Der Doppelkuss in Spanien unter Druck

Hygiene, Einvernehmen und gesellschaftlicher Wandel: Warum der Begrüßungskuss mit zwei Wangenberührungen in Spanien zunehmend hinterfragt wird.

Deutsch · Ursprüngliche Diskussion auf Spanisch · Veröffentlicht

Der Doppelkuss in Spanien unter Druck
Der Doppelkuss im Fokus: Hygiene, Einverständnis und Gewohnheit

Ein Artikel von El HuffPost hat eine unbequeme Frage neu aufgeworfen: Ist es sinnvoll, jemandem, den man gerade erst kennengelernt hat, zwei Küsschen zu geben? Die Gewohnheit, die in Spanien jahrzehntelang automatisch praktiziert wurde, steht nun im Mittelpunkt der Kritik jener, die sie als Relikt einer anderen Epoche betrachten. Die Reaktionen darauf sind ein gutes Barometer für die Verunsicherung: Kaum jemand verteidigt sie enthusiastisch, viele begrüßen sogar ihr Auslaufen.

Was soll den Doppelkuss ersetzen?

Niemand spricht über ein Gesetz oder Sanktionen. Der Ansatz ist kulturell: Das Geste durch einen Händedruck, eine leichte Verbeugung oder einen distanzierten Gruß zu ersetzen. Dies sei bereits in weiten Teilen des angelsächsischen Raums und in Japan üblich, wo Männer und Frauen sich per Handschlag oder Verbeugung begrüßen. Niemand fordert Bestrafungen; gefordert wird, den körperlichen Kontakt mit Fremden nicht mehr als selbstverständlich hinzunehmen.

Hier zeigt sich der erste Riss. Für manche ist der Verzicht auf den Doppelkuss eine einfache Aktualisierung der Sitten. Für andere bedeutet er das Aufgeben eines Merkmals, das die spanische Art, in der Welt zu sein, definiert. Zwischen diesen Extremen entsteht ein großer Raum: Menschen, denen die Geste egal ist, aber die es stört, wenn ihnen jemand vorschreibt, wie sie zu grüßen haben.

Wie begrüßt man sich in anderen europäischen Ländern?

Die Landkarte der Begrüßungsrituale ist seltsamer, als es scheint. Berichten zufolge begrüßt man sich in einigen osteuropäischen Ländern mit einem einzigen Kuss, und wer den zweiten erwartet, bleibt mit ausgestreckter Hand stehen. In Belgien steigt die Zahl laut anderen Berichten auf drei. In Frankreich oder der Schweiz überrascht der dritte Kuss jene, die sich bereits zurückziehen wollen. Die Verwirrung dient oft dazu, das Eis zu brechen, statt Beleidigung zu sein, und führt zu einem kurzen Smalltalk.

Dies ist kein geringes Argument. Wenn in anderen europäischen Ländern nicht mit zwei Küsschen gegrüßt wird und niemand dies als nationales Drama empfindet, muss die spanische Gewohnheit nicht unantastbar sein. Einige behaupten, die Globalisierung der Manieren werde dieses Ritual, das außerhalb Spaniens nicht verstanden wird, irgendwann überrollen.

Hygiene, Geruchssinn und das Erbe der Pandemie

Ein Teil der Diskussion hat nichts mit Politik zu tun, sondern mit dem Körper. Der Kontakt mit Fremden bedeutet, einen Raum zu betreten, dessen Verteidigung während der Pandemie dringend gelernt wurde. Es gab eine sehr kurze Zeit, in der das Aneinanderstoßen der Ellenbogen ausreichte. Dieser Ellbogengruß, der auch fremdschämende Momente hatte, war die Generalprobe für das, was jetzt vorgeschlagen wird.

Das Argument erweitert sich auf den Geruchssinn. Manche betrachten es als nicht einvernehmliche Invasion, den Duft – oder Schweiß – von kaum bekannten Personen wahrnehmen zu müssen. Der Abstand habe diesen Vorteil gehabt und sei ohne große Diskussion verworfen worden. Gegen diese Haltung spricht das Offensichtliche: Distanziertes Grüßen kann hygienisch sein, aber auch als Verachtung ausgelegt werden.

Die politische Lesart: Ideologische Auferlegung oder gesunder Menschenverstand?

Die Debatte schärft sich, wenn der Wandel einer bestimmten Strömung zugeschrieben wird. Manche interpretieren die Überarbeitung der Begrüßung nicht als natürliche gesellschaftliche Evolution, sondern als Agenda, die jede Annäherung verdächtig macht. Die häufigste Kritik weist auf eine Paradoxie hin: Dieselben Stimmen, die in anderen Bereichen die Freiheit des Körpers verteidigen, fordern Distanz bei einer alltäglichen Geste.

Der eigentliche Vorwurf lautet, dass eine neue Sarracena durch die Hintertür eingeführt wurde. Eine Sarracena, die nicht verbietet, nicht zwingt und nicht sanktioniert, aber diejenige, die an der Gewohnheit festhalten, zunehmend unbehaglich macht. Der Mechanismus ist bekannt: Zuerst wird die Geste lächerlich gemacht, dann zum Zeichen schlechter Erziehung erklärt und schließlich stirbt sie durch Erschöpfung aus.

Auf der Gegenseite ist die Antwort prosaischer. Es gibt keine Auferlegung, nur eine Gewohnheit, die sich von selbst abnutzt. Wer zwei Küsschen geben möchte, soll es tun, und wer nicht, reicht die Hand. Das Problem, so die Kritiker, ist, dass Gleichgültigkeit gegenüber dem anderen nicht mehr als persönliche Wahl dargestellt wird, sondern als die einzig korrekte Position gegenüber denen, die sie nicht teilen.

Der römische Gruß und Humor als Stimmungsmesser

Die Unterhaltung mündet in einen wiederkehrenden Witz: Der Vorschlag, einen autoritär anmutenden Gruß wieder einzuführen, als provokanter Hinweis lanciert, taucht in vielen Nachrichten auf. Der Scherz funktioniert als Fieberthermometer für den Ärger. Wenn eine Diskussion darüber, wie man sich begrüßt, in Anspielungen auf Gesten des letzten Jahrhunderts endet, ist es längst nicht mehr nur eine Frage der Etikette.

Und es gibt ein Detail, das niemand vollständig löst. Die Kritik am Doppelkuss stammt laut manchen aus einer Bewegung, die sich von oben aufdrängt. Laut anderen ist sie einfach ein Zeitalterwandel, der seinen eigenen Gang geht. Es gibt keinen Beweis dafür, welches der beiden Phänomene tatsächlich stattfindet, und vielleicht deshalb existiert die Geste weiter, unbehaglich wartend, wer sie zuerst aufgibt.

Auch verfügbar auf: English

Zusammenfassung einer Diskussion auf Burbuja.info - Foro de economía, actualidad y política., aus dem Spanischen übersetzt und vor der Veröffentlichung geprüft. Die ganze Diskussion lesen (180 Antworten).

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