Katalonien-Prozess: Veruntreuung rückt in den Fokus

Im Prozess gegen die Anführer des Unabhängigkeitsbestrebens wird Veruntreuung zum Kern der Anklage, während die Verteidigung an Glaubwürdigkeit verliert.

Deutsch · Ursprüngliche Diskussion auf Spanisch · Veröffentlicht

Katalonien-Prozess: Veruntreuung rückt in den Fokus
Der Katalonien-Prozess nähert sich dem Ende mit Veruntreuung als Hauptanklagepunkt

[P]In einer Schule im Stadtteil Sant Andreu de Palomar musste ein Unteroffizier der Guardia Civil am 1. Oktober 2017 unter Beschimpfungen zurückweichen, während seine Kollegen Urnenkisten trugen. Ein Jahr später diente dieser Vorfall vor dem Tribunal Supremo (Oberster Gerichtshof) als Beweis. Die mündliche Verhandlung gegen die Anführer des Unabhängigkeitsversuchs – mit Anklagen wegen Rebellion, Aufruhr und Veruntreuung – ging ihrem Ende entgegen. Dabei zeichnete sich eine Wende ab, die selbst die Anklageschriften nicht so stark betont hatten: Die Veruntreuung öffentlicher Gelder begann, als das solideste Element der Anklage zu gelten.[/P]

[P]Die Struktur des Falls war nicht neu, aber der Ton hatte sich geändert. Dieselben Anwälte, die im Oktober 2017 die Massen auf Plätzen angefeuert hatten, saßen nun im Saal 2 des Obersten Gerichtshofs und wiederholten bei jedem Zeugen der Polizei dieselbe Litanei: Ob es Übergriffe gab, ob Nachbarn „som gent de pau“ („Wir sind friedliche Menschen“) sangen, ob jemand ein Schild für einen republikanischen Aufruf halten konnte. Das Skript brach jedes Mal zusammen, wenn der Zeuge nicht kooperierte. Erklären Sie, erklären Sie, beharrte die Verteidigung, während der Befragte nur einsilbig antwortete.[/P]

Verteidigungszeugen stützen die Erzählung nicht

[P]Die Liste der Zeugen, die die These eines friedlichen Referendums unterstützen sollten, wurde Tag für Tag zur Munition für die Staatsanwaltschaft. Der Richter, der das ursprüngliche Verfahren leitete, bezeichnete die Aussagen der ersten von der Verteidigung benannten Zeugen als „unbedeutend“. Mehrere Personen gaben zu, Polizisten beleidigt zu haben; keiner konnte die Verletzungen nachweisen, die angeblich zu Krankenhausaufenthalten geführt hatten. Einer konnte die Grundbehauptung der Anklage – dass die Polizei ohne Vorwarnung vorgegangen sei – nicht bestätigen, als er gebeten wurde, den genauen Punkt in der Schule zu präzisieren.[/P]

[P]Der Rest verlief ähnlich. Ein Zeuge räumte ein, dass Berge von Bewohnern vor den Wahllokalen den Durchgang der Streifenwagen physisch blockierten, betonte jedoch weiterhin die Friedlichkeit der Blockade. Ein anderer, gerufen von der Verteidigung des Präsidenten von Òmnium Cultural, stockte, als er nach den Beleidigungen gefragt wurde, die er selbst gegen die Beamten ausgesprochen hatte. Die separatistischen Anwälte begannen unruhig zu werden, als ihre Darstellung nicht mit dem im Gerichtssaal gezeigten Video übereinstimmte.[/P]

[P]Es gab sogar ein Element, das die Anklage ohne Zeugen vorlegen konnte. Die Guardia Civil stellte eine Aufnahme zur Verfügung, in der eine mossa d’esquadra (ein katalanischer Begriff für eine Art Straßenkampf- oder Protestgruppe) die Beamten anschrie, statt ihnen zu helfen. Gleichzeitig war im Video zu sehen, wie kommunale Ordnungshüter mit der Justiz kollaborierten. Diese Symmetrie existierte nicht. Und es war keine Meinung, sondern die Transkription des Aufgenommenen.[/P]

