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Gaza: Geburten und Opferzahlen spalten die Debatte
60.000 jährliche Geburten in Gaza stehen 65.000 Kriegstoten gegenüber: Eine Zahlendiskussion, die das Narrativ teilt.
Die Geburtenrate, die die Gaza-Debatte neu entfacht
Der Angriff vom 7. Oktober auf israelische Gemeinden forderte etwa 1.200 Tote und rund 250 Entführte, begleitet von dokumentierten Gräueltaten an Zivilisten. Die Diskussion über diese Ereignisse und die israelische Militäroperation in Gaza hat sich im Laufe der Monate auf ein unerwartetes Feld verlagert: die Statistik. Denn die Frage, die nun spaltet, ist nicht mehr nur, wer geschossen hat, sondern wie viele geboren werden und wie viele sterben im Gazastreifen.
Die Berechnung, die eine wachsende Bevölkerung Gazas nahelegt
Ein Teil der Analyse argumentiert, dass die Bevölkerung Gazas während des Krieges nicht geschrumpft, sondern gewachsen sei. Diese These kreuzt zwei Datenreihen. Auf der einen Seite die Geburtenrate: Es werden Zahlen von etwa 60.000 Geburten pro Jahr genannt, was rund 120.000 Kindern in zwei Jahren entspricht. Auf der anderen Seite die Sterblichkeit: Daten, die den Behörden von Gaza zugeschrieben werden, sprechen von etwa 65.000 Opfern im selben Zeitraum. Nach dieser Rechnung ergäbe sich ein positiver Saldo von etwa 60.000 Einwohnern.
Die daraus abgeleitete Schlussfolgerung ist aus jeder Perspektive unbequem. Sollten die Zahlen stimmen, hätten sich zehntausende Frauen mitten in einer angeblichen Hungersnot und unter massiver Bestrafung schwängern lassen. Genau dieser Kontrast wird als Argument gegen jene verwendet, die die Offensive als Völkermord bezeichnen.
Was tägliche Geburtenzahlen wirklich zeigen
Die andere Interpretation geht von denselben Daten aus, kommt aber zum gegenteiligen Ergebnis. Ein Bericht von Save the Children, der in der Diskussion erwähnt wird, weist darauf hin, dass es in Gaza etwa 50.000 Schwangere gibt, mit voraussichtlich 4.000 Geburten im März, was etwa 130 Geburten pro Tag entspricht. Im Vergleich zu den 160 täglichen Geburten im Jahr 2022 zeigt sich ein Rückgang, kein Wachstum.
Das bedeutet: Die Geburtenrate sinkt, die Sterblichkeit steigt, und hinzu kommt die Abwanderung der Bevölkerung. Mit diesen drei Variablen wäre die Schlussfolgerung eine schrumpfende Bevölkerung. Der Streitpunkt liegt nicht darin, ob Kinder geboren werden, sondern daran, was gemessen wird und was ausgeklammert bleibt. Und daran, ob ein einzelner Datenpunkt eine so weitreichende Behauptung wie Völkermord – oder dessen Leugnung – tragen kann.
Kann man das Geschehen in Gaza als Völkermord bezeichnen?
Dies ist wahrscheinlich die Frage, die die Debatte am meisten vergiftet hat. Manche behaupten, der Begriff sei bis zur Unbrauchbarkeit gedehnt worden und diene, wenn er für alles verwendet werde, nicht mehr dem eigentlichen Zweck. Am anderen Ende wird daran erinnert, dass internationale Gerichte bereits Massaker begrenzten Ausmaßes verurteilt haben, ohne die vollständige Vernichtung eines Volkes vorauszusetzen.
Auf dem Tisch liegt zudem eine Klage beim Internationalen Strafgerichtshof gegen den israelischen Premierminister wegen mutmaßlichen Völkermords. Dieses Verfahren gilt als eröffnet, doch sein Ausgang war zum Zeitpunkt dieses Austauschs noch nicht abgeschlossen. Die rechtliche Einstufung bleibt ausstehend.
Historische Vergleiche als Maßstab
Die Debatte zieht historische Parallelen heran, um die Situation einzuordnen. Das Massaker von Srebrenica mit etwa 8.000 Toten bei einer bosnischen Bevölkerung von 25.000 wird zitiert, um daran zu erinnern, dass ein Gericht die Absicht der Befehlenden beurteilt, nicht die Wirksamkeit des Ergebnisses. Auf der Gegenseite wird der Krieg von 1948 erwähnt, als die palästinensische Bevölkerung im israelischen Gebiet von etwa einer Million auf rund 150.000 sank.
Hinzu kommen jüngere Ereignisse. Der Tod von 11 israelischen Zivilisten in München und die 130 Ermordeten im Bataclan-Saal in Paris erinnern an die Reichweite des dschihadistischen Terrorismus in Europa. Niemand bestreitet diese Zahlen. Diskutiert wird vielmehr, welche Zahlenreihe berechtigt ist, mit welcher anderen als vergleichbar bezeichnet zu werden.
Theorien, die keine Beweise stützen
Auch Verschwörungstheorien tauchen auf: Dass der Angriff eine inszenierte Operation war, um einen Vorwand für die Offensive zu schaffen, dass Teile der Opfer durch Eigenbeschuss fielen oder dass die Überwachung absichtlich geblendet wurde. Dies sind Versionen, die ohne überprüfbare Dokumentation kursieren und von einem Teil der Diskussion selbst mangels Grundlage verworfen werden.
Weniger umstritten ist die Zurücknahme einer konkreten Nachricht: jener über angeblich enthauptete Babys. Dieser Bericht, der in den ersten Tagen verbreitet wurde, wurde später als Verwechslung eingestuft. Diese Korrektur wird in beide Richtungen genutzt, um von den Verbreitern Strenge zu fordern und daran zu erinnern, dass nicht alles, was an diesem Tag dokumentiert wurde, eine Übertreibung war.
Zwei Jahre nach dem Angriff fehlt für die Bilanz in Gaza weiterhin ein Schiedsrichter. Wahrscheinlich wird der Vergleich zwischen Geburten- und Sterbezahlen das Hauptkampffeld dieser Debatte bleiben, solange keine der beiden Seiten ihre Zahlenreihe durchsetzen kann. Daten treffen spät ein. Schlussfolgerungen hingegen immer früher.
Zusammenfassung einer Diskussion auf Burbuja.info - Foro de economía, actualidad y política., aus dem Spanischen übersetzt und vor der Veröffentlichung geprüft.
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