Bundesverfassungsgericht hebt Verurteilung von Chaves wegen ERE-Fall auf

Das Bundesverfassungsgericht hebt mit 7:4 die Verurteilung von Manuel Chaves wegen Rechtsbeugung im ERE-Skandal auf, da Haushaltentwürfe politische Akte sind.

Deutsch · Ursprüngliche Diskussion auf Spanisch · Veröffentlicht

Bundesverfassungsgericht hebt Verurteilung von Chaves wegen ERE-Fall auf
Das Bundesverfassungsgericht hebt die Verurteilung von Chaves auf und entlastet die Spitze der ERE-Pyramide

Das Bundesverfassungsgericht hat Manuel Chaves, Präsident der Junta de Andalucía von 1991 bis 2009, teilweise Recht gegeben und seine Verurteilung wegen Rechtsbeugung im ERE-Fall aufgehoben. Die Entscheidung fiel mit 7:4 Stimmen und folgt einer ähnlichen Logik wie die teilweise Aufhebung der Verurteilung der ehemaligen Finanzministerin Magdalena Álvarez am 19. Juni: Gesetz- und Gesetzesentwürfe sind rein normative Vorschläge und unterliegen keiner gerichtlichen Kontrolle. Die Erstellung eines Budgets ist somit ein politischer und kein Verwaltungsakt, weshalb die Strafgerichtsbarkeit nicht anwendbar ist.

Chaves wurde zu neun Jahren Berufsverbot verurteilt durch das Gericht von Sevilla im November 2019, bestätigt durch den Obersten Gerichtshof im Juli 2022. Richterin Mercedes Alaya hatte ihn an die Spitze einer Pyramide platziert, die 680 Millionen Euro an Hilfen ohne Vorabkontrollen verteilte. Nun muss das Gericht von Sevilla ein neues Urteil mit stark reduzierten feststehenden Tatsachen verfassen. Magdalena Álvarez und vier weitere ehemalige Spitzenbeamte – Carmen Rodríguez Aguayo, Francisco Vallejo, Antonio Fernández und Jesús María Rodríguez Román – befinden sich in derselben Situation. Miguel Ángel Serrano Aguilar, ehemaliger Direktor der Agentur IDEA, wurde vollständig freigesprochen. Alle sind bereits nicht mehr inhaftiert.

Was sich in der Rechtsprechung des Verfassungsgerichts geändert hat

Die Berichterstatterin der Beschwerden, Inmaculada Montalbán, leitete mit dem Fall Álvarez eine These ein, die nun auf Chaves angewendet wird: Gesetz- und Gesetzesentwürfe können nicht Gegenstand gerichtlicher Kontrolle sein. Das Verfassungsgericht ist der Auffassung, dass die Erstellung und Genehmigung eines Haushaltsentwurfs im Regierungsrat ein politischer Akt ist, weshalb keine Strafgerichtsbarkeit möglich ist. Mit diesem Argument sieht der Garantienrichter das grundlegende Recht auf strafrechtliche Legalität des ehemaligen sozialistischen Mandatsträgers verletzt.

Die Stimmverteilung bleibt gleich: 7:4, wobei die pogre Mehrheit diesen Überprüfungsprozess von Anfang an anführte. Vor der Abstimmung wies das Plenum den Ablehnungsantrag der Volkspartei (PP) gegen zwei Richterinnen zurück, Montalbán und María Luisa Segoviano. Eines der vier Gegenstimmen, Enrique Arnaldo, legte im früheren Plenumsurteil ein Sondervotum ein, da er die Rechtsprechung des Verfassungsgerichts im ERE-Fall als Schaffung eines Straflosigkeitsraums ansieht, in dem bestimmte Regierende einen Schutzschild vor Kontrolle genießen. Die vier konservativen Minderheitsrichter haben ebenfalls ein Sondervotum zur Entscheidung über Chaves abgegeben.

Die 680 Millionen und die Geldspur

Der ERE-Fall basiert auf einem System der Mittelverteilung, das zu Hilfen im Wert von 680 Millionen Euro ohne Vorabkontrollen führte. Richterin Alaya sah in diesem Design einen Plan der von Chaves geleiteten Regierungen Andalusiens (2000–2008) zur Straftat, nicht nur einen begrenzten Betrug im Arbeitsministerium. Das Gericht von Sevilla und der Oberste Gerichtshof teilten diese These. Das Verfassungsgericht hat sie nun im Kern widerlegt: Wenn der Haushalt ein politischer Akt ist, gibt es bei seiner Erstellung kein Verbrechen.

Die unbequeme Frage bleibt: Wo sind die mehr als 800 Millionen Euro, die hinterzogen wurden, und wie können sie jetzt zurückgeholt werden? Ein Teil der Analyse geht davon aus, dass das Geld nicht an treue Parteifunktionäre, sondern in die Taschen der Vorruhestandnehmer floss, da ERE-Zahlungen noch heute erfolgen. Der administrative Fehler bestand demnach darin, dass Zahlungen über Finanzierungsüberweisungen (Posten 331 L) und nicht über Subventionen erfolgten, deren Verfahren länger und umständlicher ist. Die Zahlungen wurden im Amtsblatt BOJA veröffentlicht: Es ist bekannt, wer sie erhielt, sowohl Berechtigte als auch Unberechtigte, sowie die Unternehmen, die zu Unrecht gezahlt bekamen. Die dokumentarische Spur existiert. Die strafrechtliche Verurteilung jedoch nicht.

