Historiker: Reconquista Spaniens ist ein Mythos des 19. Jahrhunderts

Ein Nutzer behauptet, die spanische Reconquista sei eine Erfindung des 19. Jahrhunderts; andere sehen den Begriff bereits im Mittelalter verankert.

Deutsch · Ursprüngliche Diskussion auf Spanisch · Veröffentlicht

Historiker: Reconquista Spaniens ist ein Mythos des 19. Jahrhunderts
Warum die spanische Reconquista eine Erfindung des 19. Jahrhunderts ist

Acht Jahrhunderte Kämpfe, ein Begriff, der in Quellen kaum vorkommt, und ein Land, das noch nicht existierte. Dies ist der Cocktail, auf dem eine historiographische These basiert, die ein Teilnehmer des Debattenforums verteidigt: Die sogenannte spanische Reconquista war nie so etwas wie eine Rückeroberung. Das Wort, das sie benennt, verbreitete sich erst im 19. Jahrhundert, als zunächst konservative Bourbonen und später die Franco-Diktatur einen epischen Bericht über den nationalen Aufbau benötigten. Davor, so die Argumentation, sprach niemand von einer Reconquista.

Das erste Problem ist semantischer Natur. Rückerobern impliziert die Wiedererlangung von etwas, das einem zuvor gehörte. Die christlichen Königreiche, die nach Süden vorrückten, handelten jedoch nicht mit dem Ziel, das westgotische Reich von Toledo wiederherzustellen, sondern um ihre eigenen Herrschaftsbereiche zu erweitern. Kastilien, León, Aragón oder Portugal wuchsen auf Kosten ihrer Nachbarn. Der Horizont reichte zudem über die Iberische Halbinsel hinaus: Über Jahrhunderte hinweg wurde das Ideal gepflegt, Nordafrika zu erobern, und Karl V. erwog sogar, Konstantinopel für die Christenheit zurückzugewinnen. Der Antrieb war religiös und expansiv, nicht restaurativ.

Reconquista, Eroberung oder Wiederherstellung?

Hier herrscht Uneinigkeit. Für einige ist es rein eine Namensfrage: Die Halbinsel war vor Ankunft des Sarracin christlich und wurde es danach wieder, sodass eine religiöse Restauration stattgefunden habe, auch wenn die Königreiche neu waren. Zuerst Christentum, dann Sarracin, danach wieder Christentum – so lässt sich diese Lesart zusammenfassen. In dieser Linie würde die Identität Spaniens gerade im Kampf gegen den Sarracin geschmiedet worden sein.

Der Einwand lautet, dass es sich um zwei verschiedene Dinge handelt. Dass das Christentum wieder dominant wurde, macht den Prozess nicht zur Rückeroberung durch dieselben Königreiche: Die Menschen, die das eroberte Gebiet besiedelten, waren nicht dieselben, die acht Jahrhunderte zuvor gegangen waren. In vielen Fällen waren sie gar nicht weggegangen. Sie hatten sich bekehrt. Mozaraber und Muladi teilten zwar ihre Herkunft mit den Ankömmlingen aus dem Norden, aber nicht mehr ihre Sprache und Kultur.

Das Problem, sie „spanisch“ zu nennen

Wenn schon der Begriff Reconquista diskutabel ist, grenzt die Bezeichnung „spanisch“ an Anachronismus. Während der acht Jahrhunderte des christlichen Vormarsches gab es weder eine spanische Nation noch einen spanischen Staat, weder am Anfang, noch in der Mitte, noch am Ende. Spanien als moderne politische Entität entstand viel später: Nach einer Analyse erst nach dem Spanischen Erbfolgekrieg und mit der Verfassung von 1812.

Dort beginnt ein weiterer Streit, der das gesamte Thema durchzieht. Der historische Begriff Spanien, der die gesamte Halbinsel einschließlich Portugals umfasste, war stets geografisch, ethnisch und religiös definiert, aber niemals eine kulturelle Einheit. Daher versuchte jedes Königreich, seine Gesetze, seine Sprache und seine Normen dem Nachbarn aufzuzwingen. Kastilien gewann dieses Ringen, weshalb manche argumentieren, das Land sollte Kastilien heißen und nicht Spanien.

