Identitätskrise in Katalonien: Der Konflikt nach dem Unabhängigkeitsprozess

In Katalonien tobt ein Streit über die nationale Identität: Reicht das Wohnen dort aus, oder sind Sprache und Zugehörigkeit Pflicht?

Deutsch · Ursprüngliche Diskussion auf Spanisch · Veröffentlicht

Identitätskrise in Katalonien: Der Konflikt nach dem Unabhängigkeitsprozess
In Katalonien leben, ohne sich als Katalane zu fühlen: Der Identitätskonflikt

«Hi ha gent a Catalunya que no vol ser catalana». Dieser Satz, der Santiago Espot zugeschrieben wird, löste eine heftige Debatte aus. Die zentrale Frage bleibt unbeantwortet: Wie viele Bewohner Kataloniens fühlen sich nicht als Katalanen? Das Thema ist zum Gradmesser für den Identitätsverschleiß nach dem procés (dem katalanischen Unabhängigkeitsprozess) geworden und stellt das alte Mantra «Wir sind alle Katalanen» infrage. Denn wenn dies wahr wäre, müsste niemand danach fragen.

Die Berichte folgen einem unbequemen Muster. Es sind nicht nur Zuwanderer. Auch gebürtige Katalanen mit typisch katalanischen Nachnamen und einer Kindheit in der Region sagen, sie erkennen sich im offiziellen Narrativ nicht wieder. Andere argumentieren im Gegenzug, dass man gleichzeitig Katalane und Spanier sein kann und niemand gezwungen werden sollte, sich zu entscheiden.

Wer darf sich Katalane nennen?

Der schwierigste Fall betrifft keinen Neuankömmling. Es geht um jemanden, der angibt, sieben katalanische Nachnamen zu haben, an Castells und Calçotades teilgenommen und seine Sommer in einem esplai verbracht zu haben – und dennoch aufhört, sich als Katalane zu fühlen, sobald er die Universität betritt und mit Menschen aus anderen Regionen zusammentrifft. Diese Geschichte taucht in verschiedenen Varianten auf. Ein anderer Bewohner der Provinz Girona merkt an, dass er erst ein Sechstel seines Lebens in Katalonien verbracht hat. Eine dritte Person erklärt, nur sechs Monate im Jahr in der Region zu wohnen.

Einige vertreten die Ansicht, dass Identität weder vererbt noch aufgezwungen wird, sondern gewählt und gefühlt werden muss. Dem widerspricht eine andere Strömung: Die katalanische Identität habe konkrete Marker – Sprache, nationales Gefühl, politisches Projekt – und wer diese nicht teile, gehöre nicht dazu, egal wie lange er dort lebe. Der Konflikt zwischen diesen beiden Sichtweisen ist der eigentliche Kern der Sache.

Katalanisch in der Schule: Seit 1977 Pflicht

Einer der detailliertesten Berichte bezieht sich auf das Bildungssystem. Ein Teilnehmer, geboren und aufgewachsen in Barcelona, 35 Jahre in der Stadt, sieht den Schlüssel im Schuljahr 1977-1978, als Katalanisch laut seiner Aussage an seiner Schule zur täglichen Pflichtstunde wurde. Die Anekdote ist scharf formuliert: Während der Englischunterricht bei Grundlagen blieb, gab es beim Katalanischunterricht fünf Lehrbücher gleichzeitig, inklusive Grammatik, Geschichte und Literatur. Für diesen Zeugen ist dieses Ungleichgewicht ein weiteres Puzzleteil des Identitätsstreits.

Girona oder Gerona: Auch der Name ist umstritten

Die Diskussion geht ins Detail. Wenn jemand den Ortsnamen in seiner katalanischen Form schreibt, korrigiert ihn ein anderer und wirft ihm vor, dass er auf Spanisch Gerona geschrieben werde. Die Antwort kommt prompt: Die offizielle Form sei Girona, so stehe es auch auf allen Schildern. Die Toponymie wird so zum Miniatur-Schlachtfeld, wo ein einzelner Buchstabe darüber entscheidet, wer zur imaginierten Gemeinschaft gehört und wer nicht.

Der Bruch durch den procés in Familien und Nachbarschaften

Mehrere Zeugen sehen den Wendepunkt im procés. Eine in Barcelona geborene Teilnehmerin, die sich sowohl als Katalanin als auch als Spanierin definiert, berichtet, dass der Bruch bis vor die Schultüren reichte, mit Blicken und Kommentaren beim Abholen der Kinder. «Der procés hat der katalanischen Gesellschaft großen Schaden zugefügt», fasst sie zusammen und fügt hinzu, dass es vorher keine Probleme zwischen Befürwortern und Gegnern der Unabhängigkeit gab. Laut mehreren Berichten wurde der Alltag zum Minenfeld.

Fiskalische Benachteiligung als Treibstoff

Die Debatte beschränkt sich nicht auf Identität. Die alte Wunde des Geldes öffnet sich wieder: Manche behaupten, Katalonien trage ganz Spanien, während andere entgegnen, dass diese Erzählung der Benachteiligung nur als Vorwand diene. Der Verweis auf einen Arbeiter in Soria, der «wie ein Tier schuften muss», dient als Gegenbeispiel. Es ist die x-te Variante eines Konflikts, der Gefühl und Bilanz vermischt, ohne dass beide Seiten zusammenpassen.

Die Gebliebenen, die Weggezogenen und die Nicht-Einzuordnenden

Aus den Berichten ergeben sich drei Profile. Derjenige, der gegangen ist und ohne Nostalgie davon erzählt. Derjenige, der wegen Verpflichtungen – Arbeit, Familie, Hypothek – bleibt, obwohl er sagt, er fühle sich nicht als Katalane. Und derjenige, der dort geboren ist, sich aber als Fremder im eigenen Land beschreibt, intern ausgegrenzt und extern als «der Katalane» etikettiert. Dieses dritte Profil fasst die Paradoxie zusammen: Von außen zugewiesene Identität, von innen verweigerte Zugehörigkeit.

Mit den Berichten auf dem Tisch bleibt die Anfangsfrage unbeantwortet. Niemand hat eine Zahl genannt, und die Aussagen widersprechen sich gegenseitig. Die katalanische Identität wird heute weniger in Büros diskutiert als auf den Treppen der Schulen.

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Zusammenfassung einer Diskussion auf Burbuja.info - Foro de economía, actualidad y política., aus dem Spanischen übersetzt und vor der Veröffentlichung geprüft. Die ganze Diskussion lesen (432 Antworten).

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