Darmkrebs steigt stark bei 25- bis 49-Jährigen: Die Fälle nehmen in 27 von 50 Ländern zu, und in 20 davon betrifft der Anstieg ausschließlich junge Menschen oder verläuft viel schneller als bei Erwachsenen
Eine im Lancet veröffentlichte Studie mit Daten bis 2017 erkannte einen weltweiten Trend, der schon damals besorgniserregend war. Früh einsetzender Darmkrebs (zwischen 25 und 49 Jahren) nimmt in 27 der 50 untersuchten Länder zu. Der aufschlussreichste Befund: In 20 dieser 27 Gebiete betrifft der Anstieg ausschließlich junge Menschen oder schreitet viel schneller voran als in der erwachsenen Bevölkerung. Spanien ist keine Ausnahme: Die Daten des INE (spanisches Statistikamt) und von REDECAN (spanisches Netzwerk der Krebsregister) deuten auf eine Kurve hin, die Onkologen beunruhigt.
Die konkurrierenden Hypothesen: von rotem Fleisch bis zu mRNA-Impfstoffen
Die Debatte über die Ursachen ist polarisiert. Auf der einen Seite besteht die offizielle Erzählung auf klassischen Faktoren: eine Ernährung mit viel rotem und verarbeitetem Fleisch, Alkoholkonsum, minderwertiger Tabak (junge Menschen rauchen weniger, aber mit höherem Schadstoffgehalt), Bewegungsmangel und Übergewicht. Viele weisen jedoch darauf hin, dass sich die heutige Ernährung nicht so stark von der früherer Generationen unterscheidet, dass sich damit ein so abrupter Sprung erklären ließe. Zudem ist der Konsum von rotem Fleisch in Spanien im letzten Jahrzehnt gesunken.
Auf der anderen Seite verweist eine Strömung auf die mRNA-Impfstoffe, die während der Pandemie massenhaft verabreicht wurden. Es wird argumentiert, die Spike-Proteine könnten das Tumorsuppressor-Protein p53 beeinträchtigen, und der Anstieg von Krebs bei jungen Menschen — in einigen Ländern die am wenigsten geimpfte Kohorte — widerspreche dieser Hypothese. Doch die Impfdaten aus Spanien zeigen, dass 20- bis 29-Jährige Quoten von über 90 % hatten, was das Argument schwächt, sie seien die am wenigsten Geimpften.
Das 'fehlende Glied' von Johns Hopkins: ein Bakteriengift
Im Mai 2026 kündigten Forscher des Kimmel Cancer Center der Johns Hopkins University die Entdeckung des 'fehlenden Glieds' bei der Entstehung von früh einsetzendem Darmkrebs an. Sie identifizierten ein Toxin, das von einem Bakterium (Escherichia coli mit dem pks-Gen) produziert wird und die DNA der Darmzellen schädigt. Die Hypothese lautet, dass der Kontakt mit diesem Bakterium in der Kindheit, kombiniert mit anderen Faktoren wie Ernährung oder Antibiotikaeinnahme, hinter dem Anstieg bei jungen Menschen stecken könnte. Der Fund eröffnet einen neuen Weg, doch Gewissheit gibt es noch nicht.
Mikroplastik, Zusatzstoffe und Umweltverschmutzung: der chemische Cocktail
Ein weiterer Ansatz verweist auf die Ansammlung von Mikroplastik und Lebensmittelzusatzstoffen (Emulgatoren, Süßstoffe, Konservierungsmittel), die sich in den letzten 20 Jahren verbreitet haben. Der Kontakt mit diesen Verbindungen könnte das Darmmikrobiom und die Mukosaschranke verändern und Zellschäden begünstigen. Die Liste der Verdächtigen reicht von dunkel geröstetem Kaffee über Antibiotika im Fleisch bis hin zu industriellen Schadstoffen.
Doch all diese Hypothesen stoßen auf ein Hindernis: Epidemiologische Studien, die die Zeit nach 2020 abdecken, sind noch nicht abgeschlossen. Die solidesten Daten (The Lancet, 2017) stammen aus der Zeit vor der Pandemie und können daher weder die Wirkung der Impfstoffe noch die der Lockdowns bewerten. Die Register von REDECAN und andere offizielle Quellen hinken 2 bis 3 Jahre hinterher, was die Echtzeitanalyse erschwert.
Insgesamt herrscht Konsens, dass es nicht eine einzige Ursache gibt, sondern einen perfekten Sturm: hochverarbeitete Ernährung, Antibiotika, Umweltverschmutzung und vielleicht auch iatrogene Faktoren. Während die Wissenschaft aufholt, erleben junge Spanier, wie Darmkrebs, früher eine Krankheit des hohen Alters, in ihr Leben schleicht. Und wenn die Antworten in der Kindheit der heute Dreißigjährigen liegen?
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