Die Kosten des 1-O: Veruntreuung tritt ins Rampenlicht

[P]Die Finanzarithmetik des abgesagten Referendums war der zweite große Schwerpunkt. Im Laufe der Sitzungen wurde klar, dass die Anklage wegen Veruntreuung kein rhetorischer Zusatz war, sondern das finanzielle Fundament des gesamten Falls. Die Staatsanwaltschaft argumentierte, dass die Regionalregierung öffentliche Mittel zur Finanzierung der Abstimmung verwendet habe. Dies geschah über Rechnungen von Firmen wie Unipost, durch intransparente Posten und mit der Duldung von Verantwortlichen öffentlich-rechtlicher Medien. Eine Richterin leitete Ermittlungen gegen die Direktoren von TV3 und Catalunya Ràdio wegen ihrer Beteiligung an den Vorbereitungen des 1-O ein, wie aus den Akten hervorging.[/P]

[P]Das Kapitel der Rechnungen führte zu einer der meistdiskutierten Paradoxien des Prozesses. Dutzende Dienstleister erklärten, ihre Leistungen seien unentgeltlich oder mit gestundeter Zahlung erbracht worden. Die Anklage rekonstruierte dies als versteckte Finanzierung. Aus buchhalterischer Sicht entspricht der Verzicht auf Bezahlung einer Spende, einem Bereich, in dem die Gesetze zur Parteienfinanzierung strenge Grenzen setzen. Die Ironie, dass Dienstleister von Gläubigern zu vermeintlichen Teilnehmern am Geldfluss wurden, vergiftete mehrere Sitzungstage.[/P]

[P]Die Verteidigung versuchte, die finanzielle Front mit dem Argument zu entkräften, dass die Regionalregierung innerhalb ihrer autonomen Kompetenzen gehandelt habe und die Überweisungen legitim seien. Die Anwälte konnten dies jedoch nicht mit Dokumenten widerlegen. Dieser Umstand – dass der Teil des Falls, in dem sich die Anklage am sichersten fühlt, nicht die Rebellion ist, sondern die Kasse – erklärt, warum die öffentliche Debatte darauf abzielte, welches Delikt am Ende Bestand haben würde.[/P]

Internationale Beobachter und die Rechnung über 8.000 Euro

[P]Der Tag mit den heftigsten Wortgefechten kam mit der Aussage zweier internationaler Beobachter, die den Prozess mit Unterstützung der Generalitat (Regionalregierung) verfolgt hatten. Ein deutscher Politiker und eine Neuseeländerin sagten über Dolmetscher aus. Ihr Einsatz war zudem mit etwa 8.000 Euro vergütet worden, weil sie ein Team leiteten, das einen Bericht erstellte, dessen Auftraggeber unklar blieb, wie während der Verhandlung betont wurde.[/P]

[P]Die Verteidigung versuchte, beide Zeugen zu Notaren der demokratischen Normalität des Separatismus zu machen. Die Anklage nutzte hingegen die Schwachstellen aus: Dass der Deutsche die Polizeiarbeit beurteilte, obwohl er nicht vor Ort war; dass seine Beziehung zur Unabhängigkeitsbewegung vor dem Prozess bestand; dass der Bericht die Methodik seiner Schlussfolgerungen nicht belegte. Das Ergebnis war, dass selbst die Zeugen, die die Hauptthese der Verteidigung stützen sollten, nicht das erwartete Profil lieferten.[/P]

[P]Das wirtschaftliche Detail verschob die Diskussion auf unangenehmeres Terrain: Wer bezahlt internationale Garantien für eine politische Sache? Manche behaupten, solche Berichte würden mit öffentlichen Geldern der Autonomen Gemeinschaft finanziert; andere kontern, dass auch Staaten externe Berater engagieren, wenn es ihnen passt. Die Kontroverse wurde nicht gelöst, aber das Detail der Vergütung wurde Teil der Prozessgeschichte und blieb dort.[/P]

