Wahltransparenz in Spanien: Forderung nach Veröffentlichung aller Wahlprotokolle

In Spanien wächst die Kritik an der Wahlaufsicht. Das vorläufige Ergebnis von Indra und Zweifel an den Papierprotokollen treiben die Debatte um mehr Transparenz bei den Europawahlen.

Deutsch · Ursprüngliche Diskussion auf Spanisch · Veröffentlicht

Wahltransparenz in Spanien: Forderung nach Veröffentlichung aller Wahlprotokolle
Warum die öffentliche Einsicht in alle Wahlprotokolle gefordert wird

Kann ein Wahlergebnis überprüft werden, wenn die zugrunde liegenden Protokolle nicht öffentlich zugänglich sind? Der Kern des Konflikts lässt sich in vier Schritten beschreiben: Der Vorsitzende des Wahllokals fotografiert das Protokoll mit dem Auszählungsergebnis, sendet es an Indra, und das Unternehmen überträgt diese Zahlen an Medien und die offizielle Website. Die vorläufige Summe ist bereits „zubereitet“. Das Papier ruht derweil in einem Umschlag.

Vom Foto des Protokolls zu Indra

Der häufigste Vorschlag ist pragmatisch: Der Beamte soll das Foto auf einer öffentlichen Website hochladen, von der Indra die Daten bezieht. Befürworter argumentieren, dass dies die Nachvollziehbarkeit erhöht und das Unternehmen als Zwischenhändler zwischen Wahllokal und Bürger ausschaltet. In derselben Forderung wird auch die Abschaffung der Briefwahl verlangt, da sie als weniger kontrolliert angesehen wird.

Die Empörung betrifft nicht nur den Weg der Daten, sondern auch den Zeitpunkt. Es ist die Rede von einer allgemeinen Auszählung hinter verschlossenen Türen ohne Aufnahmemöglichkeit sowie von Beamten, die kommen und gehen. Dass das vorläufige Ergebnis der Presse auf den Zahlen eines privaten Unternehmens basiert und nicht auf der öffentlichen Summierung der Protokolle, ist für Kritiker der Beweis, dass das System fehlerhaft konzipiert ist. Oder schlimmer.

Was schreibt das spanische Wahlgesetz (LOREG) bezüglich der Protokolle vor?

Das Wahlgesetz ist in der Phase im Wahllokal eindeutig: Eine Kopie des Protokolls mit den Ergebnissen muss an der Tür des Lokals ausgehängt und den Wahlbeobachtern und Bevollmächtigten übergeben werden. Ziel ist, dass jeder die Zahlen seines Wahllokals überprüfen kann. Was die Norm nicht festlegt, ist, wie lange diese Kopie ausgehängt bleiben muss; es gibt keine konkrete Frist, wie in der Diskussion betont wird.

Danach folgt die allgemeine Auszählung, geregelt in Artikel 105.2 der LOREG. Die Zentrale Wahlkommission (Junta Electoral Central) musste bei jeder Wahl — 2015, 2016, 2017, 2018, 2019, 2021, 2023 und erneut im Mai 2024 — das Verfahren für die Provinzwahlkommissionen wiederholen. Dass diese Erinnerung jedes Mal nötig ist, ist an sich schon eine Aussage.

Wer im Wahllokal war, verteidigt das System

Nicht alle glauben an einen Betrug. Mehrere Augenzeugenberichte stimmen überein: Die Auszählung wurde durchgeführt, die Zahlen passten, und das Veröffentlichte entsprach dem Gezählten. Das Hauptargument ist logistischer Natur. Die Protokolle werden in vierfacher Ausfertigung mit Durchschlagpapier ausgefüllt und landen bei verschiedenen Personen mit unterschiedlichen politischen Interessen. Eine Fälschung würde erfordern, mehrere Kopien an verschiedenen Orten zu manipulieren.

Der hartnäckigste Einwand gegen diese Verteidigung ist die Ermüdung. Wahllokale werden von unerfahrenen Bürgern betreut, die Arbeitstage dauern oft länger als zwölf Stunden, Tablets zeigen Kandidaten in einer anderen Reihenfolge als das Protokoll, und Personal kopiert Daten aus mehreren Lokalen nacheinander. Unter diesen Bedingungen, so die Kritiker, ist Fehler kein Ausnahmezustand, sondern Routine. Und niemand korrigiert ihn danach.

Prüfen, abgleichen und die Briefwahl neu denken

Daraus entstehen konkrete Vorschläge. Den Scan des Protokolls auf einer offiziellen Website veröffentlichen, damit jeder — ob Indra oder andere — seine eigene vorläufige Auszählung erstellen kann. Präsidenten und Mitglieder gesetzlich verpflichten, am nächsten Tag die ihrem Lokal zugewiesenen Ergebnisse einzusehen und zu bestätigen oder zu korrigieren. Und Stimmzettel und Protokolle für eine angemessene Zeit bei Gerichten aufbewahren, wie in anderen Ländern üblich, um Überprüfungen und Anfechtungen zu ermöglichen.

Auf dem Tisch liegt auch eine Warnung zur Gesetzgebung: Die letzte große Reform diente, so die Erinnerung, dazu, das Erfordernis von Unterschriftensammlungen einzuführen, was kleinere Parteien ausschloss. Änderungen am Gesetz verbessern die Dinge nicht immer, warnen Experten.

Der Vergleich mit anderen Ländern

Außerhalb Spaniens, argumentieren Kritiker, sei die Veröffentlichung der Protokolle Standard. Genannt werden Peru, wo Dokumente offen bereitgestellt werden, und Länder, die physische Stimmzettel zur späteren Neuauszählung aufbewahren. Die gestellte Frage ist einfach: Wenn das System so solide ist, wie behauptet wird, warum ist es hier nicht möglich?

Asturien, Cádiz und die Klage gegen die Europawahlen

In der Praxis berichten Nutzer von geschlossenen Türen bei der allgemeinen Auszählung in Cádiz, wo Bevollmächtigte nicht zur Aufsicht zugelassen wurden, sowie von einem Audio, in dem ein Richter der Wahlkommission in Asturien angeblich zugeben soll, dass die Protokolle nicht gesetzeskonform summiert würden. Dies sind Anschuldigungen ohne bekannte gerichtliche Entscheidung.

Parallel dazu soll die Anfechtung der Europawahlen durch Iustitia Europa von der Zentralen Wahlkommission und dem Obersten Gerichtshof (Tribunal Supremo) angenommen worden sein, laut kursierenden Nachrichten. Die Angelegenheit liegt nun in den Händen der Gerichte.

Wenn alles so sauber ist, warum dann nicht die Protokolle hochladen? Nichts kostet es. Und der Umschlag bleibt geschlossen.

Zusammenfassung einer Diskussion auf Burbuja.info - Foro de economía, actualidad y política., aus dem Spanischen übersetzt und vor der Veröffentlichung geprüft. Die ganze Diskussion lesen (201 Antworten).

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