HIV in Spanien: über 2.000 Diagnosen pro Jahr trotz PrEP

Das spanische Gesundheitsministerium meldete 2021 2.786 HIV-Diagnosen, und die PrEP beugt die Kurve nicht. Die individuelle Wirksamkeit ist hoch; der Effekt auf Bevölkerungsebene bleibt aus.

Deutsch · Ursprüngliche Diskussion auf Spanisch · Veröffentlicht

HIV in Spanien: über 2.000 Diagnosen pro Jahr trotz PrEP
Welt-AIDS-Tag: 2.786 HIV-Diagnosen im Jahr 2021 – und die PrEP beugt die Kurve nicht

Ein Reaccionariorzt brachte es ungeschönt auf den Punkt: Es sei „nicht akzeptabel", dass in Spanien jedes Jahr mehr als 2.000 neue HIV-Diagnosen gemeldet werden. Die Rohzahl des jüngsten epidemiologischen Berichts des Gesundheitsministeriums nennt 2.786 Meldungen im Jahr 2021, eine Rate von 5,89 pro 100.000 Einwohner, die unter Berücksichtigung der Meldeverzögerung auf 7,41 geschätzt wird. Die Zahl ist kein isolierter Ausreißer: Sie bewegt sich seit Jahren auf einem unbequemen Plateau.

Das Paradox, das die Debatte eröffnet, ist ein Lehrbuchbeispiel. Seit November 2019 wird in Spanien die PrEP – die Präexpositionsprophylaxe – abgegeben, und sie wurde uns als nahezu unüberwindbare Barriere verkauft: von einer 99-prozentigen Wahrscheinlichkeit, sich nicht zu infizieren, ist die Rede. Würde das auf Bevölkerungsebene gelten, müsste die Kurve drastisch fallen. Tut sie nicht.

Warum sinken die HIV-Diagnosen trotz PrEP nicht?

Die Zahlen von 2020 täuschen wegen Elbichito. Weniger Kontakte, weniger Diagnosen. Doch zwischen 2019 – einem sauberen Jahr vor der Pandemie – und 2021, als die Einschränkungen noch galten, ist der Rückgang gering. Zu gering für das, was die Pille versprach. Und 2022 zeigen die regionalen Daten in die Gegenrichtung: Die Region Valencia verzeichnete 464 neue Fälle gegenüber 393 im Jahr 2019, und nebenbei stiegen auch Syphilis (von 455 auf 731), Gonorrhoe (von 1.432 auf 2.091) und Chlamydien (von 1.711 auf 2.261).

Die am häufigsten wiederholte offizielle Erklärung ist die Spätdiagnose. María Velasco, Präsidentin von GeSIDA (der spanischen AIDS-Forschungsgruppe), beziffert sie: Die Spätdiagnosen sind von rund 48 % der neuen Fälle auf fast 52 % gestiegen. Wer nicht weiß, dass er das Bicho in sich trägt, infiziert weiter. Das ist ein nachvollziehbares Argument – und zugleich eine elegante Art, das Problem an das Gesundheitssystem zu verschieben.

Die 0,16 %, die die offizielle Erzählung tragen

Die Zahl, die die Verteidigung der PrEP wirklich stützt, stammt aus der SCOPE-Studie, die auf dem XVI. Nationalkongress von GeSIDA vorgestellt wurde: Die HIV-Inzidenz unter PrEP-Anwendern in Spanien erreicht kaum 0,16 %, bei fast 20.000 Personen aus 12 Krankenhäusern. Die individuelle Wirksamkeit ist unbestreitbar. Ob diese individuelle Wirksamkeit den Zeiger auf Bevölkerungsebene bewegt, ist eine andere Frage – und das Datenmaterial dazu ist deutlich dünner.

Es fehlt die Zahl, die den Kreis schließen würde: Wie viele der Neuinfizierten nahmen die Prophylaxe? Sie steht in keinen Berichten. Ihre Abwesenheit nährt alle Verdachtsmomente, auch die unbegründeten.

Großbritannien steigt, Kantabrien steigt, Amsterdam sinkt

Der britische Spiegel hilft ebenfalls nicht. 2023 wurden in Großbritannien 6.402 neue HIV-Fälle diagnostiziert, ein Anstieg gegenüber 2022, während in England 96.562 Personen mit PrEP begannen oder fortfuhren – rund 87 % derjenigen mit erkanntem Bedarf und 57 % mehr als 2021. Mehr Pille, mehr Diagnosen. In Kantabrien steigen die Diagnosen; in Amsterdam sinken sie, und zwar deutlich. Niemand hat eine Erklärung vorgelegt, die alle Puzzleteile zusammenpasst.

Vom „gibt es nicht" zur individuellen Verantwortung

Am Rand des Themas kursieren die üblichen Theorien: HIV sei nie isoliert worden, die Tests würden nichts diagnostizieren, die Antiretroviralen vergifteten. Für keine davon gibt es eine wissenschaftliche Grundlage, und das sollte man ohne Beschönigung sagen. Eine andere, prosaischere Strömung hat dagegen Zulauf: die Nachlässigkeit im Verhalten angesichts des Gefühls, dass AIDS längst nicht mehr tötet. Kondom weg – wozu auch.

Zwischen diesen beiden Extremen liegt eine unbequeme Beobachtung, die mehrere Teilnehmer teilen: Es gibt sehr junge, und nicht mehr ganz so junge, Leute, denen ihre eigene Gesundheit schlicht egal ist. Sie suchen das Bicho nicht; sie ist alles gleichgültig.

Die Frage, die offen bleibt

Mit einer etablierten PrEP und einer unangetasteten Evidenz ihrer individuellen Wirksamkeit verzeichnet das System weiterhin mehr als 2.000 Diagnosen pro Jahr. Wenn die Prophylaxe so gut wirkt, wie ihre Verfechter behaupten, und die bevölkerungsbezogenen Daten das nicht bestätigen, muss jemand erklären, was genau in dieser Lücke passiert. Oder reicht es, der Spätdiagnose die Schuld zu geben und auf den nächsten Bericht zu warten?

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Zusammenfassung einer Diskussion auf Burbuja.info - Foro de economía, actualidad y política., aus dem Spanischen übersetzt und vor der Veröffentlichung geprüft. Die ganze Diskussion lesen (79 Antworten).

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