UN-Beschluss und Echo im New York Times

[P]Während Saal 2 weiter Zeugen hörte, verlagerte sich der politische Puls auf internationale Gremien. Der Präsident der Generalitat präsentierte als Rückhalt für die Sache einen Beschluss der Arbeitsgruppe der UN für willkürliche Inhaftierungen, die die Freilassung mehrerer Angeklagter forderte. Der Text erhielt breite mediale Aufmerksamkeit und wurde als Missbilligung des Verfahrens dargestellt. Im Hintergrund lag eine klassische diplomatische Krise: Die spanische Regierung wies die Schlussfolgerungen zurück, die internationale Presse griff die Ablehnung auf, und die Debatte drehte sich darum, ob das Gremium „unter dem Dach“ der Vereinten Nationen oder „als“ die Vereinten Nationen handelte.[/P]

[P]Der Vorsitzende der Gruppe, die den Beschluss unterzeichnete – ein Jurist mit vorheriger umstrittener Karriere in Mexiko – wurde zum Zielscheibe. Der Vorwurf der Parteilichkeit zirkulierte intensiv, erreichte aber nie beweisbaren Boden. Die Verteidigung bestand auf der Autorität des Beschlusses gegenüber jedem innerstaatlichen Urteil. Es ist eine Debatte, die offen bleibt und wahrscheinlich nicht mit der mündlichen Verhandlung enden wird.[/P]

[P]Die andere mediale Front war das New York Times. Ein Artikel des New Yorker Blattes, dessen Originaltitel die Formulierung „Jailed Catalans“ (Inhaftierte Katalanen) enthielt, wurde als internationale Validierung der separatistischen Erzählung gelesen. Die Gegenlesung, gestützt auf die Unterschrift des Korrespondenten und seine bekannte Sympathie für die Bewegung, folgte prompt. Im Grunde wurde der Kampf nicht mehr nur im Gerichtssaal geführt, sondern auch in der Übersetzung von vier Worten in die Sprache der globalen Presse.[/P]

Puigdemont, Europawahl und das nicht abgeholte Mandat

[P]Der Ex-Präsident, seit Ende 2017 in Belgien ansässig, wählte den europäischen Wahlkalender als Plattform. Er kündigte seine Kandidatur für die Europawahlen an und rief dazu auf, ihn „für alle zu wählen, die uns zum Schweigen bringen, besiegen, einkerkern und vergessen wollen“. Die Parole zirkulierte unter baskischen und katalanischen Sympathisanten: Das Ziel war nicht nur ein Sitz in Brüssel, sondern ein symbolischer Sieg gegen die spanische Justiz und das, was er als mediale Belagerung empfand.[/P]

[P]Das offensichtliche Problem war das Mandat. Ein Europaabgeordneter, der spanisches Territorium nicht ohne Festnahmerisiko betreten kann, hat Schwierigkeiten, sein Credential in Madrid abzuholen. Die kursierende Hypothese war, dass er dies in der deutschen Botschaft oder gar in einem Konsulat tun könnte, mit all den damit verbundenen diplomatischen Implikationen. Niemand konkretisierte das Verfahren. Die Paradoxie schwebte im Raum: Um die Wahl zu validieren, muss man nach Madrid; um nach Madrid zurückzukehren, muss man die juristischen Kosten kalkulieren. Das Symbol funktionierte besser als die Logistik.[/P]

Erosion an der Urne: Barcelona und die eingefrorene Basis

[P]Die separatistische Erzählung war nicht nur vor dem Obersten Gerichtshof angeschlagen. Die Kommunalwahlen im Mai 2019 ließen ERC (Republikanische Linke Kataloniens) und Junts per Catalunya (Gemeinsam für Katalonien) unter der absoluten Mehrheit im Stadtrat von Barcelona fallen. Die Sprecherin der Regionalregierung behauptete öffentlich, „der Separatismus hat in Barcelona gewonnen“, obwohl die Ergebnisse das Gegenteil zeigten: Die Sitze des Blocks waren von 18 auf 15 gesunken, bei insgesamt 41 Mandaten. Der Moment wurde weithin als Symptom für die wachsende Kluft zwischen Rhetorik und Zahlen kommentiert.[/P]

