Die Pariser Bohème von 1850: das Gesindel, das Marx in den Lumpen steckte
1852 veröffentlichte Karl Marx Der achtzehnte Brumaire des Louis Bonaparte und stieß bei der Erklärung, wie ein Staatsstreich die Republik beendet hatte, auf ein Einordnungsproblem. Der spätere Napoleon III. hatte sich weder auf das Bürgertum noch auf das industrielle Proletariat gestützt: Seine Basis hatte er aus einer formlosen Masse rekrutiert, die am Rand überlebte. Marx nannte sie Lumpenproletariat und packte bei der Definition Kriminelle, Bettler, Lumpensammler, Drehorgelspieler, Gaukler, Bordellbetreiber und verarmte bohemische Schriftsteller in denselben Topf. Die Liste liest sich heute als unfreiwilliges Porträt des schäbigsten Paris des 19. Jahrhunderts.
Das Wort „Bohemier" trägt seitdem ein Ursprungsmissverständnis mit sich. Im 15. Jahrhundert kamen Roma-Gruppen nach Frankreich, und die Franzosen nannten sie bohémiens, weil viele aus der Region Böhmen kamen. Der Begriff beschrieb fortan einen wandernden, freien Lebensstil und sprang von dort auf die Künstler über, die die bürgerliche Konvention verachteten. Ein geografischer Irrtum von vor sechs Jahrhunderten gibt bis heute dem Treiben seinen Namen, das die Cafés und die Unterwelt bevölkerte.
Wer laut Marx zum Lumpenproletariat gehörte
Marx' Beschreibung war kein Sitteninventar: Sie war eine politische Diagnose. Diese heterogene Gruppe ohne Klassenbewusstsein und ohne festes Einkommen war auf Almosen, Schattenwirtschaft oder Klientelismus angewiesen. Deshalb, so Marx, neige sie dazu, ihre Loyalität an den Meistbietenden zu verkaufen. Louis Bonaparte verstand das und kaufte ihre Unterstützung mit freien Mitteln. Das Ergebnis war ein autoritäres Regime, das sich als Verteidiger des Volkes gegen die Eliten inszenierte.
Das Inventar umfasste ruinierte Zuhälter, Betrüger, Taschendiebe, Zauberkünstler und Berufsspieler, die durch die Cafés streiften. Dazu Gaukler, Bettler, Kuppler und Bordellbetreiber, die das Netz der Schattenwirtschaft bildeten. Und prekäre Berufe des täglichen Überlebens: Träger, Drehorgelspieler, Lumpensammler, die im Müll wühlten, Messerschleifer und Kesselflicker. Auf derselben Stufe standen die bohemischen Schriftsteller und die marginalisierten Romantiker, die wirtschaftliche Unsicherheit und Verachtung für das konventionelle Bürgertum teilten.
Balzacs Paris: schäbige Bohème und deprimierende Pensionen
Die Literatur der Zeit hielt diese Welt fest. Honoré de Balzac, der 1850 nicht mehr erlebte, porträtierte die Restauration in Romanen wie Verlorene Illusionen oder Glanz und Elend der Kurtisanen. Seine Pension von Père Goriot ist die literarische Version der schäbigen Bohème: kalte Zimmer, fragwürdiges Essen und Nachbarn, die mehr vorgeben, als sie sind. Das Paris, das er beschrieb, war nicht das der beleuchteten Boulevards, sondern das der Holzhäuser, der abgetragenen Kleidung und der zahnlosen Prostituierten.
Den Vergleich mit der Gegenwart zog jemand, der die Stadt im Winter 1990 bereiste und keine Spur der verklärten Bohème fand: keine Maler in Montmartre, keine Musiker in der Metro. Nach seiner Erfahrung boten die Ramblas in Barcelona oder die Montera in Madrid mehr Bohème als Paris. Die Geografie der Bohème-Szene verschob sich zudem mit der Zeit: von Montmartre und Pigalle im Norden zur Rive Gauche und Montparnasse im Süden, als die sens Befreiung es Studenten unnötig machte, in der Nähe der Bordelle zu wohnen.
Die französische Sprache und der Jargon der Unterwelt
Das Gespräch kam auf die französische Orthografie, ein System, das wie vom Feind des gesunden Menschenverstands entworfen wirkt. Kombinationen wie „eau", „au" und „o" erzeugen denselben Laut; „ou" wird „u" ausgesprochen; „ui" klingt wie „ua". Das ist eine Sprache, die den Mund trainiert, nicht die Logik. Die Anekdote passt zum Thema: Die Pariser Bohème war auch ein sprachliches Territorium, mit eigenen Codes und eigenem Überlebensjargon.
Das Couplet aus dem frühen 20. Jahrhundert, das vor den Pariser „Apachen" warnte, erinnerte an die Straßengangs, die schon damals gefürchtet waren. Das Gesindel der Ränder verschwand nicht mit dem Zweiten Kaiserreich: Es wechselte nur Name und Viertel.
Vom Lumpen von 1850 zur heutigen Armutsdebatte
Das Gespräch sprang von der Geschichte zur Gegenwart. Jemand schlug vor, Marx' Liste auf das moderne Lumpen zu übertragen: Straßenhändler, Lieferboten, Taschendiebe, Menschen, die Krankmeldungen aneinanderreihen. Der Vergleich ist diskutabel, wirft aber eine unbequeme Frage auf: Wenn das Lumpen von 1850 eine Masse ohne Klassenbewusstsein war, was ist heute eine Dienstleistungswirtschaft mit Millionen von Arbeitern ohne festes Einkommen?
Ein anderer Strang argumentierte, der Begriff „reaccionariopobre" (ein spanisches Schimpfwort für Arme, die die eigene Klasse angreifen) beschreibe jemanden, der die eigene Klasse angreift, während er die Interessen der Reichsten verteidigt. Die Diskussion artete in gegenseitige Beschuldigungen und persönliche Herabsetzungen aus. Es gab keinen Konsens. Die Bohème von 1850, was für ein Gesindel, dient bis heute als Spiegel für die Klassenspannungen des 21. Jahrhunderts.
Was bleibt von jenem Paris der Lumpensammler und hungernden Schriftsteller? Es bleibt das Wort, inklusive geografischem Missverständnis, und die Erkenntnis, dass die Ränder immer ein politisches Vorkommen für den waren, der sie zu kaufen versteht.
Zusammenfassung einer Diskussion auf Burbuja.info - Foro de economía, actualidad y política., aus dem Spanischen übersetzt und vor der Veröffentlichung geprüft.
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