Gitarren-Virtuosität ohne Aussagekraft
Reicht es aus, mehr Noten pro Sekunde zu spielen als jeder andere, um ein großer Musiker zu sein? Die Diskussion beginnt mit einem Video, das ebenso viel Staunen wie Misstrauen hervorruft: Ein Gitarrist führt unmögliche Passagen aus, und die sofortige Reaktion ist Skepsis. Das ist keine Floskel. Die Technik blendet, aber das geschulte Ohr fragt, wo die Musik bleibt. Innerhalb weniger Stunden entwickelt sich das Thema in unangenehmere Gefilde: die Distanz zwischen dem Spektakulären und dem Erhabenen, zwischen Jahrmarkttrick und Kunstwerk.
Marcin und der Stil, der ein Orchester imitiert
Der Name, der den ersten Teil des Gesprächs dominiert, ist Marcin, ein Gitarrist, der einen eigenen Stil aufgebaut hat, basierend auf Percussion auf dem Instrumentenkörper, Obertönen und Arrangements, die ein Orchester imitieren. Wer ihn seit Jahren verfolgt, erkennt das Verdienst an: Er hat eine Schule geschaffen, ist rasant aufgestiegen und zieht ein Publikum an, das normalerweise keine Akustikgitarre hört. Das Problem, so die kritischen Stimmen, ist, dass die verwendete Harmonik oft lächerlich ist: Akkorde in enger Lage, null modaler Austausch, keine Substitut-Akkorde. Viel Lärm um wenig harmonische Substanz.
Der Vergleich, der die Uneinigkeit ordnet, ist schonungslos: Der Unterschied zwischen diesem Gitarristen und Paco de Lucía ist derselbe wie zwischen dem Spektakulären und dem Erhabenen. Das ist kein geringfügiges Urteil. Flamenco verlangt teuflische Rhythmen, harmonisches Wissen und eine Technik, die für alles, was Manolo Sanlúcar spielt, weit mehr erfordert als das schnellste Sweep-Picking. Und dennoch ist die moderne Akustikgitarre zur Auslage geworden, in der alle dasselbe tun: Percussion mit Obertönen, maximale Reverb, umhüllender Chorus, Noise Gates und ein paar überfegte Skalen mit hohem Ende. Das Publikum klatscht. Das Ohr gähnt manchmal.
Ist Technik Kunst oder nur ein Trick?
Hier liegt der Kern der Sache. Eine Seite behauptet, der Versuch, Technik in Kunst zu verwandeln, sei ein Kategorienfehler: Obertöne sind schwierig und haben Möglichkeiten, sollten aber punktuell eingesetzt werden, weil Wiederholung ermüdet. Eine andere Strömung verteidigt das Gegenteil: Genie kann Technik erschaffen, und mit Genie braucht man nicht einmal Finger. Zwischen diesen Extremen taucht das Argument auf, das vielleicht den unbequemen Konsens am besten zusammenfasst: Musik wird im Dunkeln gehört und handelt von Klängen, nicht von Noten pro Sekunde. David Gilmour, Mark Knopfler oder Joe Satriani – unter den sogenannten Technikern – haben eine lyrische Komponente, die viele Virtuosen nicht erreichen.
Die Liste der Namen, die im Gespräch auftauchen, ist breit: Gary Moore, Stevie Ray Vaughan, Randy Rhoads, Dimebag Darrell, Malmsteen, Zakk Wylde, Steve Vai, Nuno Bettencourt, Tommy Emmanuel, Yamandú Costa. Und eine verstörende Warnung: Es gibt unzählige unbekannte Gitarristen, die absolut alles taten und in Armut starben. Paco de Lucía sagte, die meisten seien verrückt, und er selbst schickte die Gitarre jahrelang in die Wüste. Knopfler gab zu, keinen einzigen Flamenco-Stück spielen zu können. Niemand deckt alles ab.
Akustik, Klassik und Flamenco: Drei Welten, die man nicht vergleicht
Die nächste Front ist instrumenteller Natur. Eine Position vertritt, dass Akustik- und E-Gitarre Rückschritte sind: Sie wurden erfunden, um Popularmusik Volumen zu geben, als es noch keine Verstärker gab, und erreichen nicht das höhere Niveau der großen Kunst. Die Antwort ist differenziert: Man darf sie nicht vergleichen, sie sind etwas anderes. Mit zwei Löffeln kann man Musik machen. Aber man sollte daran denken, dass Leute vor Steve Vai staunen, ohne zu wissen, dass alles, was Manolo Sanlúcar spielt, viel mehr Technik und Harmonik erfordert. Das schließt die E-Gitarre nicht aus: Sie ist einfach kein Solo-Instrument wie die klassische und die Flamenco-Gitarre.
Die klassische Gitarre hat ihre eigene Ecke der Hingabe. Manche studieren sie ihr Leben lang mit wenig Erfolg und planen, ihr den Ruhestand zu widmen. Bach passt sehr gut zum Instrument, und der dritte Satz eines bestimmten Werks ist eine der köstlichsten Musiken, die man hören kann. Eine historische Anekdote schleicht sich ins Gespräch: Als Tárrega die Spanische Suite für Gitarre transkribierte, soll Albéniz selbst gesagt haben, dass es so besser klinge und es ihn ärgere, es nicht spielen zu können. Sevilla, Córdoba oder Asturias sind auf der Gitarre zehnmal besser.
Das Geschäft der Agenten und der Generationenwechsel
Jenseits des ästhetischen Urteils gibt es eine Markt-Lektüre. Marcin ist seit seiner Jugend technisch hochversiert, aber sein rasanter Aufstieg in wenigen Jahren hängt, so wird angemerkt, mit guten Agenten zusammen. Der Verdacht, dass ein Teil des Phänomens kommerzielle Konstruktion ist, ist in einem Ökosystem, in dem Kurzvideos visuellen Impact belohnen, nicht abwegig. Auf demselben Terrain werden andere Namen gefordert: Kent Nishimura als Bester der jungen Akustik-Spieler, oder der Japaner Ichika Nito, mit einer Technik, die der von Tim Henson, dem in Texas geborenen Gitarristen von Polyphia, sehr ähnelt. Mehrere spielen diesen Stil. Der Stil ist daher bereits eine Schule.
Die Grundfrage lautet, ob diese Schule Werke produziert oder nur Demonstrationen. Das eröffnende Video beeindruckt jene, die Musik nicht mögen, und genau das ist die Diagnose, die am meisten schmerzt: Das Spektakel ist für Staunen konzipiert, nicht für wiederholtes Hören. Kleine Technik, egal wie brillant, trägt kein Album.
Am Ende ist die ehrlichste Schlussfolgerung die, die nichts abschließt: Es gibt Gitarristen, die Unmögliches vollbringen, und Gitarristen, die Unvergessliches schaffen, und es sind nicht immer dieselben. Das Publikum wird weiter den Trick beklatschen. Das Ohr wird weiter die Musik suchen. Und die Agenten werden derweil weiter kassieren.
Zusammenfassung einer Diskussion auf Burbuja.info - Foro de economía, actualidad y política., aus dem Spanischen übersetzt und vor der Veröffentlichung geprüft.
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