Gaza: 67.000 Tote und wachsende Bevölkerung

In Gaza werden etwa 67.000 Todesopfer verzeichnet, was 3 % der Bevölkerung entspricht. Prognosen sehen über drei Millionen Einwohner bis 2040 voraus.

Deutsch · Ursprüngliche Diskussion auf Spanisch · Veröffentlicht

Gaza: 67.000 Tote und wachsende Bevölkerung
Gaza: 67.000 Tote und eine wachsende Bevölkerung

Die Zahl ist für alle Seiten unbequem. Gaza hatte etwa 2,2 Millionen Einwohner, und die von den Medien genannten Ziffern sprechen von rund 67.000 Toten, was 3 % der Bevölkerung entspricht. Auf dieser Grundlage entbrennt eine seit 367 Tagen offene Debatte, die kaum jemand mit einem einfachen Label schließen möchte: Reicht dieser Prozentsatz aus, um von Völkermord zu sprechen? Der Ausgangspunkt der Analyse ist ebenso kalt wie aufschlussreich: Wenn die angegriffene Gruppe ihre demografische Wachstumskapazität behält, wirkt das Wort Völkermord unpassend. Die kursierende Prognose besagt, dass Gaza bis 2040 die Drei-Millionen-Marke überschreiten wird. Und genau hier beginnt das Problem, denn Demografie ist das eine, aber jeder einzelne dieser 67.000 Namen ist etwas anderes.

Was die UNO unter Völkermord versteht

Die Definition ist keine Erfindung von Talkshows. Das Übereinkommen über die Verhütung und Bestrafung des Völkermordes von 1948 beschreibt ihn als die Absicht, eine nationale, ethnische, rassische oder religiöse Gruppe ganz oder teilweise zu zerstören, durch Tötungen, schwere körperliche oder geistige Schädigung, auferlegte Lebensbedingungen zur Zerstörung, Maßnahmen zur Verhinderung von Geburten oder erzwungene Überführung von Kindern. Der Schlüssel liegt in zwei Worten: Absicht und teilweise. Es ist nicht nötig, alle zu vernichten, damit das Verbrechen vorliegt. Es reicht, den Vorsatz nachzuweisen, einen Teil der Gruppe zu zerstören.

Diese Nuance widerlegt das am häufigsten wiederholte demografische Argument. Dass die Bevölkerung wächst, negiert nicht per se eine destruktive Absicht gegenüber einer Untergruppe. Aber es bestätigt sie auch nicht. Die eigentliche Diskussion dreht sich nicht darum, wie viele sterben, sondern ob ein Plan dahintersteckt und wer ihn beweisen kann. Hier wird das Völkerrecht zum Labyrinth: Es handelt sich um ein politisches Verbrechen, das fast immer gegen die unterlegene Seite angewandt wird, und seine praktische Umsetzung ist eher symbolisch als exekutiv.

3 % Tote gegenüber 20 % Kollaborateuren

Die in der Diskussion am häufigsten genannte Berechnung besagt, dass mehr als 20 % der Bevölkerung Gazas Kämpfer oder Kollaborateure sind. Wäre das wahr, würde die Quote der zivilen Opfer die Lesart komplett ändern. Das Problem ist, dass niemand diese Zahl belegt hat. Sie wird als Schätzung lanciert, nicht als verifizierte Datenbasis, und auf dieser Schätzung wird die Schlussfolgerung aufgebaut, dass kein Völkermord vorliegt. Dies ist die Art von Logik, die zusammenbricht, sobald man nach der Quelle fragt.

Auf der anderen Seite steht die gegenteilige Aufschlüsselung: Von den 67.000 Toten wären etwa 25.000 Kämpfer und 41.000 Zivilisten. Diese Relation, etwas weniger als ein Soldat pro zwei Zivilisten, wird als Beweis dafür angeführt, dass die israelische Armee vorsichtig gehandelt habe. Der Einwand ist sofort da: Woher kommen die 25.000 Kämpfer? Wer die Daten anzweifelt, antwortet, dass es genügt, einen Minderjährigen in die Statistik aufzunehmen, um sie passend zu machen. Und hier bricht die Statistik zusammen, denn ohne überprüfbare Methodik sind Prozentzahlen nur Propaganda der einen oder anderen Seite.

