Barcelona erhält ersten schwulen Bürgermeister dank Stimmen der PP
Jaume Collboni regiert Barcelona. Er gewann die Wahl nicht, aber er hat die Unterstützung für das Amt: Die Comunes und die PP investierten ihn kurzfristig zum Bürgermeister und entrissen Xavier Trias, dem meistgewählten Kandidaten, den Posten. Auf diesem in extremis-Pakt platzierte der neue Regidor einen Satz, der ihm mehr Schlagzeilen einbrachte als die Vereinbarung selbst: „Ich habe den Stolz, der erste schwule Bürgermeister von Barcelona zu sein.“
Diese Behauptung stammt von ihm selbst. Die Frage ist, ob sie das Zentrum der Rede hätte sein sollen. Hinter dieser Geste steckt ein Lebenslauf, der, ohne Schnörkel, in eine Zeile passt: seit Studientagen Mitglied der PSOE, Gewerkschaftsmitglied bei UGT, gesamte berufliche Laufbahn in der Politik. In diesem Kontext fungiert die identitäre Forderung als das einzige Argument, das keine Diskussion über die Bilanz der Regierungsarbeit zulässt.
Und hier beginnt der Streit. Für manche ist es eine irrelevante Anekdote, die im Amt kein Gewicht haben sollte. Für andere ist es der Beweis, dass die Politik den Ideenwettbewerb durch die Verteilung symbolischer Quoten ersetzt hat. Wenige halten bei einem unbequemen Detail inne: Als der Bürgermeister ein heterosenshetero Mann war, der dies nicht laut verkündete, sah niemand darin ein Problem.
Der Pakt in letzter Minute, der Trias das Bürgermeisteramt kostete
Die Investitur von Collboni ging nicht aus den Urnen hervor, sondern aus einer rechnerischen Absprache im Hinterzimmer. Trias hatte gewonnen, mit 22 % der Stimmen, erreichte aber keine absolute Mehrheit. Die Comunes und die PP schlossen in letzter Minute die Vereinbarung, die dem Sozialisten den Schlüssel zum Rathaus übergab. Das Ergebnis ist eine Dreierkoalition mit unmöglicher Geometrie — PSC, Comunes und PP —, wobei die Popularen die Investitur des Sozialisten ermöglichen, ohne Teil der Regierung zu werden.
Laut einer in sozialen Medien verbreiteten Nachricht bezog der neue Bürgermeister sein Büro ohne die spanische Flagge. Ein Zeichen, das im Klima des Pakts als Annäherung an die Partner und als Provokation gegenüber den Wählern der PP gelesen wurde, die ihn ins Amt gehoben hatten. Hier liegt der Knotenpunkt: Dieselben Stimmen, die einen Sozialisten zum Bürgermeister machen, können je nach Tag dazu dienen, ihm genau das Gegenteil dessen vorzuwerfen, was er gerade tut.
Warum wird LGTB-Stolz zum Verdienst, Heterosenshetero aber nicht?
Hier hört die Angelegenheit auf, persönlich zu sein, und wird strukturell. Eine Strömung der Analyse argumentiert, dass das öffentliche Bekenntnis zur sens Orientierung als Auszeichnung einen doppelten Maßstab öffnet: Was in einem Fall Grund zum Stolz ist, wäre im anderen Grund zum Misstrauen. Wenn ein Regidor ankündigen würde, stolz darauf zu sein, heterosenshetero zu sein, würde dies kaum als Errungenschaft gelesen werden. Der lgtb pass, dieses symbolische Freifahrtschein, der demjenigen ausgestellt wird, der ihn proklamiert, irritiert jene, die ihn nicht besitzen.
Dagegen spricht ein vernünftiges Argument: Bis vor Kurzem war die sens Orientierung ein Stigma und kein Verdienst, und ihre positive Darstellung ist eine Antwort auf Jahrzehnte des Schweigens. Das Problem liegt in der Kalibrierung, nicht im Prinzip. Und in der Politik wird die Kalibrierung an Stimmen gemessen.
