Gold steigt von 775$ auf 1.200$ – niemand kennt die Obergrenze
Im Herbst 2008 notierte eine Unze Gold bei 775 Dollar, und die Frage war, warum das Metall nicht die oft versprochenen 2.000 Dollar erreicht hatte. Wer nach fremden Ratschlägen kaufte, erlitt Verluste durch den Einbruch. Fünf Monate später überschritt dieselbe Unze die Marke von 1.200 Dollar, und wer aus Angst verkauft hatte, ärgerte sich. Die langfristige Beobachtung des Edelmetalls hinterließ eine unbequeme Lektion: Der Konsens lag falsch, aber in beide Richtungen.
Der Auslöser der ersten Klagen war ein konträrer Kauf. Ein Investor gab zu, Gold aufgrund externer Tipps gekauft zu haben, während der Preis fiel und der Ölpreis von fast 150 auf 90 Dollar abstürzte. Weder Aktien, noch Immobilien, noch Gold. Die Ironie war allgegenwärtig: Ob Weltuntergangs-Propheten oder jene, die Wertsteigerungen von 150% vorhersagten – keiner wusste, wann welches Szenario eintreten würde.
Der Crash von 2008, den kaum jemand ernst nahm
Der Ausgangspunkt war nicht optimistisch. Die Diskussion begann unterhalb von 800 Dollar pro Unze, einem Niveau, das viele nach dem Hochpunkt im März 2008 für unmöglich hielten. Auf dem Tisch lag eine Debatte, die bis heute offen ist: Einige argumentierten, Gold sei genauso blasenanfällig wie Immobilien, wobei man zumindest in ein Haus ziehen könne; andere entgegneten, Gold sei keine Rohware, sondern eine Versicherung gegen das Bankensystem. Diese zweite Sichtweise wiederholte sich wie ein Mantra: Wir kaufen Gold nur als Schutz vor dem Verfall des Systems.
Die Parallele zum Immobilienmarkt wurde zum häufigsten Argument. Wenn Neubauten in Madrid laut konkreten Fällen innerhalb von zwei Jahren um 17% fielen – Projekte, die von 600.000 auf 450.000 Euro sanken, ohne Käufer zu finden –, warum sollte Gold dann immun gegen Angebot und Nachfrage sein? Die meistzitierte Antwort lautete: Weil das Angebot nicht so schnell wächst wie das Papiergeld. Eine zirkulierende Analyse bezifferte den Goldpreis der Krise von 1980 auf lediglich 131 Dollar (heutige Kaufkraft), also praktisch geschenkt.
Der Durchbruch zur 1.000-Dollar-Marke
Mitte 2009 änderte sich das Klima. Die Unze näherte sich 984 Dollar und dann 986,80. Die Kommentare häuften sich: Es sei die letzte Chance, unter 1.000 Dollar zu kaufen. Im September fiel die Barriere, und das Handelsvolumen schoss in die Höhe. Das dominante Argument war simpel: Mit dem Bruch der psychologischen Marke von 1.000 Dollar stand einer weiteren Rally nichts mehr im Weg.
Die Prognosen wurden präziser. Ein vielzitiertes Modell setzte ein Ziel von 1.318 Dollar basierend auf dem Durchbrechen der 1.000er-Marke, was je nach Währungskurs etwa 790 Pfund oder 900 Euro entsprach. Ende 2009 pendelten die Kurse zwischen 1.139 und 1.145 Dollar. Und doch wiederholte sich das Verhaltensmuster: Wer auf eine Korrektur wartete, um einzusteigen, sah den Zug abfahren. Es ist sehr wahrscheinlich, dass wir nie wieder unter 1.000 Dollar fallen, warnte eine der klarsichtigsten Analysen.
