Büste aus Mérida widerlegt Mythos vom nordischen Rom

Ein in der römischen Nekropole von Mérida gefundener Büste befeuert die Debatte über das Aussehen antiker Römer und den Mythos eines nordischen Roms.

Deutsch · Ursprüngliche Diskussion auf Spanisch · Veröffentlicht

Büste aus Mérida entkräftet den Mythos des nordischen Roms

Ein Marmorporträt, das in der römischen Nekropole von Mérida gefunden wurde und im Museo Nacional de Arte Romano aufbewahrt wird, wirft eine Frage auf: Warum sieht der heutige Besucher dieses strenge Gesicht und denkt an einen Senator der Ivy League, statt an einen Bewohner des 1. Jahrhunderts? Die Büste von filmischer Qualität diente als Anlass, um eine alte Debatte neu zu entfachen: Waren die Römer „nordisch“?

Die kurze Antwort lautet nein. Die Hypothese eines blonden, helläugigen Roms hat mehr mit Hollywood-Casting zu tun als mit archäologischen Befunden. Das hindert jedoch nicht daran, dass das Porträt aus Mérida genau deshalb besticht: Es wirkt wie von heute.

Waren die Römer nordisch oder mediterran?

Die Erzählung einer mitteleuropäischen patrizischen Elite, die das Reich regierte, basiert auf sehr wenig Substanz. Manche behaupten, die römischen Eliten stammten aus Mitteleuropa, doch die Archäologie dokumentiert keine Wanderungswelle, die die italische Bevölkerung hätte ersetzen können. Nordische und mediterrane Schädel wären in Wirklichkeit sehr ähnlich: beide kaukasisch. Der eigentliche Unterschied liegt laut Experten in der Pigmentierung, wofür man Haar- und Augenfarbe des Dargestellten kennen müsste – was bei einer Marmorbüste unmöglich ist.

Hinzu kommt das sogenannte Trinc: die Angewohnheit angloamerikanischer Filme, die Antike weißzuwaschen. Das Grundproblem ist, dass Melaninwerte die geographische Breite der Populationen definieren, nicht ihre Zivilisation. Rom, Athen und Ägypten wurden nicht von Nordländern gegründet, und das Gefühl, „wir seien heute dunkler“, widerspricht der Tatsache, dass sich der Fossilbefund in zweitausend Jahren kaum verändert hat.

Warum wirkt die Büste aus Mérida wie ein Hollywood-Schauspieler?

Eine der häufigsten Erklärungen ist die banalste: Der Dargestellte ist ein älterer Mann. Ohren und Nase wachsen im Alter weiter, weil das Knorpelgewebe nicht aufhört zu entwickeln, was Merkmale erklärt, die manche als exotisch lesen. Der strenge Ausdruck ist zudem reine Konvention der Bildhauerei: Je nach Epoche dominiert entweder die Idealisierung oder der Naturalismus der Totenmasken; es wäre seltsam, wenn die Figur lächeln würde.

Der meistzitierte Vergleich ist das Seneca-Porträt, wo das Alter offensichtlich ist. Hier liegt der Knackpunkt: Das Stück aus Mérida durchbricht die Konvention und wirkt wie ein reales Individuum. Daher stammt das Gefühl, er könnte uns auf der Straße begegnen, und die Annahme, die Menschen hätten sich in zwanzig Jahrhunderten „verändert“.

Haben Spanier indianisches Blut?

Ab hier nahm die Diskussion eine unerwartete Wendung. Eine Strömung vertritt die These, die heutige spanische Bevölkerung habe seit der Entdeckung Amerikas indianische Gene aufgenommen, was eine Veränderung der Gesichtsformen im Vergleich zu den Extremadurern vor 500 Jahren erklären soll. Die These geht von einer auffälligen Prämisse aus: Das spanische Phänotyp sei früher „knorpeliger“ gewesen und habe sich nach Jahrhunderten der Beziehung zu Amerika abgeflacht.

Dieses Argument hat begeisterte Anhänger und wütende Gegner. Erstere meinen, es genüge, wenn ein Rückkehrer aus Amerika (Indiano) mit kreolischer Frau und mehreren Kindern in sein Dorf zurückkehre, um Spuren im Umkreis von Kilometern zu hinterlassen. Letztere kontern mit Demografie: Es bräuchte einen Zustrom von hunderten Tausenden indigener Frauen, und dies würde sich zuerst am Kiefer oder Biss zeigen, nicht an der Nase. Dass etwas nicht ausgeschlossen werden kann, bedeutet nicht, dass es bewiesen werden kann.

Was beweisen Haplogruppen wirklich?

Viel Lärm entsteht durch die Vermischung von Werkzeugen. Y-Chromosom-Haplogruppen verfolgen nur einen einzigen Vorfahren über die väterliche Linie und taugen nicht zur Messung der genetischen Zusammensetzung einer Person. SNP-Analysen, wie die Herkunftsanalyse von 23andme, ermöglichen hingegen Schätzungen über indianische Anteile. Laut Beobachtern dieser Debatte tauchten solche Anteile in den bisher veröffentlichten Profilen nicht auf.

Das oft angeführte Gegenargument — der Haplogruppe R1b, die bei vielen mexikanischen Mestizen vorkommt — beweist nichts: Sie existierte unter den Indigenen vor Ankunft der Eroberer, die diese Linie trugen, nicht. Ein Marker für einen einzelnen Vorfahren mit dem vollständigen genetischen Profil zu verwechseln, ist der Fehler, der die gesamte Diskussion durchzieht.

Warum widerlegt Sardinien die Theorie?

Das stärkste Argument gegen die indianische Spur ist geographischer Natur. In isolierten europäischen Regionen seit dem Mesolithikum, wie Sardinien, treten pseudo-asiatische Merkmale ohne dokumentierte Mischung auf. Ähnliches gilt für epikanthische Falten bei alten europäischen Populationen. Schwarzes Haar, so wird erinnert, gibt es sogar in Norwegen.

Würde man jeden Spanier mit breitem Gesicht als indianisch abstammen bezeichnen, wäre das Ergebnis absurd: Halbe Kontinente hätten ceporro Vorfahren. Umgekehrt weist die weiße Bevölkerung im Süden der USA laut vorliegenden Daten in manchen Analysen einen Anteil von 14 % afrikanischer Abstammung auf. Die Vielfalt innerhalb einer menschlichen Gruppe ist enorm, und sie mit Vermischung gleichzusetzen, ist der grundlegende Fehler.



Die Ausgangsfrage bleibt unbeantwortet: Warum ist eine Büste dieser Qualität nicht berühmter? Hier hilft keine Genetik. Es ist nur die Gewohnheit, die Ursprünge Roms im Norden zu suchen, statt auf den Marmor vor unserer Nase zu schauen.

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Zusammenfassung einer Diskussion auf Burbuja.info - Foro de economía, actualidad y política., aus dem Spanischen übersetzt und vor der Veröffentlichung geprüft. Die ganze Diskussion lesen (327 Antworten).

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