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Madrid in den 90ern: Die Nostalgie, die das Kleingedruckte verschweigt
Ein Tweet mit Bildern der Castellana in Madrid der 90er Jahre löst Nostalgie aus. Doch in der Debatte fallen auch Junkies, Taschendiebe und Arbeitslosigkeit ein. Die Erzählung bekommt Risse.
Madrid in den 90ern: Die Nostalgie, die das Kleingedruckte verschweigt
Ein Tweet mit nächtlichen Bildern der Castellana aus den neunziger Jahren, präsentiert als Beweis dafür, dass Spanien einst etwas anderes war, setzt die Nostalgiemaschinerie in Gang. Die überwiegende Antwort ist einstimmig: Damals war es besser. Doch kratzt man nur zwei Schichten tief, bekommt die Erzählung Risse. Denn auf genau diesen Straßen, so erzählen es diejenigen, die sie damals betraten, gab es Junkies, Taschendiebe, Rowdys und eine Arbeitsprekarität, an die man sich heute mit derselben selektiven Amnesie erinnert, mit der man auch die Industriereformen vergaß.
Ausgangspunkt ist ein Bild der Castellana. Von dort an wird der Thread zu einer generellen Abrechnung: Die in den Fünfziger- und Sechzigerjahren Geborenen verteidigen ihre Kindheit als das letzte goldene Zeitalter; die in den Siebzigern geborenen beklagen, Krise und Arbeitslosigkeit erwischt zu haben; die Zoomer werden von einigen Teilnehmern als eine depressiv-medikamentierte Generation dargestellt. Die Diskussion geht im Kern gar nicht um Madrid. Sie geht darum, wer das Recht hat zu sagen, dass seine Zeit besser war.
Was ist auf den Bildern aus dem Madrid der 90er wirklich zu sehen?
Die geteilte Szene zeigt die Castellana bei Nacht, mit Verkehr und Lichtern, und ein Gefühl von Ordnung, das viele mit dem Spanien vor der Masseneinwanderung und dem Verfall der Innenstadt gleichsetzen. Darauf wird die Erzählung aufgebaut: saubere Straßen, Homogenität, Aufbruchsstimmung. Eine Diagnose, die mit der Kraft eines Gemeinplatzes wiederholt wird.
Das Problem: Das Foto ist ein Ausschnitt. Wer dieses Jahrzehnt in Madrid erlebt hat, erinnert sich an andere Bilder: den Unterführungsbereich am Banco de España als Szenerie des Drogenkonsums, die Taschendiebe am Sol, die Straßenhändler mit dem Hütchenspiel, die Skinheadgruppen am Plaza de Cubos, die Ultras, die nach Europapokalspielen die Umgebung der Cibeles verwüsteten. Nichts davon ist im Video zu sehen. So funktioniert Nostalgie: Sie wählt den Bildausschnitt und löscht den Rest.
Homogenität als Argument ist der Kern vieler Beiträge. Behauptet wird, auf den Straßen habe es nur Spanier gegeben, und das sei der Normalzustand gewesen. Eine Aussage, die Wahrnehmung und Wunschdenken vermischt und darüber hinweggeht, dass Einwanderung in jenen Jahren existierte, wenn auch in geringer Zahl und mit sehr konkreten Profilen. Die Debatte kippt in Kritik an unkontrollierter Einwanderung, mündet aber auch in der Feststellung, dass die einheimische Kriminalität unbehelligt ihr Unwesen trieb, ohne dass sie jemand importiert hätte.
Die Prekarität der 90er, die die Nostalgie auslöscht
Nicht alle kaufen die Erzählung. Manche erinnern daran, dass die neunziger Jahre von extrem hoher Arbeitslosigkeit, prekärer Arbeit und politischer Korruption geprägt waren. Die Krise zu Beginn des Jahrzehnts traf genau jene, die gerade in den Arbeitsmarkt eintraten. Die Inflation der Siebziger und die industriellen Umstrukturierungen der Achtziger hinterließen eine Ödlandlandschaft, die die Nostalgie ins Paradies verwandelt.
Die generationelle Rechnung geht auf: Die in den Vierzigerjahren Geborenen erlebten eine Kindheit in Knappheit, aber eine Jugend im Wohlstand, mit bezahlbarem Wohnraum und stabiler Familie. Die in den Siebzigern Geborenen kamen überall zu spät. Und die heute Zwanzigjährigen, so das Argument, seien depressiv und stünden auf Antidepressiva. Der Vergleich ist brutal und duldet keine Nuancen: Früher gab es Ordnung, Sauberkeit und Homogenität; heute gibt es Unbehagen und Tabletten.
Der 11. März 2004 taucht in der Diskussion als Wendepunkt auf. Ein Davor und Danach, das das wahre Gesicht der Welt offengelegt haben soll. Das Datum wirkt eher als emotionale Grenze denn als Analyse: Von da an ging alles bergab.
Der Kollaps von 2008 und die Generation, die ihre Zukunft verlor
Die Diskussion driftet zur globalen Finanzkrise. Sie wird als Ergebnis jahrzehntelanger Finanztechnik beschrieben: Hypotheken hörten auf, lokale Verträge zu sein, und wurden zu weltweit handelbaren Vermögenswerten. Giftige Produkte, Kredite ohne Einkommen und ohne Job, Lockzins-Hypotheken. Die Immobilienblase platzte, und mit ihr änderten sich die Zukunftsperspektiven der Jungen für immer.
Genau das ist der Punkt, der zur Nostalgie zurückführt. Es ist nicht nur so, dass die neunziger Jahre besser waren: Die Gegenwart wird als unwiderruflich schlechter empfunden. Wer nach 2008 aufwuchs, kannte die Aufbruchsstimmung nicht, nur den Kater. Und der Vergleich mit der Generation der Eltern wird unerträglich.
Die letzte Paradoxie: Das Bild, das den Thread eröffnete, zeigt eine Stadt, die es nicht mehr gibt – nicht, weil sie besser war, sondern weil die Zeit sie auslöschte. Wer sie vermisst, vergisst die Junkies, die Taschendiebe und die Arbeitslosigkeit. Wer sie kritisiert, vergisst, dass es auch Aufbruchsstimmung gab. Und währenddessen bleibt die eigentliche Frage unbeantwortet: War es wirklich besser – oder waren wir nur jünger?
Zusammenfassung einer Diskussion auf Burbuja.info - Foro de economía, actualidad y política., aus dem Spanischen übersetzt und vor der Veröffentlichung geprüft.
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