73 Orte gleichzeitig unter zwei Metern Wasser
Am 29. Oktober 2024 verwandelte der Barranco del Poyo einen etwa 20 mal 10 Kilometer großen Streifen im Ballungsraum Valencia in ein Meer. Es war keine übliche Überschwemmung mit halbmeterhohem Wasser auf einem Platz: 73 Gemeinden wurden gleichzeitig überflutet, mit bis zu zwei Metern Wasser für etwa sechs Stunden. Die Hauptstadt blieb verschont. Alles, was den neuen Turia-Flusslauf umgab, nicht.
Die Diskussionen der folgenden Wochen spalteten sich in zwei Lager. Manche behaupten, kein Bauwerk hätte diese Wassermenge ableiten können; andere sind der Meinung, dass etwas hätte getan werden können — und müssen. Dazwischen kursieren dutzende Videos, Karten und Dokumente, die man ohne Aufregung ordnen sollte.
Das reale Ausmaß: Flussläufe, die sich um 500 % verbreiterten
Der Barranco del Poyo entspringt in der Sierra de Chiva und mündet in die Albufera. Sein Einzugsgebiet umfasst zusammen mit denen der Barrancos Pozalet und Saleta etwa 450 km², mit einer Höhendifferenz von über 1.000 Metern auf nur 50 Kilometern Flusslänge. Kleine Fläche, große Neigung: das perfekte Rezept, um aus Starkregen eine gewaltige Strömung zu machen.
Unterhalb von Chiva, in Cheste, war die Flut so stark, dass der Flusslauf seine Breite im Vergleich zum Vortag um bis zu 500 % vergrößerte. Die Straße, die ihn kreuzte, verschwand samt Asphalt und hinterließ kaum Trümmer. Und dies war kein Einzelfall: Zur gleichen Zeit wurde der Flughafen Manises überflutet, die V-30 leitete Wasser in den neuen Turia-Lauf, die Strecke Silla bei Catarroja wurde zum Fluss und die Umgehungsstraße AP-7 bei Calicanto riss alles mit, was ihr im Weg stand. Alles gleichzeitig, in einem Streifen, der an manchen Stellen mehr als 40 Kilometer breit war.
In Utiel und Turís wurden die höchsten Niederschlagsmengen registriert. Turís entwässert in den Magro, nicht in den Poyo. Hätte es in den Poyo entwässert, wäre die menschliche Katastrophe noch größer gewesen.
Hätte die Flut des Barranco del Poyo verhindert werden können?
Hier liegt der Kern des Streits. Eine Strömung argumentiert, dass der Poyo mit einem geschätzten Durchfluss von 1.800 m³/s für ein Wiederkehrintervall von 500 Jahren physikalisch nicht in der Lage sei, so etwas abzuleiten. Der oft wiederholte Vergleich: Der Turia führte an diesem Tag mehr als 2.200 m³/s und trat bereits in Quart de Poblet über die Ufer. Einen zusätzlichen Kanal von 700 m³/s einzubauen hätte nach dieser Berechnung dazu geführt, dass das Wasser im oberen Bereich ansteigt und Manises, Xirivella oder Paterna verwüstet, bevor irgendetwas gelöst wird.
Dem gegenüber erinnert eine andere Strömung daran, dass Staudämme, Wehre und Rückhaltebecken genau dafür existieren, um die Spitze des Durchflusses zu bremsen, bevor sie das Stadtzentrum erreicht. Holländische und französische Systeme werden zitiert, mit ebenso flachen Ebenen, die durch Regulierungsbecken gemanagt werden. „Ich stimme nicht damit überein, dass es unmöglich ist. In Frankreich leiten sie das Wasser extrem effizient, selbst bei kaum vorhandenen Höhenunterschieden“, fasst jemand zusammen, der diese Bauwerke aus erster Hand kennt.
Ein Detail widerlegt einen Teil des Lärms: Das Gelände in der Umgebung ist nicht flach. Schon eine minimale Neigung — der neue Turia-Lauf fällt nur um 0,3 % ab — erzeugt Strömungen von mehreren Metern pro Sekunde, wenn die Wassermenge enorm ist. Deshalb reproduzieren Labormodelle mit ihren Rutschen nicht das, was in der Realität passiert.
