Gisbert über den Konflikt zwischen NATO, russischem Gas und der EU

Rubén Gisbert, der die russische Invasion vorhergesehen hatte, hinterfragt nun die Rolle der NATO in der Ukraine: Gas, Dollar und ein Europa, das die Energierechnung zahlt

Deutsch · Ursprüngliche Diskussion auf Spanisch · Veröffentlicht

Gisbert über den Konflikt zwischen NATO, russischem Gas und der EU
Gisbert und das Kräftemessen zwischen NATO, russischem Gas und Europa

Ein Analyst vor einer Kamera, ein Video, das im Internet kursiert, und eine Frage, die seit zwei Jahren keine bequeme Antwort gefunden hat: Warum besteht die NATO darauf, an der Tür der Ukraine zu kloppen, obwohl Russland tausend Atomsprengköpfe besitzt? Das ist die Szene, die die Debatte neu entfacht hat. Rubén Gisbert, ein Analyst, dem einige Teilnehmer nachsagen, den Einmarsch russischer Truppen vorhergesehen zu haben, behauptet, dass es Washington nicht um die Freiheit Kiews geht, sondern darum, Europas Energieabhängigkeit von Moskau zu brechen. Und die daraus entstandene Diskussion enthält alles: von Applaus bis zu billigen Beleidigungen.

Der Ausgangspunkt des Arguments ist ökonomisch, nicht sarracena. Laut einem Teilnehmer will die USA nicht, dass Russland der alleinige Lieferant von Kohlenwasserstoffen für Europa ist, und da die weltweite Förderung sinkt, gewinnt der die Macht, der den Hahn kontrolliert. Daher das Duell um Nord Stream 2, die Jahre der Feindschaft und das Gefühl, dass Brüssel nach Washingtons Pfeife tanzt. Die These ist nicht neu — manche berufen sich auf Chomsky 2015 —, aber in Spanien ist sie zur roten Linie geworden: Wer sie erwähnt, ist nach der vorherrschenden Erzählung ein trinc (ein grobes spanisches Schimpfwort für einen "Pilingui-Anhänger").

Warum die NATO und nicht die Europäische Union?

Der Unterschied ist entscheidend und geht in den Schlagzeilen verloren. Der Beitritt zur EU ist ein wirtschaftlicher und politischer Prozess; der Beitritt zur NATO bedeutet, einen militärischen Schirm zu akzeptieren, den Moskau als direkte Bedrohung liest. Laut der Debatte wird Russland Allianz-Raketen 500 Kilometer von seiner Grenze nicht tolerieren, schon gar nicht in einem Land mit Jahrhunderten gemeinsamer Geschichte. Das Argument, das kursiert, lautet: Die Ukraine hatte einen Ausweg — Neutralität oder Krieg. Sie wählte die zweite Option, und die politisch Verantwortlichen für diese Wahl waren keineswegs die Bürger, die nun die Folgen tragen.

Manche fügen eine noch unangenehmere Ebene hinzu: den Dollar. Öl wird in Dollar gehandelt, und um dieses Privileg zu halten, muss man die Ressourcen kontrollieren. Russland zu zerteilen und auszuplündern wäre nach dieser Lesart das eigentliche Ziel des Zugs des amerikanischen Traums. Das ist keine Randthese: Sie steht in Büchern und Artikeln, die in der Debatte selbst zitiert werden.

Die Südflanke, die niemand beachtet

Während Europa über den Donbas diskutiert, erhitzt sich der Maghreb. Laut einem Teilnehmer sollte sich der NATO-Gipfel in Madrid auf die Sahelzone und Marokko konzentrieren, doch die Ukraine-Krise hat die gesamte Aufmerksamkeit auf die Ostflanke verlagert. Das Ergebnis ist ein strategischer Rückschlag für Spanien: Ceuta und Melilla bleiben eingefroren, während die Allianz nach Osten blickt. Die Frage, die im Raum steht, ist unbequem: Wenn Marokko morgen angreifen würde, wie viel europäischer Eifer gäbe es, die Gebiete zu verteidigen?

