Junge Generation lehnt Karriere ab und fordert mehr Freizeit

58 % der 18- bis 24-Jährigen in Spanien würden kündigen, wenn die Work-Life-Balance nicht stimmt. Zeit hat Vorrang vor beruflichem Aufstieg.

Deutsch · Ursprüngliche Diskussion auf Spanisch · Veröffentlicht

Junge Generation lehnt Karriere ab und fordert mehr Freizeit
Junger Glaube an Arbeit schwindet: „Mir wird gezahlt, was gezahlt wird“

„Ein Kunde sagt mir, ich hätte zu wenig berechnet – egal.“ Dieser Satz einer Kellnerin, die fünf Euro pro Stunde verdient, wurde viral auf TikTok mit über einer halben Million Aufrufen und war Thema bei La Sens Xplica. Es ging nicht um Faulheit, sondern um eine Diagnose.

Cristina Merino ist diese Kellnerin. „Es bedeutet nicht, dass ich schlecht arbeite, im Gegenteil, ich relativiere“, stellte sie klar. Und ergänzte: „Mir wird gezahlt, was gezahlt wird, ich werde das Café nicht erben und keinen Cent mehr bekommen. Warum sollte ich mich also kaputt machen?“. Der Satz verbreitete sich schnell in sozialen Medien und im Fernsehen.

Warum glauben junge Menschen nicht mehr an Arbeit?

Weil Jobs ihnen nicht mehr geben, was ihren Eltern boten: Stabilität, Identität und Aufstiegschancen. Laut Berichten des Personalberatungsunternehmens Randstad würden 58 % der 18- bis 24-Jährigen kündigen, wenn ihre Lebensqualität nicht gewährleistet ist. Gleichzeitig steigt die Zahl der Beschäftigten zwischen 20 und 24 Jahren, die weniger Stunden arbeiten möchten.

Der Soziologe Mariano Urraco, Autor von Una juventud zaleada, formuliert es ohne Umschweife: Für die heutigen 60- bis 70-Jährigen gab Arbeit Identität; für junge Menschen sind Jobs so knapp, prekär und unterbrochen, dass keine soziale Bindung entsteht. Sie suchen ihre Identität daher in Freizeit, Konsum und persönlichen Projekten. „Es ärgert euch, dass unsere Generation erkannt hat, dass das System der Lohnarbeit ausbeuterisch ist“, fasst eine Stimme zusammen, die El Confidencial zitierte.

Zeit als unbezahltes Gehalt

Sie fordern keinen Traumjob, sondern Zeit. Ein Video einer anderen Creatorin, die weinte, weil sie zwei Stunden Pendelzeit hatte und um halb sieben Uhr morgens das Haus verlassen musste, ging viral: Ihr blieb keine freie Zeit. Die Forderungen sind so grundlegend, dass sie absurd klingen: Bezahlung für geleistete Arbeit, Nachtzuschläge für Nachtschichten und Überstundenzuschläge für Mehrarbeit.

Manche tauschten Agentur- oder Verlagstätigkeiten gegen einen Concierge-Job ein, um frisch nach Hause zu kommen und sechs bis sieben Stunden zum Schreiben über Musik zu haben. Andere definieren Erfolg neu: nicht Aufstieg, sondern Leben mit einem Minimum an Einkommen und etwas Freizeit.

Wann brach die Bindung zur Arbeit?

Nicht erst 2008. Die heute Dreißigjährigen, die diese Krise erlebten, hatten laut Urraco noch eine völlig arbeitsorientierte Denkweise. Der Bruch kam früher, bei denen, die nur die Dauerkrise kennen: Ihre ersten Erinnerungen sind an magere Zeiten, sie sahen nie die Immobilienblase. Dazu kam eine Pandemie, die die Neuordnung der Prioritäten beschleunigte.

Darunter liegt die familiäre Erinnerung an die sechziger und siebziger Jahre, als Spanien die achtgrößte Volkswirtschaft war, Fabriken in fast jeder Stadt standen und ein einziges Gehalt Haus, Auto, Kinder und ein Studium finanzierte. Diese Messlatte ist für viele dieser Generation heute unerreichbar.

Die andere Debatte: Steuern, Staat und wer zahlt die Rechnung

Hier gibt es keinen Konsens. Eine Seite argumentiert, das Problem sei nicht der Arbeitgeber, der 1.000 Euro zahlt, sondern eine Steuerstruktur, die fast die Hälfte der Arbeitskosten abschöpft, was wenig Spielraum für Lohnerhöhungen lässt. Eine andere Seite entgegnet, der Markt zahle den Wert der Stelle, und Gleichmacherei funktioniere nur nach unten. Eine dritte Gruppe verweist auf Wohnkosten: Wenn die Miete das Gehalt auffrisst, bringt Anstrengung nichts.

Aufschlüsselungen darüber, welcher Teil der Arbeitskosten nie auf dem Lohnzettel landet, kursieren in allen Debatten, mit Zahlen zu Abzügen, Sozialbeiträgen und Gesamtkosten für Unternehmen.

Kann man jemanden motivieren, der nichts mehr erwartet?

Ein wiederkehrendes Beispiel dient als Kontrast. Ein junger Mann, der in Kalifornien auf Hierba-Farmen arbeitete, beschrieb, wie apathische Kollegen zu Leistungsträgern wurden, als sie zwischen 120 und 300 Dollar am Tag verdienten. Sein Fazit: Bei 60 Euro täglich lohnt sich die Rechnung nicht, bei 300 Euro verschwindet der Nihilismus. Die Diskussion beginnt also von vorne.

Was bleibt unbeantwortet

Keiner hat die Akte geschlossen. Diskutiert wird, ob dies ein dauerhafter Kulturwandel oder eine erzwungene Anpassung an Gehälter ist, die kein Leben mehr finanzieren. Ob die Lösung mehr Markt oder mehr Staat heißt. Unbestritten ist der Ausgangspunkt: Eine Generation hat entschieden, dass Arbeit den Stellenwert, den sie früher hatte, nicht verdient. Wenn sie ihn wieder verdienen soll, muss sich zuerst etwas anderes ändern als ihre Haltung.

Auch verfügbar auf: English

Zusammenfassung einer Diskussion auf Burbuja.info - Foro de economía, actualidad y política., aus dem Spanischen übersetzt und vor der Veröffentlichung geprüft. Die ganze Diskussion lesen (238 Antworten).

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