Die politische Reaktion: „Andalusien vergisst nicht“

Die Entscheidungen des Verfassungsgerichts haben die öffentliche Debatte in Andalusien um ein Jahrzehnt zurückgeworfen und die Spannung erinnert an die Zeit der Ermittlungen im ERE-Fall. Die Sozialistische Arbeiterpartei Spaniens (PSOE) hat eine Kampagne gestartet, um ihre ehemaligen Führer zu verteidigen, und wirft den Volksparteilern (PP) eine politische Hexenjagd vor, um die Partei zu schwächen. Die PP hingegen verteidigt ihre Rolle als Nebenkläger im Fall und betont, dass „Andalusien nicht vergisst“, dass der ERE-Fall „der größte Korruptionsfall Spaniens“ war.

Das Plenum des Verfassungsgerichts muss noch die Beschwerden weiterer vier ehemaliger Spitzenbeamter behandeln, wobei José Antonio Griñán der prominenteste ist. Der ehemalige Präsident der Junta de Andalucía wurde wegen Unterschlagung und Rechtsbeugung zu sechs Jahren Freiheitsstrafe und 16 Jahren Berufsverbot verurteilt, kam aber aufgrund einer schwer behandelbaren Prostatakrebsdiagnose nicht ins Gefängnis. Sein Fall ist noch nicht abgeschlossen.

Der institutionelle Konflikt: Kann das Verfassungsgericht den Obersten Gerichtshof überprüfen?

Die Entscheidung hat eine grundlegende Debatte über die institutionelle Architektur wieder eröffnet. Eine Analyseströmung vertritt die Ansicht, dass das Verfassungsgericht weder eine noch kann es ein Urteil des Obersten Gerichtshofs (TS) überprüfen oder als letzte Instanz dienen, da es nicht Teil des Rechtssystems ist, dessen Spitze der TS ist. Demnach kommt nur der Verfassungsbeschwerde (Amparo) in Betracht, bei der das Urteil nicht überprüft, sondern nur geprüft wird, ob die verfassungsmäßigen Rechte gewahrt wurden. Die stattgegebene Verfassungsbeschwerde bei einer Verletzung grundlegender Rechte und des Legalitätsprinzips durch ein TS-Urteil wirkt in der Praxis wie eine Revision.

Auf der anderen Seite argumentieren einige, das Urteil des Obersten Gerichtshofs von Andalusien (TSJ) sei unhaltbar gewesen: Was Chaves 2000 und 2001 tat, könne als Rechtsbeugung geahndet werden, der Rest jedoch nicht, da er im Haushalt enthalten sei, und ein Gericht könne nicht bestimmen, dass die Zustimmung eines Parlaments Rechtsbeugung ist. Dies betrifft die Trennung der Gewalten. Das Parlament begeht bei Abstimmungen keine Straftaten. Höchstens kann das Gericht den Haushalt an das Verfassungsgericht zur Aufhebung senden, aber kein Gesetz für straffällig erklären.

Das Präzedenzfall, dessen Ende niemand kennt

Das Unbehagen beschränkt sich nicht auf den andalusischen Fall. Ein Teil der Analyse warnt davor, dass, wenn sich der Oberste Gerichtshof nicht widersetzt oder keine europäische Instanz einschreitet, das Präzedenzfall die Demokratie, wie wir sie kannten, zerstört: Keine gerichtliche Entscheidung sei unumstößlich, sobald ein politisches Gericht, das von der Regierungspartei dominiert wird, die letzte Instanz beansprucht. Andere erinnern daran, dass das Verfassungsgericht von Politikern ernannt wird und sich seine Zusammensetzung mit den Mehrheitsverhältnissen ändert, was jede Überprüfung zu einem parteipolitischen Schlachtfeld macht.

Unterdessen sind die verurteilten ehemaligen Spitzenbeamten auf freiem Fuß, und das Gericht von Sevilla muss die Urteile mit minimalen feststehenden Tatsachen neu verfassen. Die umhergeistende Frage ist nicht juristisch, sondern politisch: Wer kontrolliert den Kontrolleur, wenn der Kontrolleur die letzte Kette ist? Angesichts dieser Umstände ist es wahrscheinlich, dass der ERE-Fall noch jahrelang gerichtliche Nachwirkungen haben wird. Doch niemand würde zu diesem Zeitpunkt sein Geld darauf setzen, dass die nächste Entscheidung den Fall abschließt.

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Zusammenfassung einer Diskussion auf Burbuja.info - Foro de economía, actualidad y política., aus dem Spanischen übersetzt und vor der Veröffentlichung geprüft. Die ganze Diskussion lesen (140 Antworten).

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