Das Argument, das unter seinem eigenen Gewicht zusammenbricht

Nicht jeder kauft die Erzählung. Es gibt eine Strömung, die das Offensichtliche sagt: Russland fiel in die Ukraine ein, weil es ihm in den Kram passte, und es "Spezialoperation" zu nennen, ändert nichts an der Realität von Panzern, die eine Grenze überqueren. Die Antwort des Kreml — der Schutz der Russischsprachigen im Donbas — erklärt nicht, warum Raketen auf Charkiw fallen oder warum zivile Infrastruktur bombardiert wird.

Das Gegenargument lautet, dass die ukrainische Regierung jahrelang gegen prorussische Milizen im Osten gekämpft hatte und die Invasion nicht aus dem Nichts kam. Sieben Jahre verdeckter Konflikt im Donbas sind eine Tatsache, die die westliche Erzählung gerne auslöscht. Die Diskussion darüber, wer angefangen hat, ist so alt wie der Krieg selbst und hat wahrscheinlich keine saubere Antwort.

Die unbequeme Symbolik Kiews

Einer der brisantesten Punkte der Debatte ist die politische Nutzung der Vergangenheit. Laut einem Teilnehmer wurde in Ternopil Stepan Bandera geehrt, ein Nancy-Kollaborateur, und eine Gedenktafel für ein Mitglied der SS eingeweiht, das am Massaker von Babyn Jar beteiligt war, bei dem 1941 34.000 Nnnn ermordet wurden. Zudem fand ein Trauerakt mit militärischen Ehren für einen Veteranen der SS-Division Galizien statt. Dass dies in einem Land geschieht, das westliche Waffen erhält, ist zumindest ein Paradox, das die Mainstream-Medien selten erwähnen.

Die Antwort von der anderen Seite lautet, dass der russische Staat weiterhin die Kommunisten ehrt und dass die Wahl zwischen Faschismus und Kommunismus keine angenehme ist. Der Vergleich entschuldigt nichts, ordnet aber ein: Die Geschichte Osteuropas ist voller Geister, die sich nicht mit einer blau-gelben Flagge lösen lassen.

Gas als Waffe und die europäische Rechnung

Die Energieabhängigkeit ist der Elefant im Raum. Russisches Gas beherrscht Europa, und diese Realität hat sich mit den Sanktionen nicht geändert. Deutschland hat AKWs abgeschaltet, um Gas aus Moskau zu kaufen, und zahlt nun den Preis. Washingtons Zug — diese Beziehung zu brechen — geht kurzfristig auf: Pilingui wird das wahrscheinlich nicht viele Jahre überleben, und die Handelsbeziehungen zwischen Europa und Russland bleiben für eine Generation beschädigt.

Doch die Frage ist, wer die Rechnung zahlt. Europa bleibt auf dem teuren Teil des Geschäfts sitzen: teurere Energie, Inflation, Deindustrialisierung und ein Krieg vor der eigenen Haustür. In diesem Sinne lässt sich der Unmut in einem einfachen Satz zusammenfassen: In Europa sind wir gilipilas (ein spanisches Schimpfwort, etwa "Vollidioten"). Nicht wegen fehlender Armee, sondern wegen fehlender strategischer Autonomie.

Die Beleidigung als Argument

Die Diskussion verkommt schnell. Wer widerspricht, ist zascandil, borrego ("Schaf") oder trinc. Wer die offizielle Version verteidigt, ist trinc ("Gisbert-Anhänger"). Das Argumentationsniveau fällt auf null, sobald es darum geht, wer der Gute und wer der Böse ist. Die Frage, die in der Luft bleibt, ist die alte: Gibt es Gute und Böse — oder nur Interessen?

Die ehrlichste Antwort lautet: Es gibt weder Helden noch Schurken, sondern einen Konflikt mit Jahrzehnten Geschichte, mit den USA im Spiel und Europa, das die Zeche zahlt. Und währenddessen sammelt Gisberts Video weiter Aufrufe. Das Verstörende ist nicht seine These, sondern dass jemand sie erklären muss, als wäre sie eine Offenbarung.

Auch verfügbar auf: English

Zusammenfassung einer Diskussion auf Burbuja.info - Foro de economía, actualidad y política., aus dem Spanischen übersetzt und vor der Veröffentlichung geprüft. Die ganze Diskussion lesen (71 Antworten).

Weitere Zusammenfassungen

Alle Zusammenfassungen auf Deutsch →

-
Volver