie klingt, funktioniert in Wirklichkeit als Qualitätskontrolle. Die Kette der Empfehlungen hat eine Liste sedimentiert, die bei einem Wiener Walzer beginnt und fast immer bei Vivaldi endet. Dazwischen passen ein Konzert für E-Gitarre, mehrere Versionen von Mozarts Requiem und eine Reihe von Katalogen — BWV, K., Op., HWV —, die als Garantie dafür dienen, dass man das „Gute“ gehört hat. Die klassische Musik kommt hier geordnet nach Zahlen heraus, nicht nach Adjektiven.

Vom Wiener Walzer zur Eroica: Der Anfang

Der Ausgangspunkt könnte konservativer nicht sein: die Sphärenklänge, Walzer, Op. 235, unter Christian Thielemann an der Spitze der Wiener Philharmoniker. Neujahrsorchester, Neujahrstaktstock. Ab dort wurde es wild und alles Mögliche tauchte auf: ein Concerto Suite for Electric Guitar and Orchestra in E Flat Minor Op.1, Beethovens Sinfonie Nr. 3 «Eroica» in der Lesart von Leonard Bernstein, der Marsch aus Suppés Fatinitza, Saint-Saëns' Danse macabre, Wagners Ouvertüre zu Rienzi und Waldteufels Les Patineurs Op. 183.

Die Mischung hat ihre Logik. Walzer und Polka gehen leicht rein; die Sinfonie verlangt Geduld; das Konzertrepertoire schlüpft durch die Hintertür hinein. Auffällig ist, dass die Auswahl nicht nach Schwierigkeit oder Epochen sortiert wurde, sondern nach dem Wunsch, etwas zu hören, das nicht enttäuscht.

Bach als Rückgrat: Brandenburg, Magnificat und BWV 1047

Was das Ganze zusammenhält, ist Baches Katalog. Das Brandenburgische Konzert Nr. 2 in F-Dur BWV 1047 erscheint immer wieder als Referenz des orchestralen Barocks, und daneben entfalten sich das Magnificat in D-Dur BWV 243, nummerweise aufgeschlüsselt — Et exultavit, Omnes generationes, Fecit potentiam, Esurientes implevit bonis —, das Doppelkonzert für Violine BWV 1043, das «Erbarme dich» aus der Matthäus-Passion, die Toccata und Fuge BWV 565, das «Jesus bleibet meine Freude» BWV 147 und das Andante aus der Orgelsonate Nr. 4.

Es gibt einen praktischen Grund für so viel Nummerierung: BWV ermöglicht die Suche ohne Kenntnis des Titels. Der Katalog dient als Landkarte. Und wenn das Material über Bach hinausgeht, dann Richtung Händel — das «Alexander's Antiestéticast» HWV 318 — oder zum Adagio des Oboenkonzerts in d-Moll von Alessandro Marcello, dem gängigsten barocken Einstiegstor nach den Vier Jahreszeiten.

Warum ist das Requiem das am häufigsten wiederholte Werk?

Weil es das Genre ist, das den Versionswechsel am besten verträgt, ohne den Faden zu verlieren. Mozarts Totenmesse erscheint dirigiert von James Gaffigan, Teodor Currentzis und Claudio Abbado bei den Berliner Philharmonikern. Das «Dies irae», das «Confutatis», das «Rex tremendae» und das «Lacrimosa» funktionieren als Einzelstücke und zirkulieren deshalb außerhalb des Kontexts.

Begleitet wird Mozart vom Requiem von André Campra in der Version von Emmanuelle Haïm mit Le Concert d'Astrée, dem Requiem von Tomás Luis de Victoria, dem Requiem Op. 148 von Donizetti und, abschließend, Verdis Requiem unter Daniele Gatti. Zur Liste gesellen sich die Missa Sacra Op. 147 und das Miserere von Gregorio Allegri, datiert auf 1638 und geschrieben für den Chor der Sixtinischen Kapelle unter Urban VIII.

Der chorale Block wiegt schwerer, als es für ein vermeintlich instrumentales Repertoire scheint. Der Grund ist nicht devotional, sondern akustisch. Eine gut aufgezeichnete Polyphonie füllt den Raum mit weniger Aufwand als ein Orchester.

