Warum wir Menschen meiden, die uns scheitern sahen

Die Scham, vor einem verehrten Professor zu scheitern, führt dazu, dass viele Menschen ihm aus dem Weg gehen. Der Spotlight-Effekt erklärt, warum wir überschätzen, was andere über uns erinnern.

Deutsch · Ursprüngliche Diskussion auf Spanisch · Veröffentlicht

Wenn jemand vor einer Person scheitert, die er respektiert, kann Scham dazu führen, dass er dieser Person aus dem Weg geht – selbst wenn er dabei Chancen aufgibt, die ihm eigentlich wichtig sind. Der Spotlight-Effekt lässt uns überschätzen, wie viel sich andere an unsere schlimmsten Momente erinnern.

## Das Scheitern, das nicht vergessen wird

Das Scheitern bei der Verteidigung der Abschlussarbeit eines höheren Berufsausbildungsgangs vor einem Professor, den man respektiert, kann zur emotionalen Last werden. Wer das erlebt, hat das Gefühl, den über zwei Jahre erarbeiteten Respekt verloren zu haben und beginnt, diesem Dozenten auszuweichen – selbst wenn dieser weiterhin die Hand reicht. Der Eindruck, das Ansehen sei zerstört, ist nicht rational, aber er fühlt sich wie eine Tatsache an.

Was danach passiert, hat einen Namen: Scham. Die Psychologin **June Tangney** von der **George Guason University** unterscheidet zwischen Schuld und Scham: Schuld sagt „Ich habe etwas falsch gemacht“; Scham sagt „Ich bin ein Versager“. So wird ein einmaliger Fehler zum Beweis eines dauerhaften Makels. Die Person erlaubt sich das Vergessen nicht, weil die Erinnerung nicht auf einen Fehler verweist: Sie verweist auf eine Identität.

Wer zwei Jahre lang darum gekämpft hat, vor seinen Professoren kompetent zu wirken, baut nicht nur einen Lebenslauf auf; er baut ein Bild auf. Wenn dieses Bild öffentlich wackelt, spürt man den Schlag in der Identität, nicht in den Noten. Die bestandene Prüfung tröstet nicht.

## Was der Spotlight-Effekt verbirgt

Im Jahr 2000 veröffentlichten die Psychologen **Thomas Gilovich**, Victoria Medvec und Kenneth Savitsky ein Experiment im Journal of Personality and Social Psychology. Eine Gruppe von Studierenden sollte mit einem lächerlichen T-Shirt durch einen Raum gehen. Wer es trug, glaubte, die Hälfte der Anwesenden habe es bemerkt. In Wirklichkeit fielen es nur **23%** auf. Das ist der Spotlight-Effekt: Wir überschätzen, wie viel sich andere an unsere peinlichsten Momente erinnern.

Der Professor, der eine schwache Verteidigung gesehen hat, erinnert sich wahrscheinlich an zwei Jahre guter Arbeit, an den Einsatz und die Haltung. Wir dagegen spielen die Szene immer wieder ab, als hätten nur wir diesen Film in Dauerschleife. Das Gedächtnis anderer ist selektiv und fast immer viel wohlwollender, als wir glauben. Die Kommilitonen denken zwei Wochen später längst an etwas anderes.

## Der Mentor, der weiterhin die Hand reicht

Ein zusätzliches Problem entsteht, wenn die Verbindung zu einem Professor besteht, der als Mentor wirkt. Diese Dozenten halten Kontakt zu Ehemaligen, empfehlen sie für Stellen und bleiben aus Großzügigkeit dran – was sich aber anfühlen kann wie eine Lupe über den eigenen Misserfolgen. Ein Stellenangebot, das zur falschen Zeit kommt, ist nicht nur ein Angebot: Es ist eine Erinnerung daran, was man nicht geschafft hat. Wer es erhält, sieht keine Brücke, sondern einen Spiegel.

Dieses Angebot abzulehnen, weil die Firma weit weg ist und kein Auto da ist, oder eine Ausrede zu erfinden, um nicht über die eigene Beschäftigungssituation zu sprechen – das sind Arten, mit Scham umzugehen. Was das eigene Bild schützt, verschließt auch Türen. Wer den Mentor meidet, verpasst nicht nur eine konkrete Gelegenheit; er verzichtet auch auf jemanden, der längst bewiesen hat, dass er an ihn glaubte.

Die Beziehung zu einem Mentor ist weder eine Freundschaft unter Gleichen noch eine rein akademische Beziehung. Der Mentor hat eine Position der Autorität und der Fürsorge. Deshalb fühlt sich der Ehemalige ihm gegenüber rechenschaftspflichtig und kann nicht einfach verschwinden. Und je länger das Schweigen dauert, desto schwerer wird es zu brechen.

## Flucht löscht das Unbehagen nicht

Wer meidet, wer einen scheitern sah, dem geht es sofort besser. Man muss nichts erklären, niemandem Rechenschaft ablegen. Aber die Vermeidung beseitigt das Unbehagen nicht: Sie nährt es. Jede unbeantwortete E-Mail, jede ausgewichene zufällige Begegnung bestärkt die Vorstellung, dass das Problem unangetastet bleibt. Die Psychologie nennt das experientielle Vermeidung: eine Strategie, die kurzfristig beruhigt und mittelfristig gefangen hält.

Die Person weiß nicht, ob der Professor sie verurteilt oder nicht, denn sie fragt nicht. Und in Abwesenheit von Informationen füllt der Verstand die Lücke mit der schlimmstmöglichen Hypothese. Da herauszukommen, geht nicht schnell. In den meisten Fällen bedeutet es anzuerkennen, dass das Scheitern eine Episode war, keine Identität. Wer sich genug gekümmert hat, um danach weiter zu schreiben, erwartet wahrscheinlich keine Entschuldigung. Er tut nur das, was ein Mentor tut: die Hand reichen. Wenn das Unbehagen anhält und den Alltag einschränkt, empfiehlt es sich, eine psychosoziale Fachkraft zu konsultieren.

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Zusammenfassung einer Diskussion auf Burbuja.info - Foro de economía, actualidad y política., aus dem Spanischen übersetzt und vor der Veröffentlichung geprüft. Die ganze Diskussion lesen (8 Antworten).

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