„Paco“: Spaniens nostalgische Armutskultur im Netz

Ein Forum dokumentiert „lo Paco“, eine Ästhetik der spanischen Nachkriegsarmut, die Klassenunterschiede und Nostalgie aufwirft.

Deutsch · Ursprüngliche Diskussion auf Spanisch · Veröffentlicht

„Paco“: Spaniens nostalgische Armutskultur im Netz

In einem Konsumforum sammeln Nutzer Fotos von dem, was sie „lo Paco“ nennen. Es ist keine Beleidigung, sondern eine sentimentale Archäologie des spanischen Wirtschaftswunders: Wamba-Turnschuhe, Holzschuhe, Sky-Sofas, Schilder des Wohnungsbauministeriums und Zuckerwürfel aus Dorfläden. Die meistzitierte, unbequemste Definition stammt von einem Teilnehmer: „Traditionelle Dinge der unteren und unteren Mittelschichten in vergangenen Zeiten, besonders vor dem Technologieboom der 90er/2000er, mit einem gewissen Geruch nach Freiheit und Zukunftsoptimismus inmitten von Armut und Schlichtheit.“

Was genau ist „lo Paco“?

Der Begriff bezeichnet kein einzelnes Objekt, sondern eine Ästhetik der Knappheit. Die Beispiele reichen von Leinenschuhen mit Gummisohle – „identisch mit denen, die ich trage“, schreibt jemand, der sie mit Holzschuhen kombiniert – bis zum metallenen Zitruspresser, der „noch lebt und gnadenlos presst“. Auch Benzinhähne mit Schloss, Metall-Lichtschalter, an Ketten aufgehängte Spülkästen und die kleinen Zuckerwürfel gehören dazu.

Die Liste ist nicht zufällig nostalgisch. Jedes Objekt verweist auf ein Spanien, das für die Ewigkeit produzierte, weil es sich keinen Ersatz leisten konnte. Ein Teilnehmer fasst zusammen: „Ohne so viele Steuergeräte gab es Autos, die Mauern einrissen, ohne so viel Bildschirm.“ Ein anderer ergänzt häusliche Details: Bidet, Waschbecken und Hocker als Duschmobiliar.

Das Schild des Wohnungsbauministeriums: Das „Paco“, das verschwindet

Das politischste Symbol ist das Schild des frankistischen Ministerio de la Vivienda (Wohnungsbauministerium), das noch an Tausenden Wohnblöcken aus den 50er bis 70er Jahren hängt. „Am paco-igsten ist das Schild des frankistischen Wohnungsbauministeriums, das wir noch an vielen Häusern aus den 50~60~70 sehen“, schreibt ein Nutzer. „In manchen Orten wurden sie absichtlich entfernt.“

Als Beispiel dient Manises, wo „alle frankistischen Schilder von den Gebäuden abgenommen werden“. Die Anekdote zeigt, dass „lo Paco“ nicht nur eine Ästhetik ist, sondern auch ein zeitlicher und politischer Marker. Was einst Stolz auf öffentlichen Wohnungsbau war, wird heute per Kran und Fachpersonal entfernt.

„Paco“ als soziale Klasse, nicht als Stil

Die Definition betont die Klassenzugehörigkeit: „Traditionelle Dinge der unteren und unteren Mittelschichten“. Es ist nicht gleichbedeutend mit „billig“ oder „schäbig“. Es ist schäbig mit Würde, mit „Geruch nach Freiheit und Optimismus inmitten der Armut“. Jemand formuliert es drastisch: „Ich war sehr glücklich in meiner Paco-Welt.“

Diese Mischung aus Armut und Optimismus erklärt die Ablehnung durch jüngere Generationen. „Meine Eltern und sicher viele von euch leben in diesem Stil fest, ohne zu merken, wie sehr uns neue Generationen das ablehnen lässt“, schreibt ein anderer. Der Graben ist nicht ästhetisch, sondern klassenspezifisch und erwartungshalt.

Vom Seat 127 zum Pegaso: Die „Paco“-Automobilkultur

Autos spielen eine zentrale Rolle. Genannt werden der Seat 127, der R8 von Prada („mit amerikanischen Kuh-Hörnern“), der Pegaso der WM 1982 und der Seat Ibiza-Schlüsselanhänger eines Onkels. „Was für eine Zeitreise“, fragt jemand. „Wie bist du da gelandet?“

Die Marke Pegaso erhält besondere Aufmerksamkeit: „Immer wunderbar, meine Lieblings-Paco-Marke. Für mich aus der späten Paco-Zeit waren die Tronner-Trucks das Beste, und den Sportwagen Z habe ich nur einmal im Leben gesehen.“ Auch Iberia wird erwähnt: „Spanische Flagcarrier. Komplett zerstört durch Inkompetenz damals und durch Gesindel heute.“

Fernsehen, Radio und Presser: „Paco“-Technologie

Ein Abschnitt widmet sich Haushaltsgeräten, die Kindheiten prägten. Der metallene Zitruspresser wird am meisten gelobt: „Dasselbe Modell hat meine Mutter seit den 70ern, und er ist fantastisch. Er lebt noch und presst Orangen blitzschnell.“ Im Gegensatz zur geplanten Obsoleszenz ist der Paco-Presser unzerstörbar.

Auch das Schwarz-Weiß-Fernsehen, das „farbig sein wollte“, die Röhrenradio, Galenodetektor-Radio und Transistorradios tauchen auf. „Heute weiß niemand mehr, was ein Transistor ist“, bedauert ein Nutzer. „Und wenn ihr über Röhrenradios sprecht, kollabieren sie.“

„Paco“ als politisches Werkzeug

Nicht alles ist Nostalgie. Ein Teilnehmer ruft: „Es lebe der Paquismo! Spanien wurde groß und wohlhabend dank des Paquismo. Alle hatten Arbeit, gutes Gehalt, Auto, Wohnung, Spielzeug, Kleidung, Bildung, Werte, Sommerferien, Osterurlaub, Familienzusammenhalt.“ Die Nachricht folgt mit einer Liste heutiger Übel, die hier nicht wiedergegeben wird.

Die Reaktion kommt prompt. „Gescheiterter Staatsstreich, paco“, schreibt jemand. „Kein Scheitern, es war ein voller Erfolg. Es erfüllte perfekt seinen Zweck“, kontert ein anderer. Die Diskussion driftet Richtung Franquismus, Transition und öffentlich-rechtliches Fernsehen: „Diese Sammlung der 70er, gesponsert vom Informations- und Tourismusministerium unter Fraga und RTVE.“

Das „Paco“, das nicht stirbt

Der Thread bleibt aktiv. Die häufigste Schlussfolgerung: „Lo Paco“ ist keine tote Vergangenheit, sondern eine geologische Schicht unter dem Asphalt. „Die Zukunft wird paco sein, und nur wir Pacos werden sie genießen“, urteilt jemand. „LO PACO RESISTE“, fügt ein anderer hinzu, bezogen auf einen Rasierseifenhalter.

Die offene Frage ist nicht, was „lo Paco“ ist, sondern wer es beansprucht und warum. Das Schild des Wohnungsbauministeriums verschwindet von Fassaden, aber der Metallpresser bleibt in der Küche. Ist es Nostalgie, Klasse oder der Hinweis, dass man früher mit weniger besser lebte? Der Thread löst das nicht. Er sammelt nur Fotos.

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Zusammenfassung einer Diskussion auf Burbuja.info - Foro de economía, actualidad y política., aus dem Spanischen übersetzt und vor der Veröffentlichung geprüft. Die ganze Diskussion lesen (8513 Antworten).

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