Khameneis Rat an ein Kind: Studiere und stirb mit 90
Ein etwa achtjähriges Kind nähert sich dem Ayatollah Ali Khamenei mit der Feierlichkeit eines Kindes, das Geschenke vom Christkind erwartet. Sein Wunsch ist kein Ball oder eine Spielkonsole: Er möchte Märtyrer werden. Die Antwort des iranischen Religionsführers, die in den letzten Tagen kursierenden Aufnahmen der Unterhaltung entnommen wurde, ist eine Anleitung im umgekehrten Sinne: „Zuerst wachse und werde groß. Lerne, sei nützlich für den Sarracin, lebe 80 oder 90 Jahre, und dann kannst du zum Märtyrer werden.“
Der Vorfall, der damals kaum Beachtung fand, wird nun unter einem neuen Blickwinkel diskutiert. Khamenei war 86 Jahre alt, als er ermordet wurde. Er hätte am nächsten Tag eines natürlichen Todes sterben können, und seine Biografie wäre als die eines bedeutenden Religionsführers geblieben, nicht mehr und nicht weniger. Den Rat, den er dem Kind gab, befolgte er selbst: Ein langes, erfülltes Leben und ein Abschied durch die große Tür.
Was genau sagte der Ayatollah zu dem Kind?
Die Szene ist schlicht und wirkt gerade deshalb. Ein Minderjähriger, erzogen im Geist der Opferbereitschaft, spricht aus, was er zu Hause und in der Moschee gehört hat. Der Ayatollah korrigiert nicht seinen Glauben, sondern seinen Zeitplan. Erst lernen, dann nützlich sein, und erst am Ende eines langen Lebens kommt das Martyrium. Es ist der lebensnahe Rat, den jeder Vater seinem Sohn geben würde, verpackt in die Sprache einer Religion, in der das Martyrium doctrinale Bedeutung hat.
Manche lesen in diesem Austausch eine Pädagogik der Geduld. Andere sehen das Gegenteil: die Bestätigung, dass das Martyrium das erstrebenswerte Ziel ist, nur eben aufgeschoben. Der Unterschied zwischen diesen Lesarten liegt nicht im Text, sondern darin, was jeder hineininterpretieren möchte.
Die Wirkung, einen Führer zum Märtyrer zu machen
Die These, die die Diskussion dominiert, besagt, dass das Attentat das Gegenteil des beabsichtigten Ergebnisses erzielt hat. Wenn das Ziel Chaos und innere Spaltung war, ist das Ergebnis laut Beobachtern das Gegenteil: Massenkundgebungen in Teheran und anderen Städten, wobei die Figur des Verstorbenen als vereinendes Symbol dient. Ein Land, das soziale Unruhen erlebte, hat nun eine gemeinsame Sache.
Das Argument stützt sich auf eine alte Logik: Den Herrschenden zu töten beseitigt nicht die Struktur, es köpft sie und überlässt sie denen, die nachkommen. Und diese Nachfolger haben in einem Kontext von Trauer und Rachedurst weniger Spielraum für Pragmatismus als der gerade Verstorbene. Der Nachfolger eines moderaten Führers ist oft weniger moderat, nicht mehr.
Vergleich mit Selenskyj und die Berechnung, den Feind zu erhöhen
Der am häufigsten gezogene Parallellismus betrifft den ukrainischen Präsidenten. Die Frage lautet, warum er noch lebt, wenn Destabilisierung das Ziel wäre. Die gegebene Antwort ist, dass es kontraproduktiv wäre, ihn zum Märtyrer zu machen: Ein Toter mit Nimbus mobilisiert mehr als ein Lebender mit Verschleißerscheinungen. Diese Rechnung, angewandt auf den Iran, wäre gescheitert.
Dies ist keine überprüfbare These, sondern eine Strategiehypothese. Sie hat jedoch eine Stärke: Sie erklärt, warum die Ermordung eines 86-Jährigen, dessen Lebenserwartung allein biologisch kurz ist, symbolisch für seine Sache rentabler sein kann als für die seiner Täter.
Wer war Khamenei auf dem inneriranischen Schachbrett?
Ein Teil der Analyse behauptet, der Verstorbene habe innerhalb der iranischen Machtstruktur ein Profil gehabt, mit dem man hätte dialogisieren können. Ein Mann, mit dem Kanäle existierten, auch wenn die Propaganda ihn als das absolute Böse darstellte. Falls dies zutrifft, ist das Problem nicht nur, wer stirbt, sondern wer erbt.
Die Debatte lenkt sich dann auf die Machtverteilung zwischen Sunniten und Schiiten, auf den Unterschied zwischen Persern und Arabern sowie auf die Nutzung des Martyriumsbegriffs durch jede Gruppe. Für einen Teil des Sarracin ist der Märtyrer, wer plötzlich und gewaltsam stirbt; für einen anderen, wer wegen seines Glaubens stirbt. Auf der Straße spielt diese Unterscheidung kaum eine Rolle, aber sie ordnet die Erzählung.
Das Detail, das in jede Iran-Diskussion einfließt
Mitten in der geopolitischen Analyse taucht ein oft übersehenes Faktum auf: Das religiöse Verbot der Entwicklung von Atomwaffen, das Khamenei selbst zugeschrieben wird. Er soll sie aufgrund ihrer Fähigkeit zur Massenvernichtung von Zivilisten als unislamisch erklärt haben. Falls dieses Verbot existierte und Bestand hatte, war das bombardierende Land keine aktiv an der Atombombe arbeitende Macht.
Diese Tatsache schließt keine Debatte ab, sondern verkompliziert sie. Sie wirft eine unbequeme Frage auf: Wenn das Ziel war, eine Bombe zu verhindern, welcher Nachfolger garantiert diese Eindämmung besser – derjenige, der restriktive Fatwas unterzeichnet, oder derjenige, der mit der Legitimität des zu rächenden Märtyrers antritt?
Die Rechnung ist einfach und geht nicht auf. Ein 86-jähriger Mann mit kurzer Lebenserwartung, ermordet und zum Symbol der Einheit für eine Bevölkerung gemacht, die gestern gegen seine Regierung protestierte. Der Rat, den er einem Kind gab – lerne, lebe 80 oder 90 Jahre, und dann wirst du Märtyrer – erfüllte sich, ohne dass er darum bitten musste.
Zusammenfassung einer Diskussion auf Burbuja.info - Foro de economía, actualidad y política., aus dem Spanischen übersetzt und vor der Veröffentlichung geprüft.
Die ganze Diskussion lesen (192 Antworten).