[P]Die Marke 50+1 (die absolute Mehrheit) hielt sich hartnäckig. Der Schwellenwert blieb trotz geweckter Erwartungen praktisch eingefroren. Die Anerkennung – fast geflüstert – begann in der eigenen separatisistischen Szene zu zirkulieren: Die Bewegung habe ihr Wachstum auf dem einzigen Feld, wo wirklich gezählt wird, dem der Stimmen, gestoppt. Die Aussage, formuliert aus der eigenen Ecke, war vernichtender als jeder Leitartikel.[/P]

Europa, deutsche Richter und das äußere Alibi

[P]Das Argument der Illegitimität des spanischen Verfahrens hatte seinen Eckstein in der europäischen Justiz. Ein deutsches Gericht hatte die Auslieferung des Ex-Präsidenten wegen des Delikts der Rebellion abgelehnt – ein Schlag, den die Verteidigung als Beweis nutzte, dass der Fall außerhalb Spaniens nicht haltbar sei. Die Gegenseite antwortete, die Ablehnung betreffe die technische Einordnung des Delikts, nicht die Fakten, und Spanien bleibe das einzige Land mit Zuständigkeit für deren Beurteilung.[/P]

[P]Der diplomatische Puls hallte in Institutionen wider. Rund fünfzig französische Senatoren bekundeten laut Material der Diskussion ihre öffentliche Unterstützung für die separatistische Sache. Und in Frankreich, wie im Rest der EU, ist die Anerkennung der Selbstbestimmung einer Region nicht im Rechtsrahmen verankert. Das äußere Alibi funktionierte in den Schlagzeilen; es scheiterte an den Gesetzbüchern.[/P]

[P]Dies war vielleicht der zynischste Punkt des gesamten Prozesses: Ein Teil der öffentlichen Debatte drehte sich nicht mehr darum, ob die Fakten passiert waren, sondern welches der drei Delikte das Urteil überleben würde. Die am häufigsten zitierte Hypothese unter den disziplinierten Beobachtern war, dass die Veruntreuung das Stück sein werde, das einen eventuellen Europäischen Haftbefehl stützt, da Rebellion und Aufruhr in Nordeuropa auf gerichtlichen Widerstand stoßen könnten. Niemand bestätigte es. Niemand schloss es aus.[/P]

Der Rückstand des Prozesses

[P]Die zweite große Front, die der Prozess hinterließ, war nicht politisch, sondern wirtschaftlich. Die Flucht von Unternehmen, die Katalonien nach der Flucht des Ex-Präsidenten verließen, war ein anhaltender Tropfen, der 4.500 Gesellschaften überstieg, laut den damals kursierenden Daten. Die bitterste Lesart, geteilt sogar von einigen Managern aus dem barcelonesischen Produktionsgewebe, war, dass drei Viertel dieser Firmen nicht zurückkehren würden. Änderungen des steuerlichen Sitzes sind nicht per Dekret reversibel.[/P]

[P]Mit dieser Last deutete sich das Szenario nach dem Urteil als komplex für die Generalitat an: mehr internationale Propaganda, weniger fiskalischer Spielraum, um die interne Rechnung zu bezahlen. Und mit einer separatistischen Bewegung, fragmentiert zwischen zwei Parteien, die nicht mehr miteinander sprachen, begann die Erzählung der Straßen ein teures Gut zu werden. In den Worten eines katalanischen Wirtschaftsanalysten hatte die Unternehmensflucht kein jüngeres Pendant in der westlichen Welt.[/P]

[P]Der Prozess nahm seinen Lauf.

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Zusammenfassung einer Diskussion auf Burbuja.info - Foro de economía, actualidad y política., aus dem Spanischen übersetzt und vor der Veröffentlichung geprüft. Die ganze Diskussion lesen (13389 Antworten).

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