Blase oder sicherer Hafen? Der ungelöste Streit
Der Kern des Konflikts war nie der Preis, sondern die Natur des Metalls. Manche behaupten, Gold sei Geld, und Fiat-Geld sei nichts weiter als ein Versprechen eines privaten Akteurs namens Zentralbank. Nach dieser Logik wird Gold nicht gehandelt, sondern gehortet. Die gegenteilige, ebenso fundierte Ansicht besagt, dass alles Steigende auch fällt, und wer am Höchststand kauft, um später zu verkaufen, zahlt drauf.
Die Jahreszahlen nährten beide Lager. Der Dollar verlor seit Dezember 2008 rund 20% an Wert, was alle Assets, die in Greenbacks gemessen werden, katapultierte: Gold, US-Exportunternehmen, Schwellenländer. Rohstofffonds legten im Geschäftsjahr mehr als 70% zu. Für Laien stellte sich die rhetorische Frage: Wenn Gold explodiert, warum behalten die Verkäufer es nicht selbst? Die gängigste Antwort war die Gebühr, die bei physischem Gold 20% betragen kann und in angespannten Zeiten bis zu 30%.
Physisches Gold vs. Papiergold: Was man wirklich besitzt
Hier wurde die Beobachtung detailliert. Der internationale Spot-Preis reicht nicht: Hinzu kommen Lieferung, Lagerung, Transport, Versicherung, Zölle und Steuern. Der COMEX-Preis ist nicht der Preis der Münze im Laden. Mehrere Beiträge betonten denselben Punkt: Wer vom Papierpreis profitieren will, muss Futures oder Bank-Goldkonten nutzen und dabei das Insolvenzrisiko des Instituts eingehen.
Dann war da das Problem der Knappheit. Ein Teilnehmer berichtete, dass mehrere Shops keine Münzen mehr verkauften und ihn baten, selbst welche anzubieten. Ein anderer verwies auf Dubai als Indikator: Dort gab es noch Ware, aber interessante Lose waren Mangelware. Das Geschäft mit dem Ankauf von Altgold („Compro Oro“) spürte, dass jeder Verkäufer sein Gold nur einmal hat. Bald werden sie mangels Verkäufern schließen müssen.
Die Manipulations-Theorie: Fed, COMEX und GATA
Ein Großteil der Diskussion drehte sich um den Verdacht der Manipulation. Eine Antwort der Federal Reserve bestätigte Swap-Vereinbarungen mit ausländischen Banken, gedeckt durch Transparenzausnahmen. Für Kritiker fasste dies den gesamten Betrug zusammen. Gold ist billig, weil der Preis manipuliert wird, lautete eine wiederkehrende These: Wenn die Manipulatoren aufhören, schießt der Preis in die Höhe.
Der COMEX war ein weiteres Schlachtfeld. Eine Analyse wies auf einen technischen Detail hin: Rekordumsätze bei kaum veränderter offener Position (Open Interest). Die Interpretation: Banken drücken den Preis mit Papierverkäufen, während große Spieler die Gegenposition beziehen. Offiziell kündigte die CFTC Berichte mit vier Händlerkategorien an, um Licht in die Positionen von Swap-Händlern und Fondsmanagern zu bringen. Regeln erklären nichts, meinte ein anderer Nutzer, sie passieren einfach und hinterlassen Spuren.
China, Zentralbanken und das gehortete Gold
Während der Preis stieg, veränderte sich die Landkarte des Goldes. China produzierte in den ersten sieben Monaten 172,9 Tonnen, ein Plus von 13,4% gegenüber dem Vorjahr, und hatte 2008 Südafrika als größten Produzenten abgelöst. Chinas Bergbauunternehmen schauten ins Ausland, mit Projekten in Nordkorea. Ein chinesischer Beamter deutete an, dass die Dubai-Krise eine Chance sein könnte, Reserven in Gold oder Öl umzuschichten.