Das Klavier beansprucht die Hälfte der Liste

Hier gibt es keine Diskussion. Das Soloklavier monopolisiert die Empfehlungen: Chopins Berceuse in Des-Dur Op. 57, das Nocturne Op. 27 Nr. 2, das Klavierkonzert Nr. 1 in e-Moll mit Olga Scheps, Beethovens Klavierkonzert Nr. 3 mit Alice Sara Ott und Mozarts Konzert in d-Moll K. 466 mit Mitsuko Uchida, das zitiert wird wie die Bibel.

Es gibt auch eine jüngere Linie, die nicht immer gut aufgenommen wird: Sofiane Pamart, Yiruma und Yukie Nishimura treten in dieselbe Konversation wie Grigory Sokolov, der Rameaus Les Cyclopes spielt, oder Bertrand Chamayou mit Chopin. Die Grenze zwischen klassischer Musik und dem, was manche Neoklassik aus Playlists nennen, ist keineswegs klar, und hier kümmert sich niemand darum, sie zu ziehen.

Dazwischen erscheinen Händels Sarabande, Berlioz' Fantasie, bewegungweise analysiert, die Cellos, die Bach verdoppeln, und, natürlich, das «Für Elise», das Tor, durch das fast alle eingetreten sind.

Vivaldi, die Oper und das Zitat, das alles beschließt

Jede Liste dieser Art endet gleich: mit Den vier Jahreszeiten. Es ist das am meisten wiederholte Werk und das am heftigsten diskutierte in seiner Überreiztheit. «Mein Lieblingsgeiger ist Vivaldi. Gerade *Die vier Jahreszeiten* ist meisterhaft. Unüberbietbar. Das Erste, was auf YouTube rauskommt», fasst einer der Teilnehmer zusammen. Winter und Frühling erscheinen sogar in Solo-Klavier-Versionen, was einen Hinweis auf den Grad der Ausplünderung gibt, die die Partitur erträgt.

Herum machen Oper und orchestrales Repertoire Masse: Rossinis Ouvertüre zu Wilhelm Tell, Suppés Leichte Kavallerie, das Präludium und die Aragonaise aus Bizets Carmen — auch mit Karajan —, Purcells Didos Lamento, Strauss' Don Quixote mit Rostropovich und Karajan und das Walzer-Scherzo aus Shostakowitschs Ballettsuite Nr. 1.

Das Ritual des Neujahrskonzerts]

Das menschliche Element des Repertoires hat Datum und Uhrzeit. «Ich bin ein Liebhaber des Neujahrskonzerts. Wenn ich es nicht im TV sehe, werde ich nervös», erzählt ein Teilnehmer, der seine Liturgie beschreibt: Aufstehen ohne Kater, duschen, Frühstück an einem guten Ort und zurück nach Hause gegen 11 Uhr, bevor die Show losgeht. Einen Sitzplatz im Theater zu bekommen, bemerkt er sarkastisch, ist eine Frage des Geldes.

Diese Verankerung erklärt, warum die Liste immer wieder bei Strauss und den Wiener Philharmonikern landet. Es ist keine ästhetische Wahl: Es ist eine Familientradition, Sofa und Tischdecke. Dieselbe Logik taucht am Ende der Zusammenstellung auf, wenn das Repertoire den Opfern einer Katastrophe gewidmet wird und Verdis Requiem erklingt. Klassische Musik dient sowohl der Feier als auch der Trauer.

Mit diesem Material wäre es vorhersehbar, dass der Kanon sich schließt und niemand ein Stück bewegt. Das wird nicht passieren. Der Eintritt aktueller Pianisten und Arrangements für Instrumente, die bei der Komposition noch nicht existierten, wird die Liste weiter spannen, und es ist wahrscheinlich, dass in einigen Jahren die Opus-Nummer dieselbe bleibt, während der Interpret sich völlig geändert hat. Das ist die Wette. Wer gesehen hat, was mit den Einzelversionen des Requiems passierte, weiß, dass sie stimmt.

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Zusammenfassung einer Diskussion auf Burbuja.info - Foro de economía, actualidad y política., aus dem Spanischen übersetzt und vor der Veröffentlichung geprüft. Die ganze Diskussion lesen (581 Antworten).

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