Stadtkrieg, Bombardements und sichere Zonen

Das technische Argument, das in der Analyse am meisten Gewicht hat, ist das der Dichte. Gaza ist eines der am dichtesten besiedelten Gebiete der Erde: Wirft man einen Stein in die Luft, trifft er beim Fallen mehrere Menschen. In einem solchen Szenario verursachen jegliche Bombardements unvermeidbare zivile Opfer. Befürworter dieser These argumentieren, dass bei einem Ziel der Ausrottung nicht Haus für Haus gekämpft würde, wobei Soldaten riskiert werden, sondern dass es genügen würde, aus der Luft alles niederzubrennen, ohne Truppen zu exponieren.

Die Gegenrede zerlegt diese Logik. Es gab nicht so viel Stadtkampf wie Artillerie-Zerstörung, und ein Großteil der Toten stammt aus Luftangriffen, nicht aus Nahkämpfen. Zudem werden die sicheren Zonen ins Visier genommen: Orte, an denen die Bevölkerung unter dem Versprechen von Nahrungsmittelverteilung zur Umsiedlung aufgefordert wurde und die später ebenfalls getroffen wurden. Stimmt das, verschwimmt die Unterscheidung zwischen militärischem Ziel und zivilem Zufluchtsort. Und damit auch die Rechtfertigung der proportionalen Vorsicht.

Der Präzedenzfall, den niemand betrachten will

Der historische Vergleich zieht sich durch die gesamte Analyse. Einige behaupten, wenn man denselben Maßstab anlegen würde, wären Dresden, Hiroshima und Nagasaki auch Völkermord, und niemand bezeichne die Alliierten so. Andere kontern, dass die deutschen Zivilisten, die im Zweiten Weltkrieg starben, nicht Opfer eines Vernichtungsplans waren, sondern eines totalen Krieges. Die oft wiederholte Unterscheidung ist die der Systematik: Völkermord erfordert einen konkreten Vorsatz, eine Gruppe verschwinden zu lassen, nicht nur eine hohe Zahl an Opfern.

Als reines Beispiel wird der Fall der Hutu und Tutsi angeführt, wo eine Gruppe versuchte, die andere explizit auszurotten. Im Gegensatz dazu wird Gaza als Kriegsverbrechen und Verbrechen gegen die Menschlichkeit beschrieben – verschiedene Kategorien mit unterschiedlichen Beweislasten. Die Diskussion lautet daher nicht, ob Grausamkeiten begangen wurden – das bestreitet niemand –, sondern in welche rechtliche Schublade sie fallen.

Die Frage ohne einfache Antwort

Es gibt eine Berechnung, die jeden durcheinanderbringt: Wie viele Menschen in Gaza greifen täglich zur Gewalt aus Hass, nachdem sie ein Kind, einen Vater oder eine Mutter verloren haben? Das ist der Teil, den keine Seite quantifizieren will, denn er räumt ein, dass jeder Tod den nächsten erzeugen kann. Die Demografie wächst, ja, aber auch der Groll, und dieser taucht in den statistischen Projektionen nicht auf.

Die sich aufdrängende Schlussfolgerung ist für alle unbequem. Ein Tod ist ein Tod, aber ein Prozentsatz ist keine Politik. Die 3 % der Getöteten beweisen allein keinen Völkermord, genauso wenig wie das Bevölkerungswachstum ihn ausschließt. Was fehlt – und wahrscheinlich weiterhin fehlen wird –, ist der Nachweis der Absicht, genau das, was keine Leichenbilanz liefern kann. Mit diesen Zutaten bleibt das Label ein weiteres Schlachtfeld des Krieges.

Auch verfügbar auf: English

Zusammenfassung einer Diskussion auf Burbuja.info - Foro de economía, actualidad y política., aus dem Spanischen übersetzt und vor der Veröffentlichung geprüft. Die ganze Diskussion lesen (140 Antworten).

Weitere Zusammenfassungen

Alle Zusammenfassungen auf Deutsch →

-
Volver