Der Fluch der weinenden Kinder: 50.000 Poster und ein Scheiterhaufen

Ein Gemälde überstand 1985 unversehrt einen Brand in Rotherham und machte Bragolins weinende Kinder zur Legende: 50.000 Poster und eine öffentliche Verbrennung an der Themse.

Deutsch · Ursprüngliche Diskussion auf Spanisch · Veröffentlicht

Der Fluch der weinenden Kinder: 50.000 Poster und ein Scheiterhaufen
Der Fluch der weinenden Kinder: 50.000 Poster und ein Scheiterhaufen

Ein Bild eines Jungen mit Tränen in den Augen sollte eigentlich nicht auf einem öffentlichen Scheiterhaufen landen. Doch es geschah. Die Sammlung weinender Kinder, die der italienische Maler Giovanni Bragolin —bürgerlich Bruno Amadio— in den fünfziger Jahren in Europa populär machte, wurde in den achtziger Jahren zum Massenphänomen in England: Zehntausende Kopien hingen in Arbeiterhaushalten, und eine Fluchlegende endete damit, dass Tausende Exemplare an der Themse verbrannten.

Die Geschichte enthält alle Zutaten moderner urbaner Folklore: ein Künstler, der nach dem Krieg nach Spanien geflohen sein soll, Waisenkinder als Modelle, subliminale Botschaften und ein angeblicher Pakt mit dem Teufel. Der Funke war ein Brand in **Rotherham 1985**, bei dem ein Haus zerstört wurde, das Gemälde aber unversehrt auftauchte. Dass der Bruder des Besitzers Feuerwehrmann war und ähnliche Fälle aus anderen Häusern erzählt wurden, befeuerte die Gerüchteküche.

Die Zeitung, die die Verbrennung organisierte

Die The Sun machte aus dem Gerücht ein Ereignis. Ihr Chefredakteur Kelvin MacKenzie kündigte an, wer ein Poster des weinenden Jungen habe, könne es an die Redaktion schicken, wo es vernichtet werde. Etwa **2.500 Exemplare** trafen ein, drei Meter hoch gestapelt und aus Schränken quellend. Die Lösung war eine Massenverbrennung nahe der Themse an Halloween, von der Feuerwehr überwacht und betitelt mit dem Wortspiel Crying Flame!

Die Zahl, die das Ausmaß des Phänomens erklärt, ist eine andere: Schätzungen zufolge wurden damals rund **50.000 Exemplare** dieses Posters in den armen Vierteln Englands verkauft. Das war kein Nischenkunstwerk. Das war Wohnzimmerdeko, die zum Panikobjekt wurde.

Was man den Bildern nachsagte

Die Zeugenaussagen, die bei der Zeitung eingingen, beschrieben nächtliches Weinen, Tränen, die die Farbe wechselten, Bilder, die grundlos zitterten. Nichts davon gibt es dokumentiert, außer in der Legende selbst, doch die Geschichte stützte sich auf ein beunruhigendes Detail: Der Künstler habe, so die kursierende Version, alle Besitzer von Repliken gebeten, diese zu zerstören wegen des Schadens, den sie anrichteten.

Die Verschwörungsdeutung geht noch weiter. Es wird behauptet, diese Werke enthielten subliminale Botschaften und ihre Dunkelheit sei nicht das Werk eines gequälten Malers, sondern etwas Absichtliches. Es ist dieselbe Strömung, die bei der Analyse anderer unheimlicher Werke der Kunstgeschichte —von Goyas Saturn verschlingt seinen Sohn bis zu verstörenden Porträts des 20. Jahrhunderts— zu dem Schluss kommt, es gebe Bilder, die nicht in ein Haus gehörten.

Der schlechte Geschmack als ästhetische Kategorie

Abgesehen vom Fluch wirft die Geschichte eine unbequeme Frage auf: Warum hängt jemand das Porträt eines weinenden Kindes ins Wohnzimmer? Die kaufmännische Antwort ist einfach — sie waren billig, dekorativ und wurden als Kunstdrucke verkauft—, doch das ästhetische Urteil ist es nicht. Wo die Grenze zwischen Kitsch, dem Unheimlichen und der Kunst verläuft, entscheidet jede Epoche selbst, und was heute wie ein Kitsch-Grusel wirkt, war gestern ein Verkaufsschlager.

Bragolins Sammlung bleibt ein Lehrbuchbeispiel dafür, wie ein Alltagsobjekt zum Sündenbock für die Ängste eines Jahrzehnts wird. Eine Prognose, mit Vorbehalt: Solange es Kopien auf Flohmärkten und in Kellern gibt, wird die Legende jemanden finden, der sie wiederbelebt.

Auch verfügbar auf: English

Zusammenfassung einer Diskussion auf Burbuja.info - Foro de economía, actualidad y política., aus dem Spanischen übersetzt und vor der Veröffentlichung geprüft. Die ganze Diskussion lesen (18 Antworten).

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