Die Achse, die Links und Rechts vereint: gut leben wollen
Es gibt eine These, die derzeit in Wirtschaftskreisen kursiert und beiden Lagern unangenehm ist: Die Teilung in Links und Rechts sei ein Artefakt, eine Nebelkerze, die die einzige echte Spaltung verdeckt – die zwischen denen oben und denen unten. Der Gedanke ist nicht neu, aber er kehrt mit Vehemenz zurück, sobald die Umfragen eng werden und die Parteien sich verbarrikadieren. Die Grundidee ist einfach: Wohnung, Essen, Bildung, Sicherheit und Gesundheitsversorgung sind übergreifende Interessen, die sich nicht nach Parteinamen richten, und wer sie verwaltet, sollte sich vor dieser Mehrheit verantworten, nicht vor der eigenen Klientel.
Der Vorschlag bleibt nicht bei der Diagnose stehen. Wer ihn vertritt, fordert eine horizontale Regierung, die diese gemeinsamen Mindeststandards schützt, und holt Themen wie Migration aus dem ideologischen Schützengraben: Sie sollte nach technischen und wirtschaftlichen Kriterien entschieden werden – wie viele Menschen pro Jahr einwandern dürfen, damit Wirtschaft und Wohlstand besser werden. Null, eine Million, was eben die Zahlen hergeben. Die Sterbehilfe dagegen würde an der Urne entschieden. Es ist der alte Traum, die gemeinsamen Angelegenheiten zu regieren, angewandt auf ein Land, das seit Jahren das Gefühl hat, dass sich oben die Macht abwechselt, während unten das Vermögen schwindet.
Gibt es Links und Rechts überhaupt?
Die Antwort des anderen Lagers ist unmissverständlich: Natürlich gibt es das. Wähle, wer dich regiert: die deinen oder die Fremden, fasst eine der häufigsten Erwiderungen zusammen. Für dieses Lager ist das Leugnen der ideologischen Achse ein bekanntes Manöver, fast schon ein Klassiker: Wenn die Umfragen der Rechten eine erdrutschartige Mehrheit bescheinigen, tauchen wieder die Botschaften auf, die alle Parteien gleichziehen, zum Nichtwählen aufrufen oder marginalen Optionen das Wort reden. Das Argument, es sei egal, wer regiert, weil eh alle gleich seien, ist aus dieser Sicht der beste Verbündete derer, die bereits etabliert sind.
Der Gegenangriff bleibt nicht bei der Diffamierung stehen. Er entfaltet sich in konkreten Bereichen. In der Bildung, so heißt es, wolle ein Teil der Linken weder Anstrengung noch Ergebnisse verlangen; in der Sicherheitspolitik, dass Mehrfachtäter nicht abgeschoben würden; bei der Gesundheit, dass der Migrationsdruck das System sprengt und es trotzdem bedingungslos gestützt wird. Das sind Behauptungen, die in der öffentlichen Debatte kräftig kursieren – wobei man sich daran erinnern sollte, dass es eben Behauptungen sind und jede davon Nuancen und Gegenbeispiele zulässt.
„Gut leben“ als Nullsummenfalle
Es gibt einen feineren, vielleicht unbequemeren Einwand gegen die ursprüngliche These. Für viele Menschen bedeutet gut leben nicht, ein würdiges Zuhause und eine funktionierende Gesundheitsversorgung zu haben, sondern besser zu leben als der Nachbar. Auf dieser mentalen Skala ist es einfacher, den Nebenmann nach unten zu ziehen, als sich selbst zu verbessern, weil das Ergebnis schneller sichtbar ist und sich besser anfühlt. Der Neid als Wirtschaftsmotor ist ein Klassiker, den kein Lehrbuch behandelt, der aber Verhaltensweisen erklärt, die die Daten nicht erfassen.
Daraus leitet sich ein wiederkehrender Vorwurf gegen einen Teil der Linken ab: Dass ihre Priorität nicht ist, gut zu leben, sondern dass derjenige darüber nicht gut lebt. Ein Roter zieht es immer vor, einseitig blind zu bleiben, wenn der darüber auf beiden Augen blind wird, lautet eines der bissigsten Statements. Es ist eine Karikatur, zweifellos – aber eine Karikatur, die manche als Porträt vorbringen und andere als Beleidigung zurückweisen. Bleibt eine unbequeme Frage: Wenn das Ziel wirklich wäre, gut zu leben, warum fällt es dann so schwer, sich über das Grundlegende zu einigen?
Oben und unten: die Spaltung, die wirklich geteilt wird
Konsens scheint es allenfalls bei der Existenz einer ausbeuterischen Elite zu geben. Manche zeigen auf Institutionen und Gruppen, die auf den eigenen Geldbeutel schauen statt auf das Allgemeinwohl, und dieser Verdacht zieht sich über ideologische Lagergrenzen hinweg. Die Parteien, so heißt es, verträten nicht das Bürgerinteresse; oben wechseln sich die Machthaber ab und halten sich an der Macht, während es unten – der großen Mehrheit – bergab geht. Die vorgeschlagene Lösung ist eine Revolution, oder zumindest eine Regierung, die sich nicht in Lager spaltet und sich um das Übergreifende kümmert.
Das Problem: Diese Mehrheit unten wählt nicht gleich. Und da zerplatzt der Trugbild. Die echte Spaltung verläuft nicht nur vertikal, sondern auch horizontal – durch Familien, Stadtviertel und Weihnachtstische. Während die einen über die Sterbehilfe abstimmen und die Migration von Experten entscheiden lassen wollen, antworten andere, der Feind sitze nicht oben, sondern im Nachbarn, der anders denkt. Vor diesem Hintergrund: Ist „gut leben“ ein gemeinsamer Nenner oder die perfekte Ausrede, um nicht über das zu sprechen, was wirklich trennt?
Zusammenfassung einer Diskussion auf Burbuja.info - Foro de economía, actualidad y política., aus dem Spanischen übersetzt und vor der Veröffentlichung geprüft.
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