Seattle: Microsoft- und Amazon-Hub kämpft mit Obdachlosigkeit

Tech-Gehälter, Opioidkrise und unbezahlbare Gesundheitskosten treiben die Obdachlosigkeit in Seattle, dem Hauptsitz von Amazon und Microsoft.

Deutsch · Ursprüngliche Diskussion auf Spanisch · Veröffentlicht

Seattle: Microsoft- und Amazon-Hub kämpft mit Obdachlosigkeit
Warum sich Seattles Tech-Zentren mit Obdachlosen füllen

Seattle hat zweimal im Lotto gewonnen: Hier entstand Grunge, hier haben Amazon und Microsoft ihre Zentrale. Eigentlich ein Paradies. Stattdessen sieht man obdachlose Menschen, Drogenkonsum auf der Straße und das schwer zu verbergende Gefühl, dass innerlich etwas kaputt ist. Das Video, das die Debatte auslöste, war bereits vier Jahre alt, daher lautete die drängende Frage: Wie geht es der Stadt heute?



Der Cocktail Seattle: Tech-Gehälter und explodierende Wohnkosten

Die erste naheliegende Erklärung ist wirtschaftlicher Natur und wenig rätselhaft. Die Tech-Firmen der Region zahlen Gehälter, die Tausende Fachkräfte anziehen, und diese treiben die Preise für alles nach oben: Mieten, Strom, Gas, Dienstleistungen. Das Problem trifft jene, die nicht in diesem Sektor arbeiten: Selbst mit Job reicht das Geld nicht für Miete oder Krankenversicherung, da die IT-Branche mit ihren Löhnen den Markt dominiert. Es sind arbeitende Arme. Drogenprobleme folgen unmittelbar.

Seattle wiederholt zudem das Szenario, das San Francisco im Jahrzehnt zuvor durchlebte. Tausende Weißkragen-Arbeiter brauchen Tausende Blaue-Kragen-Dienstleister, die Ungleichheit steigt, die Spekulation nimmt zu – und das Ergebnis zeigt sich auf der Straße. Als nächstes Ziel gilt Austin.

Einige sehen den Kern des Problems früher: Immobilien-Spekulation macht Wohneigentum unerreichbar, was den Weg zur Drogenabhängigkeit verkürzt. Die zitierten Zahlen, angeblich von ZeroHedge, nennen Preisanstiege wie 30 % in Phoenix oder 20 % in San Diego, Seattle, San Francisco, Tampa, Dallas und Miami.



Die im Thread genannten Gesundheitsrechnungen

Ein anderer Teil der Diagnose greift bis in die Neunziger zurück. Die häufigste Hypothese besagt, dass Pharmafirmen den Konsum von Opioiden bei alltäglichen Beschwerden förderten, um Produkte wie Oxycodon kommerziell zu verkaufen, die zuvor nur in sehr spezifischen Fällen und unter strenger Aufsicht wegen ihrer hohen Suchtpotenzial verschrieben wurden. Der Weg von dort auf die Straße ist bekannt. Manche berichten sogar, dass ihnen dieses Schmerzmittel für eine einfache Ohrenentzündung verschrieben wurde und die Packung im Müll landete.

Das juristische Kapitel bleibt offen. Ein New Yorker Gericht billigte einen Vergleich, der der Eigentümerfamilie einer Pharmafirma rechtlichen Schutz gewährt und verhindert, dass sie wegen Sucht oder Überdosen infolge ihres Schmerzmittels verklagt werden kann.



Kaiserschnitt für 50.000 Dollar und Ambulanzfahrt für 20.000

Kaum jemand bestreitet die Rolle der Gesundheitskosten. Laut den im Thread genannten Berechnungen kann ein Kaiserschnitt 50.000 Dollar kosten und zusammen mit den Klinikaufenthalten des Neugeborenen leicht die 100.000-Marke erreichen. Ein einfacher Notruf ohne Krankenhausaufenthalt kann ohne Versicherungsschutz rund 20.000 Dollar kosten. In einem Land, in dem die Krankenversicherung das gesamte Leben bestimmt, trennt viele nur eine schlecht behandelte Grippe von der Obdachlosigkeit.

Hinzu kommt, so mehrere Teilnehmer, eine fast völlig vernachlässigte psychische Gesundheit und eine kaum existierende Arbeitslosenunterstützung. Die Folge: Menschen leben von Hand in Mund, paycheck to paycheck, ohne Puffer für Unvorhergesehenes. Ein einziger Rückschlag kann den endgültigen Absturz bedeuten.



Sozialismus, Raubtierkapitalismus oder Verlagerung der Fabriken nach Asien?

Der ideologische Streit ist entfacht. Seattle oder andere US-Bundesstaaten als sozialistisch zu bezeichnen, bedeutet für manche, die US-Politik zu missverstehen: Die Demokratische Partei wäre hundertmal liberaler als Spaniens PP, und die brutale Ungleichheit – Ultra-Reiche neben massiver Armut – sei das Resultat dessen, was einige als Raubtierkapitalismus bezeichnen. Für andere liegt das Problem genau im Gegenteil: Die Sozialdemokratie, Erbin der schlechtesten Eigenschaften beider Welten, plündere Unternehmen mit Schaufenster-Rechten, bis diese samt Talent und Kapital abwandern.

In der Mitte steht ein oft wiederholtes Label: Linker Kapitalismus, formal kapitalistische Volkswirtschaften mit autoritären, zentralistischen Politiken, hohen Steuern und Elitenbildung, im Gegensatz zum Schweizer Modell autonomer Regionen und direkter Demokratie. Und ein dritter Weg: Westliche Fabriken wanderten wegen minimaler Lohn- und Steuerkosten nach China, Asien, Mexiko und Indien. Das Geld und die Millionäre sitzen heute in Asien, der Rest sei Literatur über den dekadenten Kapitalismus.



Unternehmensflucht und der Zustand der Stadt

Vor Ort, so wird im Thread angemerkt, beobachtet man einen Abzug von Firmen nach Texas und Florida, während das Drogenproblem nicht nachlässt. Es gibt keinen Konsens darüber, wie stark jeder Faktor – Wohnraum, Opioide, Gesundheitssystem, lokale Politik – ins Gewicht fällt oder ob eine dieser Hebel das Ergebnis ändern kann.

Bei Wohnkostenanstiegen von 30 % in einer Stadt und 20 % in einem halben Dutzend weiterer Städte sollte der Anreiz zur Abwanderung enorm sein. Und doch wiederholt sich das Phänomen in den wohlhabendsten Regionen des Landes. Niemand versteht vollständig, warum.

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Zusammenfassung einer Diskussion auf Burbuja.info - Foro de economía, actualidad y política., aus dem Spanischen übersetzt und vor der Veröffentlichung geprüft. Die ganze Diskussion lesen (190 Antworten).

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