Freundin überfahren, während sie ein Video dreht: Debatte über digitalen Narzissmus

Eine junge Frau filmt eine Story, während ihre Freundin überfahren wird. Das TikTok-Video löst eine Debatte über Narzissmus, Empathie und die Sucht nach sozialen Medien aus.

Deutsch · Ursprüngliche Diskussion auf Spanisch · Veröffentlicht

Ihre Freundin wird überfahren und sie dreht eine Story: die Kontroverse um den digitalen Narzissmus

Diese Woche hat ein TikTok-Video die Debatte über den Vorrang sozialer Medien vor echter Empathie neu entfacht. Eine junge Frau wird Zeugin, wie ein Auto ihre Freundin überfährt. Ihre erste Reaktion ist nicht, der Freundin zu helfen, sondern das Handy zu nehmen und eine 'Story' für ihre Trinc zu drehen. „Das Trauma­atischste meines Lebens", sagt sie, während die Kamera auf sie selbst gerichtet ist, nicht auf das Opfer. Das Video, auf ihrem Konto veröffentlicht, hat bereits Tausende Aufrufe gesammelt und eine Welle der Kritik ausgelöst.

Was hätte sie tun können? Die zwei Seiten der Debatte

Manche verteidigen die junge Frau: Da die Polizei bereits vor Ort war und der Krankenwagen unterwegs, hätte sie ohnehin wenig beitragen können. Das Filmen sei eine Art gewesen, den Schock zu verarbeiten, und der Fokus sollte auf dem Verhalten derjenigen liegen, die unbeteiligt untätig zusehen. Zudem wurde angemerkt, dass Polizisten Schaulustige üblicherweise wegschicken – vielleicht habe man sie gebeten, zurückzutreten.

Für die meisten ist die Reaktion des Mädchens jedoch das Symptom einer Generation, die jede Erfahrung in Content verwandelt hat. „Das Video zu machen bringt genau dasselbe wie neben der Freundin zu stehen", fassen manche zusammen. Die komplette Sequenz: der Unfall, der Schrei, das Handy in der Hand, die Erklärung des eigenen Traumas. Die Freundin ist derweil eine Nebenfigur in ihrem eigenen Unglück.

Filmen oder helfen: das Paradox des digitalen Zeitalters

Der Fall ist kein Einzelfall. Ähnliche Situationen sind dokumentiert: Hochzeiten, Unfälle, sogar medizinische Notfälle, bei denen sich das Handy zwischen Mensch und Realität schiebt. In diesem Fall hat die junge Frau nicht nur gefilmt, sondern das Video auch noch geschnitten und hochgeladen, während die Szene noch lief. Die Unmittelbarkeit sozialer Medien belohnt die schnelle Reaktion, nicht die Reflexion.

Manche Analysten sehen in diesem Verhalten ein Bedürfnis nach externer Bestätigung und den Verlust der Fähigkeit, in kritischen Momenten präsent zu sein. Content-creation ist zum Reflex geworden, fast so automatisch wie das Blinzeln. Und der Like ist das einzige Wertmaß.

Abschluss: Das Video ist viral gegangen. Die Freundin liegt weiterhin im Krankenhaus, über ihren Zustand gibt es keine aktuellen Nachrichten. Die Content-Creatorin sammelt derweil weiter Aufrufe und Kommentare ein. Die unbequeme Frage, die in der Luft hängt: Was, wenn wir alle einen kleinen Influencer in uns tragen, der im entscheidenden Moment den Like der Umarmung vorzieht?

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