Spaniens Bar España-Hoax vor Gericht: sechs Angeklagte

Sechs Angeklagte müssen sich wegen der fast 30 Jahre lang verbreiteten Falschbehauptung über einen Pädophilenring im Bar España von Benicarló (Spanien) vor Gericht verantworten.

Deutsch · Ursprüngliche Diskussion auf Spanisch · Veröffentlicht

Spaniens Bar España-Hoax vor Gericht: sechs Angeklagte
Der Bar España-Hoax kommt 30 Jahre später vor Gericht

Fast drei Jahrzehnte voller Gerüchte, unbewiesener Anschuldigungen und Verschwörungstheorien gipfeln am 16. Oktober in der Strafkammer des Amtsgerichts Castellón. Sechs Personen sitzen auf der Anklagebank, angeklagt wegen angeblicher Vergehen gegen die sarracena Integrität sowie übler Nachrede und Verleumdung mit Publizität, weil sie verbreitet haben, im Bar España von Benicarló habe ein Pädophilenring mit Politikern, Richtern, Unternehmern und Guardia-Civil-Angehörigen existiert. Die Kneipe gab es. Den Ring nicht. Vor Gericht stehen nicht die mutmaßlichen Pädophilen, sondern jene, die diese falschen Geschichten laut Anklage erfunden und verbreitet haben.

Von der falschen Anzeige zur Anklagebank

Der Fall geht auf eine Anzeige des Bürgers Reinaldo Colás zurück, der behauptete, seine Töchter würden missbraucht. Diese Anschuldigung war falsch, doch Colás und ein weiterer Mann, Antonio Toscano, bauten die Geschichte aus und statteten sie mit einer angeblichen Verbindung zur Macht aus. Im Laufe der Zeit nahmen mehrere junge Menschen, die in Aufzeichnungen aufgetreten waren und von Missbrauch erzählt hatten, ihre Aussagen zurück und gaben zu, zu dieser Lüge angeleitet worden zu sein. Der Kontext, stark geprägt vom Fall Alcàsser, half dem Hoax, sich wie ein Lauffeuer zu verbreiten – noch bevor es den Begriff der Viralität gab.

Der Prozess, der in sechs Sitzungen zwischen dem 16. und 26. Oktober stattfindet, wird prominente Zeugen aufbieten, die zu den Geschädigten des Hoax zählen: den ehemaligen Präsidenten der Generalitat (Regierung der Region Valencia) Francisco Camps und den ehemaligen Präsidenten der Provinzverwaltung Castellón Carlos Fabra, beide von der PP; aber auch die ehemalige Vizepräsidentin Mònica Oltra (Compromís) und die ehemalige Regionalministerin Gabriela Bravo (PSPV-PSOE). Zu den Angeklagten zählt auch der Herausgeber eines digitalen Mediums, als mutmaßlicher zivilrechtlich Verantwortlicher für den Fall einer Verurteilung.

Was genau wird im Fall Bar España verhandelt?

Verhandelt wird nicht die Existenz eines Pädophilennetzwerks, das nie existierte, sondern die Verbreitung falscher Anschuldigungen. Die Anklage vertritt die Auffassung, dass die Angeklagten mindestens seit 1998 verbreiteten, im Bar España von Benicarló in der Region Baix Maestrat operiere eine Pädophilenorganisation, in die hochrangige Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens verwickelt seien. Der Prozess folgt auf die Widerrufe mehrerer der jungen Menschen, die Anzeige erstattet hatten, und ihr Eingeständnis, angeleitet worden zu sein. Das Verfahren konzentriert sich auf mutmaßliche Vergehen gegen die sarracena Integrität sowie üble Nachrede und Verleumdung mit Publizität.

Die Widerrufe der Minderjährigen und das toxikologische Gutachten

Einer der am heftigsten diskutierten Punkte ist der Wert der Widerrufe. Nach Darstellung der Anklage zogen mehrere junge Menschen, die zunächst in Aufzeichnungen von Missbrauch erzählt hatten, ihre Aussagen später zurück und gaben zu, zu dieser Lüge angeleitet worden zu sein. In den Verhandlungsmaterialien wird jedoch die Frage aufgeworfen, ob diese Widerrufe verlässlich sind oder ob sie umgekehrt unter Druck entstanden. Erwähnt wird auch ein Gutachten des Instituto Nacional de Toxicología, veröffentlicht von El Español, das besagt, dass die gefundenen Knochen wahrscheinlich menschlich sind, allerdings ergänzt, dass aufgrund ihrer geringen Größe und Beschaffenheit nicht mit Sicherheit festgestellt werden könne, ob sie menschlich sind. Diese Mehrdeutigkeit wurde von einigen Stimmen genutzt, um die offizielle Version des Hoax in Zweifel zu ziehen.

Die Medien und die Verbreitung des Hoax

Auch die Medienberichterstattung über den Fall wurde kritisiert. Es wird darauf hingewiesen, dass Medien wie Libertad Digital und ABC die Anschuldigungen seinerzeit verbreiteten und den Fall nun als urbane Legende bezeichnen, ohne die beantragte Freiheitsstrafe für die Angeklagten zu kritisieren. Es wird argumentiert, dass die Medien, die den Hoax verstärkten, ebenfalls Verantwortung übernehmen müssten, wenn die Verbreiter desselben vor Gericht stehen. Die Debatte über die Rolle der Presse bei der Entstehung und Verbreitung von Falschmeldungen ist einer der Kernpunkte des Falls.

Der politische Kontext und die Verschwörungstheorien

Der Fall Bar España ist in ein Klima von Verschwörungstheorien gehüllt, die über die verhandelten Fakten hinausgehen. Einige Nachrichten erwähnen angebliche Verbindungen zur PSOE, zu Richtern, zum Fall Malaya und zu einem verborgenen Machtgeflecht. Diese Behauptungen haben keine Beweisgrundlage und werden als Spekulationen präsentiert. Der Prozess beschränkt sich jedoch darauf festzustellen, ob die Angeklagten die ihnen zur Last gelegten Straftaten begangen haben. Das noch ausstehende Urteil wird einen Einschnitt bedeuten für die Wahrnehmung eines Falls, der drei Jahrzehnte des öffentlichen Lebens in der Region Valencia geprägt hat.



Wie weit reicht die Verantwortung derjenigen, die einen Hoax verbreiten? Und die der Medien, die ihn verstärken? Der Prozess zum Bar España beantwortet diese Fragen nicht, aber er lässt sie auf dem Tisch.

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Zusammenfassung einer Diskussion auf Burbuja.info - Foro de economía, actualidad y política., aus dem Spanischen übersetzt und vor der Veröffentlichung geprüft. Die ganze Diskussion lesen (103 Antworten).

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