Anglizismen als Schönfärberei für Prekarität: ein Wörterbuch

In einem Forumsthread werden Anglizismen wie Staycation, Coliving oder Carsharing in ihre ökonomische Realität übersetzt: weniger Geld, weniger Platz und mehr Arbeitsstunden.

Deutsch · Ursprüngliche Diskussion auf Spanisch · Veröffentlicht

Anglizismen als Schönfärberei für Prekarität: ein Wörterbuch

Der Begriff „Staycation“ bedeutet in der Praxis, dass man sich keinen Urlaub im August leisten kann. Die Definition stammt nicht aus einem akademischen Wörterbuch, sondern aus einer Liste, die in einem Forumsthread nach und nach entstanden ist, um das, was das angelsächsische Marketing als Lebensstil verkauft, ins Klartext-Deutsche zu übersetzen. Die Prämisse ist einfach: Jeder Anglizismus, der in den Alltagssprachgebrauch Einzug hält, wirkt wie eine Lackschicht über einer raueren ökonomischen Realität. Was früher „zu Hause bleiben“ hieß, ist heute eine bewusste Lebensentscheidung.

Die Übung hat ihren Charme, aber auch ihre Methode. Es geht nicht darum, das Englische aus Laune abzulehnen, sondern zu prüfen, was sich hinter jedem Begriff verbirgt, der sich hereinschleicht. Das Ergebnis ist ein umgekehrtes Wörterbuch: vom coolen Wort zur unbequemen Tatsache.

Was jeder Anglizismus in ökonomischen Begriffen bedeutet

Die Liste beginnt mit „Staycation“ und führt weiter zu „Situationship“, was der Autor als Liebesbeziehung ohne Verbindlichkeit übersetzt, bei der eine Partei mehr erwartet als die andere. „Coworking“ wird beschrieben als Arbeit an einem Tisch, der sich mehrere abwechselnd teilen, ohne eigenen Schreibtisch oder Stuhl, mit dem Glück, vielleicht ein kleines Schließfach mit Zahlenschloss zu bekommen. Das Büro hat zudem meist keine Wände, daher der Nutzen von Noise-Cancelling-Kopfhörern.

„Carsharing“ wird als Option für diejenigen dargestellt, die sich kein Auto leisten können. Die Rechnung, was ein Neuwagen samt jahrelanger Unterhaltung kosten würde, erscheine in den Artikeln, die das Modell loben, laut dem Text selten aufgeschlüsselt. „Freemium“ wird definiert als das Modell angeblich kostenloser Apps, die persönliche Daten sammeln, damit Regierungen und Marketingfirmen wissen, wie man Menschen manipuliert.

„Micromobility“ ist in dieser Lesart die Art, sich damit abzufinden, dass das Auto etwas für Reiche ist: E-Scooter und E-Bikes als ökologisch präsentiert, während der Umweltschaden durch die Gewinnung der Rohstoffe für die Batterien und deren endgültiger Transport nach Afrika, wo sie zum Verbrennen und Metallabbau landen, ausgeblendet wird. Die „Circular Economy“ wird mit dem Argument in Frage gestellt, dass nur wenige Materialien wirklich recycelbar sind und der Rest dazu dient, genau diese wenigen zu recyceln.

Coliving, Tiny Homes und Van Life: Wohnen als Trend

„Coliving“ wird beschrieben als WG-Leben nach dreißig, ein Modell, das sich laut Text durch Serien normalisiert habe, in denen sich die Figuren das Alleinleben nicht leisten konnten. „Tiny Homes“ sind kleine Häuser auf nicht erschlossenen Grundstücken, in Videos als Naturleben präsentiert, wobei der Autor zugibt, noch immer eine zu suchen, die länger als zwanzig Jahre hält. „Van Life“ ist die nächste Stufe darunter: das Leben im Wohnmobil bzw. Transporter, eine Situation, die früher mit sozialer Ausgrenzung verbunden war und heute als Freiheit verkauft wird.

„Minimalism“ beschließt den Block: vollkommen brauchbare Sachen wegwerfen, um Coliving, Van Life oder eine Tiny Home zu machen, und sie sechs Monate später neu kaufen. Die Liste wächst durch spätere Ergänzungen: „Freeganism“ und „Dumpsterdiving“ für alle, die Essen aus dem Mühl holen, „Trashlunching“ für alle, die mit einem Besenstiel ihr Mittagessen aus Containern fischen, und „Stooping“ für alle, die ausrangierte Möbel von der Straße auflesen. Das Muster wiederholt sich: Aus Not wird ein Trend gemacht.

Von „Welcome Refugees“ bis „Rucking“: die Entwicklung der Liste

Das Gespräch driftete in kontroversere Gefilde ab. Ein Teilnehmer übersetzte mehrere Begriffe in das, was er „das Spanien des Hungers“ nannte: „Staycation“ als zu Hause bleiben, „Coliving“ als überteuertes Elends-WG-Zimmer, „Tiny Homes“ als Hütte. Ein anderer fügte „Welcome Refugees“ als Stockholm-Syndrom hinzu, eine Definition, die dieser Artikel als zugeschriebene Meinung und nicht als Fakt wiedergibt. Auch der „Ryder“ tauchte auf, beschrieben als Botenjob ohne Vertrag und Sozialversicherung, bei dem das Fahrzeug der Arbeitnehmer selbst stellt.

Im letzten Teil der Liste kamen Begriffe wie „Smart“ hinzu, angewandt auf Stadt, Handy oder Uhr, was der Text als Synonym für Kontrolle deutet; „Running“ für alle, die in teurer Ausrüstung joggen; oder „Rucking“ für alle, die zu Fuß einkaufen und die Tüten schleppen. Die Liste hört jedenfalls nicht auf zu wachsen, weil auch das Phänomen, das sie beschreibt, nicht stoppt.

Warum Anglizismen verwendet werden, um über Prekarität zu sprechen

Die Hypothese, die sich durch die gesamte Liste zieht, lautet: Der Anglizismus wirkt wie eine Schicht von Neutralität. „Staycation“ zu sagen ist nicht dasselbe wie zu sagen, dass man sich ein paar Tage Urlaub nicht leisten kann. „Coworking“ zu sagen ist nicht dasselbe wie zu sagen, dass man kein eigenes Büro hat. Der importierte Begriff macht aus einem Mangel eine Wahl, und genau das ist seine Hauptfunktion.

Manche sehen darin eine bewusste Strategie, damit die Bevölkerung schlechtere Lebensbedingungen ohne Protest akzeptiert. Andere sehen einfach eine sprachliche Mode, eine Art, kosmopolitisch zu wirken. In beiden Fällen ist die Wirkung dieselbe: Das Wort überdeckt die Tatsache. Die Liste, aus Beiträgen und Korrekturen zusammengewachsen, funktioniert als kleines umgekehrtes Wörterbuch für alle, die wissen wollen, was sich hinter jedem Begriff verbirgt.

Ob das Phänomen neu ist oder sich nur beschleunigt hat, bleibt offen. Klar scheint aber zu sein, dass sich der Wortschatz schneller verändert als die materiellen Bedingungen, die er beschreibt.

Auch verfügbar auf: English

Zusammenfassung einer Diskussion auf Burbuja.info - Foro de economía, actualidad y política., aus dem Spanischen übersetzt und vor der Veröffentlichung geprüft. Die ganze Diskussion lesen (100 Antworten).

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