Der neue Turia-Lauf und der Schatten von 1957
Die Hauptstadt Valencia blieb verschont. Und nicht durch Glück. Nach der Flut von 1957 wurde der Turia-Lauf durch den sogenannten Plan Sur umgeleitet, ein Projekt aus der Franco-Ära, das den Fluss vom Stadtzentrum fernhielt. Auf dieser Entscheidung beruhen heute tausende Wohnungen und ein großer Teil der städtischen Struktur.
Dasselbe Datum wird in beide Richtungen verwendet. Für manche beweist es, dass Bauten funktionieren, wenn sie ausgeführt werden. Für andere markiert es die Grenze: Der Plan Sur regelte einen Fluss mit bekanntem Regime, nicht eine Sturzflut eines Barranco, die jede historische Serie übersteigt. Der neue Flusslauf selbst trat an seiner Mündung über die Ufer und überschwemmte Pinedo.
Stauseen, Warnungen und das Kleingedruckte der Dämme
Ein Großteil der öffentlichen Empörung richtete sich gegen die Öffnung der Stauseen. Die Erzählung von massenhaften Ablassvorgängen über ungewarnte Ortschaften hat im Poyo-Lauf wenig Substanz: Dort gibt es keine Staudämme, die Wasser abgeben könnten. Anderswo schon, wie im Magro, wo die Freilassungen dem Tod von etwa zehn Menschen zugeschrieben werden, eine Zahl, die vorsichtig behandelt werden sollte, solange es keine offizielle Bestätigung gibt.
Breite Zustimmung findet hingegen die Frage der verspäteten Warnung. Dass die Bevölkerungswarnung eintraf, als das Wasser bereits durch die Straßen von Paiporta floss, ist ein schwer zu bestreitender Fehler. Die meisten Analysen stimmen darin überein, dass eine rechtzeitige Warnung und die Sperrung von Straßen Leben gerettet hätten, auch wenn die Überschwemmung selbst nicht verhindert worden wäre.
Stadtplanung in Überschwemmungsgebieten: Die Wunde von Paiporta
Der andere große Vorwurf richtet sich gegen die Immobilienentwicklung. Paiporta und mehrere Gemeinden im Süden Valencias wuchsen direkt an Barrancos und in Höhenlagen, die Risikopläne als überschwemmbar ausweisen. Die Frage lautet, warum diese Umwidmungen genehmigt wurden und warum niemand sie überprüft hat.
Hier kommt es auf die Nuance an: Ein Großteil der überfluteten Fläche waren Ackerland, keine Wohnsiedlungen. Das Wasser riss ganze Parzellen des Huerta-Gebiets mit sich. Dies öffnet die Debatte darüber, ob das Problem darin bestand, dort zu bauen, wo man nicht durfte, oder ob das Ereignis einfach jede vorgesehene Risikokategorie überstieg.
Was die Júcar-Konföderation bereits gewarnt hatte
Eines der am häufigsten zirkulierenden Dokumente ist ein Bericht der Confederación Hidrográfica del Júcar (Wasserwirtschaftsverband Júcar) aus dem Jahr 2006. Bereits damals wurde das Einzugsgebiet von Poyo, Pozalet und Saleta beschrieben und der erwartbare Durchfluss beziffert. Der Bericht schlug laut seinen Zitierern Schutzmaßnahmen vor, die nie umgesetzt wurden.
Die daraus gezogene Schlussfolgerung ist nicht, dass es eine vollständige Lösung gab, sondern dass das Risiko seit zwei Jahrzehnten identifiziert war. Dass im Barranco und in den Stadtbauplänen nichts unternommen wurde, ist der Vorwurf, der alle Versionen überlebt.
Hätte diese Flut verhindert werden können? Wahrscheinlich nicht. Hätte die Zahl der Todesopfer durch eine rechtzeitige Warnung reduziert werden können? Mit fast absoluter Sicherheit ja. Die Frage ist, warum diese Antwort erst nach dem Wasser gesucht wurde und nicht davor.
Zusammenfassung einer Diskussion auf Burbuja.info - Foro de economía, actualidad y política., aus dem Spanischen übersetzt und vor der Veröffentlichung geprüft.
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