Ein Blick auf die Vorgeschichte lohnt sich. Barcelona hatte bereits eine Bürgermeisterin, die nicht heterosenshetero ist — Ada Colau, die sich als bisensbi definiert —, und damals stand dieses Faktum nicht im Mittelpunkt einer Investiturrede. Der Unterschied zwischen den Fällen liegt nicht in der Person, sondern im Zeitpunkt: Man zählt es, wenn es nützt, und schweigt, wenn es nicht nötig ist.
Von Sálvame zum Bürgermeisteramt: Die Ehe, die niemand erwartet hatte
Die am meisten diskutierte Episode hat wenig Politisches und viel Televisuelles. Collboni war fünf Jahre lang mit Óscar Cornejo verheiratet, Produzent von Sálvame, der Sendung von Jorge Javier Vázquez. Die Scheidung wurde damals laut veröffentlichten Berichten als freundschaftlich beschrieben. Die Verbindung zwischen dem neuen Bürgermeister von Barcelona und der bekanntesten Unterhaltungsfabrik des spanischen Fernsehens hat alle möglichen Witze genährt.
Es ist die Art von Detail, das die Politik nicht kontrollieren kann. Ein Parteimitglieds-Lebenslauf lässt sich maßschneidern; ein Ex-Ehemann, der TV-Produzent ist, nicht.
Trias’ Reaktion und der Schwenk zur nationalen Politik
Trias hielt sich nicht zurück. Er beschuldigte die Dreierkoalition der Lüge und widmete ihnen einen der Sätze des Tages: „Senyors Collboni, Colau i Sirera: els fa vergonya fins i tot mirar-me a la cara!“ (Herr Collboni, Frau Colau und Herr Sirera: Es ist euch peinlich, mir auch nur ins Gesicht zu sehen!). Er fügte hinzu, laut gesammelten Aussagen, dass sie, wenn er nicht Bürgermeister sei, alle zusammen verschwinden könnten. Der Meistgewählte, draußen.
Der Pakt hat eine nationale Dimension. Mitten im Kampf zwischen PSOE und PP bricht eine Vereinbarung, die einen Sozialisten mit Unterstützung der Partido Popular zum Bürgermeister macht, das Wahlkampfhandbuch. Manche behaupten, dass wenn die PP PSOE-Regierungen in Städten ermöglicht und die PSOE nicht mit gleicher Münze dort heimzahlt, wo Vox entscheidend ist, die Erzählung vom „Paktieren mit der Ultrarechten“ ihre Schärfe verliert. Mit diesen Zutaten ist die wahltaktische Übersetzung alles andere als offensichtlich.
Was der Wähler riskiert, der mit keiner Seite sympathisiert
Am Ende hinterlässt die Geschichte drei Vektoren, die nicht zueinander passen. Der Gewinner regiert nicht. Derjenige, der regiert, beansprucht seine Identität als Garantie. Und die Partei, die ihn ins Amt hebt, prahlt mit dem Gegenteil dessen, was sie gerade getan hat. Jeder der drei Punkte einzeln würde in eine Meinungskolumne passen. Alle drei zusammen beschreiben ein System von Vereinbarungen, in dem der Wähler nur am Tag der Stimmabgabe eingreift.
Dass das Gesprächsthema die sens Orientierung des Bürgermeisters ist und nicht der Inhalt der Vereinbarung, sagt viel über den Zustand der Dinge aus. Die Regierungsarbeit wird erst beurteilt, wenn sie beginnt. Das Foto wird bereits jetzt bewertet. Und wenn etwas klar geworden ist, dann dass solche Gesten mehr Schlagzeilen bringen, bevor jemand weiß, wie hoch die Mieten im Eixample sind.
Zusammenfassung einer Diskussion auf Burbuja.info - Foro de economía, actualidad y política., aus dem Spanischen übersetzt und vor der Veröffentlichung geprüft.
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