Ein Ehepaar mit zwei Logistikgehältern nimmt 3.000 Euro im Monat ein. Die Vermieter wissen das und kalkulieren ihre Mieten entsprechend. Die Szene ist nicht neu, wohl aber der Hauptdarsteller: Immer mehr Lateinamerikaner stehen in Spanien in Werbespots großer Marken, von Amazon bis Carglass. Der Wandel ist kein Zufall.
Hinter dem Lächeln von Dagmar, der Venezolanerin, die in zweieinhalb Jahren vom Paketverlader zur Managerin bei Amazon aufstieg, oder von Marlon Tovar, dem Carglass-Techniker, der erklärt, warum man nach dem Kennzeichen fragt, steckt eine Werbestrategie, die die Meinungen spaltet. Die Marken verweisen auf Inklusion und lokales Talent; ihre Kritiker sehen darin eine gezielte Verdrängung einheimischer Arbeitnehmer und ein Wahlkampfwinken an die wachsende hispanische Gemeinschaft.
Die neuen Markenbotschafter
Amazon Spanien startete eine Kampagne mit echten Mitarbeiterstimmen. Dagmar erzählt mit karibischem Akzent, sie sei „mit ihren Träumen im Koffer" gekommen, und Ausdauer habe sie zur Managerin gemacht. Carglass tat es ihr mit Marlon Tovar gleich, der in Badajoz lebt und den legendären Joseba ersetzte, der jahrelang das Gesicht der Firma war. Der Wechsel blieb nicht unbemerkt: Auf YouTube fasst ein Kommentar das Gefühl eines Teils des Publikums zusammen: „Solange Joseba nicht da ist, setze ich keinen Fuß in eine Carglass-Werkstatt. Get proge go broke."
Der Trend beschleunigt sich. Ein späterer Carglass-Spot, der in Barcelona spielt, zeigt einen Techniker mit argentinischem Akzent. Das Unternehmen hat den Kurswechsel nicht erklärt, doch das Muster ist deutlich: von lokalen Profilen hin zu einer wachsenden Präsenz lateinamerikanischer Einwanderung.
Zahlen, die zählen: Arbeit, Kosten und Stimmen
Das wirtschaftliche Argument ist doppelt. Zum einen wird darauf hingewiesen, dass Logistik- und Werkstattlöhne einem Einwandererehepaar 3.000 Euro netto ermöglichen – genug, um Mieten zu stemmen, die junge Spanier verdrängen. Zum anderen drückt die Verfügbarkeit von 600 Millionen Spanischsprechern als potenzielle Arbeitskraft die Konditionen nach unten.
Die Politik mischt mit. Die PP (Spaniens konservative Volkspartei) veranstaltete eine Kundgebung mit Plakaten der Aufschrift „Lateinamerika, Hauptstadt Spanien", und Vox, das traditionell dem hispanischen Einwanderer gegenüber dem maghrebinischen wohlgesinnt war, steht vor einer Zäsur. Unterdessen erinnern Befürworter dieser Einwanderung daran, dass „die beiden Latinos schon mehr in die Sozialkassen eingezahlt haben als 90 % des Kongresses und die Million Marokkaner zusammen" – eine Angabe, die sich zwar schwer überprüfen lässt, aber eine Haltung verdichtet.
Inklusion oder Sozialtechnik?
Die Debatte geht über die Werbung hinaus. Manche sehen in diesen Spots echten Integrationserfolg und Chancen für alle, die zum Arbeiten kommen. Andere erkennen eine bewusste Strategie der Unternehmen, sich mit dem „proge"-Diskurs zu verbünden und nebenbei Druck auf den Arbeitsmarkt auszuüben. Eine Marketinganalyse würde anmerken, dass die junge Zielgruppe, Diversity aus den sozialen Medien gewohnt, auf diese Gesichter besser reagiert. Der Zuschauer mittleren Alters hingegen, so ein Kommentar, „empfindet keine Nähe oder schaltet schlicht ab".
Das Ergebnis ist eine generationelle und politische Spaltung. Während die einen das Bild eines inklusiveren Spaniens feiern, spotten andere: „Spanien ist Quito." Offen bleibt die Frage, ob diese Darstellung einen echten demografischen Wandel widerspiegelt oder eine orchestrierte Kampagne ist, die – wie alles in der Werbung – mehr verkaufen will als Windschutzscheiben und Pakete.
Verwandte Diskussionen im Forum