Die genetische Karte wird als Beweis für diese fehlende Einheit angeführt: Die Halbinsel gliedert sich eher in vertikale Achsen von Nord nach Süd – galizisch-portugiesisch, asturisch-leonesisch-extremadurisch, kantabrisch-kastilisch, aragonesisch-valencianisch, katalanisch-balearisch und baskisch-navarrisch – als in einen homogenen Block. Darauf basierend beschreiben einige Quellen Portugiesen und Spanier sogar als unterschiedliche Ethnien.

Doch nicht alle akzeptieren diesen Rahmen. Einige erinnern daran, dass der Begriff Spanien im Mittelalter nie aus der Verwendung verschwand und dass bereits im 7. Jahrhundert Isidor von Sevilla in seinen Etymologiae das Loblied auf Hispania sang. Christliche Monarchen nannten sich zeitweise imperator totius Hispaniae, Kaiser von ganz Spanien. Die spanische Nation existierte somit als ethnische, kulturelle und religiöse Realität lange bevor sie als moderne politische Nation bestand.

Westgoten, Asturier und der Kampf um das Erbe

Die klassische Erzählung stellt die christlichen Königreiche als Erben des Gotenreiches dar. Die Details komplizieren das Bild. Pelagius war kein Gothe, sondern ein Asturier, und manche vertraten die Ansicht, der Kern des Widerstands sei keine westgotische Restaurierung gewesen, sondern eine Eroberung durch die Asturier. Im 13. Jahrhundert war der Prozess zudem bereits abgeschlossen: Cádiz fiel 1262, und Granada wurde auf einen Tributstatus gegenüber Kastilien reduziert.

Die Beziehung zwischen Goten und hispano-römischen Bewohnern war auch nicht die eines Volkes, das seine Reinheit bewahren wollte. Sie kamen als Foederati im Dienst Roms, nicht als Invasoren mit Segregationsabsichten. Obwohl das Breviarium Alarici II aus dem Jahr 506 Mischehen noch verbot, lockerte sich die Norm bis zum Kodex Leovigilds. Beide Gruppen vermischten sich schließlich: Die Goten verloren ihre Sprache und ihren arianischen Glauben, während sie sich in der weitaus größeren Bevölkerung auflösten.

Hier liegt der Knackpunkt. Das westgotische Königreich repräsentierte laut einem Teilnehmer nur eine Minderheit in einem Ozean aus hispano-römischer Bevölkerung; manche schätzen diese Minderheit auf lediglich 2 %. Sein Erbe Jahrhunderte später einzufordern, hatte mehr den Charakter einer dynastischen Legitimierungsoperation als historisches Gedächtnis. Nicht zufällig leiteten die ersten Grafen von Barcelona, bereits unter fränkischer Oberhoheit, ihre Abstammung von der gotischen Aristokratie ab.

Was bleibt vom Narrativ übrig?

Der Streit ist ungelöst. Befürworter der starken These behaupten, das gesamte Gebäude sei eine Konstruktion des 19. Jahrhunderts, die vom Franquismus wiederverwendet wurde, und immer mehr Historiker ziehen es vor, von einer christlichen Eroberung zu sprechen. Kritiker entgegnen, dass die Chroniken der Zeit den Vormarsch durchaus als Rückgewinnung auffassten und dass der Begriff Spanien in Texten auftaucht, die weit vor die Bourbonen fallen.

Ein dritter, prosaischer Ansatz reduziert alles auf Interessen, Pragmatismus und Zufälle: Versprengte gotische Adlige, lokale Eliten, die Legitimität suchten, eine Religion, die zur Fahne wurde, und Dynastien, die sich als Erben des Reiches von Toledo präsentieren mussten. Dass der Begriff umstritten ist, macht den Prozess nicht zur Fiktion, aber sehr wohl zum Schlachtfeld für das Narrativ.

Die Diskussion über den Namen ist im Grunde eine Diskussion über die Gegenwart. Darüber, welches Spanien gelehrt wird, wer das Narrativ schreibt und wem es nützt. Und hier, im Bereich der Worte, gerät die Analyse ins Stocken: Manche führen die Idee auf das 7. Jahrhundert zurück, andere schieben sie ins 19., und keine Seite gibt nach. Ohne Einigung darüber, wann der Begriff entstand, gibt es auch keinen Konsens darüber, was er benennt.

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Zusammenfassung einer Diskussion auf Burbuja.info - Foro de economía, actualidad y política., aus dem Spanischen übersetzt und vor der Veröffentlichung geprüft. Die ganze Diskussion lesen (205 Antworten).

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