Freiwillige Hypoxie: der Selbstheilungs-Schalter nach einem Vedanta-Philosophen
Ein katholischer Praktizierender hält beim Aufwachen den Atem bis zu zweieinhalb Minuten an. Es sei kein esoterischer Yoga, betont er. Es sei freiwillige Hypoxie, und laut einem kleinen Jugendwerk des Philosophen Ananda Coomaraswamy aktiviert sie den tiefen Herzknotenpunkt und das neuroimmunologische Netzwerk des Mediastinums und löst damit die Selbstheilung des Körpers aus. Stützt die heutige Wissenschaft diese Behauptung?
Die Technik: langsames Atmen und Entleeren der Lunge
Die beschriebene Methode ist auf dem Papier einfach: nach dem Aufwachen fünfzehn sehr langsame Nasenatmungen, ein- und ausatmend. Am Ende vollständig ausatmen und den Atem mit leerer Lunge so lange wie möglich anhalten. Drei bis vier Runden wiederholen. Nüchtern, so der Praktizierende, lassen sich zweieinhalb Minuten oder mehr erreichen. Er praktiziere das seit Jahren und schließe jedes esoterische Interesse aus.
Was sagt die Wissenschaft?
Kontrollierte Hypoxie wird in Kontexten wie Höhentraining oder Apnoetauchen erforscht. Die Behauptung jedoch, ein spezifischer „tiefer Herzknotenpunkt“ und ein „neuroimmunologisches Netzwerk“ als Selbstheilungs-Schalter zu aktivieren, findet in der peer-reviewten Literatur keine Unterstützung. Der Verweis auf Coomaraswamy, einen auf Symbolik spezialisierten Metaphysiker, verleiht dem Ganzen eine philosophische Aura, aber keine empirischen Daten. Ein skeptischer Teilnehmer ironisiert, „die Luft anzuhalten, damit die kleinen Blutgefäße wachsen“ sei nichts Neues, und empfiehlt stattdessen anaeroben Sport.
Die Quelle: ein tantrischer Text und ein vergessener Philosoph
Die Diskussion stützt sich auf „The Serpent Power“ von Arthur Avalon (Pseudonym von Sir John Woodroffe), einem Freund Coomaraswamys. Das Buch, zugänglich auf Archive.org, erforscht Kundalini und tantrische Techniken. Coomaraswamy, bekannt für seine Arbeiten über Kunst und Symbolik, schrieb kaum über Atemtechniken; dieses kleine Jugendbüchlein ist unter Fachleuten fast ein Geheimtipp. Für Befürworter ein Kleinod, für Skeptiker ein Museumsstück ohne klinische Anwendung.
Da keine Studien den Zusammenhang zwischen dem tiefen Herzknotenpunkt und der Selbstheilung durch Hypoxie belegen, bleibt die Methode im Bereich der Metaphysik und der mündlichen Überlieferung. Wer sie ausprobieren möchte, sollte wissen: Zwei Minuten ohne Luft sind nicht für jeden etwas.
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