Lenco L75: Der Schweizer Plattenspieler aus den 70ern, dessen Restaurierung über 200 € kostet
Ein halbes Jahrhundert alter Plattenspieler mit einem vierpoligen Synchronmotor und einer 3,7 kg schweren Zinkplatte ist zum Kultobjekt unter Vinyl-Liebhabern geworden. Der Lenco L75, hergestellt in der Schweiz in den 1970er Jahren, wird heute laut Forennutzern auf dem Gebrauchtmarkt für 175 bis 250 € gehandelt. Wer ihn jedoch vollständig restauriert – mit starrem Chassis, neuem Tonarm und Reibrad – gibt am Ende deutlich mehr aus als geplant. Die Frage, die in jeder Sammlerdiskussion schwebt, ist einfach: Lohnt sich dieser Aufwand oder ist ein moderner Mittelklasse-Plattenspieler die bessere Wahl?
Die technischen Daten des L75 sind kein Mythos. Es handelt sich um einen
Wow-and-Flutter-Wert von ±0,08 %, ein Rauschen (Rumble) von 36 dB unbewertet und 60 dB bewertet, eine Zinklegierungsplatte von
306 mm und 3,7 Kilogramm sowie Drehzahlen von 78, 45, 33-⅓ und 16-2/3 Umdrehungen pro Minute. Der rohrförmige Aluminium-Tonarm misst 227 mm mit einem verstellbaren Überhang von 17 mm und einem Offsetwinkel von 23°12'. Auf dem Papier übertreffen diese Werte viele zeitgenössische Mittelklasse-Geräte.
Die tatsächlichen Kosten einer Lenco L75-Restaurierung
Hier beginnt das Problem. Ein Hobbyist, der einen Lenco für 95 € kaufte, listet die gesamte Rechnung auf:
35 € für einen Mayware-Tonarm, 20 € für Asphaltfolie und Kleinteile,
60 € für ein Audiosilente-Reibrad und 9 € für Spikes. Gesamtsumme: über 200 €, ohne den Motor angefasst zu haben. Ein anderer Nutzer mit einem L75 zu Hause schlüsselt die üblichen Ausgaben auf: Motorjustage, Reibrad für 50 €, Plattenlager für weitere 50 €, Reibrad-Slider für 50 € mehr, Chassis für 150 €, Headshell, Tonarm für 250 €. Der Spaß geht bei mehreren hundert Euro los, bevor die erste Platte läuft.
Manche behaupten, ein gut eingestellter L75 schlage einen Thorens, den sie als überteuert betrachten. Das technische Argument lautet, dass der vierpolige Synchronmotor mit konischer Welle die Drehzahl stabiler hält als günstige Riemenantriebe. Der Haken ist laut denen, die sie zerlegt haben, dass viele Einheiten in Italien hergestellt wurden und schlechter sind als die Schweizer Modelle, dass der Motorlack abgenutzt sein kann und Vibrationen überträgt, dass das Reibrad im Laufe der Jahre Dellen bekommt und die Kugel der Plattenwelle oft einseitig flachgedrückt ist.
Direktantrieb, Riemen oder Reibrad? Was wirklich zählt
Für viele ist die Diskussion über den Antriebstyp ein Nebelkerze. Die häufigste Meinung unter langjährigen Nutzern ist, dass der Plattenspieler nur stabil laufen muss – was jeder Servo- oder Synchronmotor tut – und dass der Klang von der Abtastnadel bestimmt wird. Der Tonarm sorgt für Tracking und seitlichen Druck, damit die Nadel nicht springt. Mit dieser Prämisse muss ein riemengetriebener Lenco L82 aus den 70ern nicht unbedingt schlechter klingen als ein reibradgetriebener L75.
Vergleiche mit modernen Alternativen führen zu Direktantriebsgeräten mit Quarz-Lock, wie dem Technics SL-QX300, der für etwa 200 € zu finden ist, automatisch ist und keine Justage erfordert. Im Gegensatz dazu zwingt der Lenco zu häufigen Geschwindigkeitskontrollen. Der Vorteil des Schweizer Geräts beim Wow-and-Flutter-Wert erkauft man sich mit Bequemlichkeit. Für Rock und Blues, den Anwendungsfall des Starters, rechtfertigt der Unterschied möglicherweise nicht den ständigen Wartungsaufwand.
Welcher Plattenspieler für 200 € vs. ein neues Modell für 400 €
Der Gebrauchtmarkt bietet Optionen, die kein handwerkliches Geschick erfordern. Ein Rega Planar P1 Plus mit Ortofon-Abtastnadel, der vor einigen Jahren 250 € kostete, wurde später für 600 € gesehen. Die Vinyl-Inflation hat auch neue Geräte erreicht: Für 500 € findet man nach gesammelten Erfahrungen nur noch chinesische Produkte. Die Alternative ist Geduld. Jemand mit drei Lencos, geschenkt von einer geschlossenen Diskothek, und mehreren für ca. 50 € gekauften Technics fasst es so zusammen: Am besten hetzt man nicht, günstige Angebote tauchen immer wieder auf.
Die Marktlage lädt zur Geduld ein. Es gibt L75-Einheiten auf Gebrauchtplattformen für 60 €, obwohl die meisten Anzeigen zwischen 150 und 250 € liegen. Angepasste Exemplare mit Doppelplatte und Kirschholz-Chassis werden zu Preisen angeboten, die an die Irrelevanz grenzen. Die offene Frage bleibt, ob dieser Kult um Vintage-Objekte bestehen wird, wenn die Generation, die mit diesen Geräten aufgewachsen ist, aufhört, sie zu kaufen.
Wichtige Daten des Lenco L75
- Motor: 4-poliger Synchronmotor mit konischer Welle
- Drehzahlen: 78, 45, 33-⅓ und 16-2/3 U/min
- Wow and Flutter: ±0,08 % / ±0,4 %
- Rumble: 36 dB unbewertet; 60 dB bewertet
- Platte: 306 mm, 3,7 kg, Zinklegierung
- Tonarm: 227 mm, Überhang 17 mm, Offset 23°12'
- Auflagkraft: 0,5 g