Eine vielgelesene Analyse argumentierte, China führe einen Wettlauf gegen die Zeit: Es stütze mittelfristig den Dollar, um seine Billionen an Staatsanleihen loszuwerden, bevor diese wertlos würden, und übe gleichzeitig Druck auf ressourcenreiche Länder wie Kanada und Australien aus. Die chinesische Nachfrage könnte in diesem Jahr 450 Tonnen übersteigen (Vorjahr: 395,6), und manche berechneten, dass bei steigenden Beständen des asiatischen Riesen der Goldpreis 2.600 Dollar erreichen könnte. Die Zahl blieb eine Hypothese, keine Prophezeiung.
Schlangen vor der Casa de Moneda und der Boom beim Altgold-Ankauf
Ein Bericht aus Mexiko-Stadt illustrierte das Phänomen. Im einzigen zugänglichen Shop der Casa de Moneda (Münzprägestätte) standen anfangs nur zwei Kunden an. Vier Wochen später gab es sechs Warteschlangen. Beim letzten Besuch im November musste man 25 Leute vor sich lassen. Es war kein Gehaltstag. Es waren einfach Menschen, die Metall kauften, und die relative Knappheit zeigte sich auch in den Rückkaufpreisen.
Parallel dazu ordnete der World Gold Council die Dimensionen. Historisch gesehen wurden geschätzt 163.000 Tonnen Gold gefördert: 83.600 in Schmuck, 27.300 in Barren und Münzen, 28.700 in offiziellen Reserven. Das Recycling von Schmuck zu Anlagegold lief auf Hochtouren, hatte aber Grenzen. Neue Minen zu erschließen dauerte zu lange.
Technik vs. Fundamentalanalyse: Der Methodenstreit
In den letzten Abschnitten ging es nicht mehr um den Preis, sondern um dessen Vorhersage. Fundamentalisten argumentierten, dass alle Assetklassen in der Vorwoche gefallen seien und sich Fundamentaldaten nicht binnen sieben Tagen um 20% ändern könnten. Techniker hielten dagegen, dass der Zeitpunkt des Einstiegs genauso wichtig sei wie das Objekt. Die einzige Synthese war altbekannt: Nichts funktioniert allein, und manchmal auch nicht kombiniert.
Die Debatte wanderte zu den Aktienmärkten. Diskutiert wurde, ob Gold steigt, wenn Aktien fallen, oder mit ihnen. „Am selben Tag fällt es, mittelfristig steigt es“, fasste eine erfahrungsbasierte Regel zusammen: Die besten Tage für Langfrist-Investitionen in Gold sind Tage, an denen Aktien und Gold gleichzeitig fallen. Dahinter stehen Margin-Calls: Wer Gold statt Cash hält, muss es verkaufen, um Positionen zu decken.
Wie die Diskussion endete – oder eben nicht
Das Ende kam aus technischen Gründen: Das Nachrichtenvolumen überlastete die Plattform. Der Moderator schloss den Thread mit der Bitte, einen neuen zu öffnen. Weder eine finale Korrektur, noch ein Crash, noch ein fünfmaliger Preissprung wie 1979 trat ein. Die Unze lag über 1.100 Dollar, weit entfernt von den versprochenen 2.000 und auch von den 775 Dollar des Startpunkts.
Die unbequeme Frage bleibt, dieselbe wie vor fast zwei Jahren: War es eine Blase, oder einfach ein Asset, dessen Kaufzeitpunkt niemand kannte? Wer seit 2008 Verluste trug, sah seine These bestätigt. Wer bei 800 Dollar kaufte und hielt, verbuchte eine Rendite von 55%, ohne etwas getan zu haben. Dazwischen eine Legion von Leuten, die Kerzenchart-Diagramme studierten, die sie nicht verstanden, und auf ein Hoch warteten, dessen Höhe niemand kannte.
Hinweis: Dieser Artikel fasst eine öffentliche Diskussion über den Goldmarkt zusammen. Er stellt keine Anlageberatung dar.
Zusammenfassung einer Diskussion auf Burbuja.info - Foro de economía, actualidad y política., aus dem Spanischen übersetzt und vor der Veröffentlichung geprüft.
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