Fallarás veröffentlicht 3.251 ungeprüfte anonyme Zeugenaussagen
Was passiert, wenn eine Liste von 3.251 Namen – oder besser gesagt, 3.251 mehr oder weniger identifizierbaren Beschreibungen – ohne jegliche Überprüfung einzelner Fälle zum Buchmaterial wird? Cristina Fallarás veröffentlicht am 11. November No publiques mi nombre. Testimonios contra la violencia sensual, ein 360-seitiges Werk für 23,90 Euro, das anonyme Zeugenaussagen enthält, die sie in den vergangenen 14 Monaten auf ihrem Instagram-Konto erhalten hat. Die zeitliche Nähe zum Rücktritt von Íñigo Errejón als Sprecher der Partei Sumar im Kongress hat die Kontroverse angeheizt. Die Autorin führt dies auf Zufall zurück: Das Buch sei bereits vor drei Monaten abgeschlossen worden.
Das Problem ist nicht das Buch selbst. Das Problem ist die Methode. Ein Instagram-Postfach, ohne Verifizierung, ohne Gegenrede, ohne Identifizierung der Parteien. Die Zeugenaussagen werden unverändert übernommen, ohne thematische Ordnung, denn – so argumentiert Fallarás – das Lesen von fünf Missbrauchsfällen hintereinander führe zu Toleranz. Das Ergebnis ist ein kollektives Gedächtnis des Schadens, das in der Praxis wie eine Verdächtigtenliste ohne Richter, ohne Anwalt und ohne Recht auf Gegendarstellung funktioniert.
Inhalt und Entstehung des Buches
Der Band versammelt anonyme Anschuldigungen wegen sens Gewalt, die Frauen an Fallarás' Konto gesandt haben, welches nach dem nicht einvernehmlichen Kuss von Luis Rubiales an Jenni Hermoso eingerichtet wurde. Es enthält eine Studie der Soziologin Nerea Barjola über das Phänomen #SeAcabó. Die Urheberrechte, die die Autorin als «gering» bezeichnet, werden über die Vereinigung Acción Comadres verwaltet, einem Kollektiv, dem unter anderem Fallarás selbst, Vicky Rosell, María Botto und Amparo Sánchez angehören.
Fallarás betont, dass die Arbeitsmonate «unbezahlt» seien und zum Aktivismus gehörten. Sie bestreitet, Zuschüsse erhalten zu haben: «Wir haben niemals einen Zuschuss erhalten, weder von 100.000 noch von 0 Euro von irgendeiner Institution». Das Dossier enthält eine Rezension von Irene Montero, Europaabgeordnete und ehemalige Ministerin für Gleichberechtigung. Der Veröffentlichungstermin am 11. November wurde aufgrund seiner Nähe zum 25. November (Tag gegen Gewalt an Frauen) gewählt.
Kernproblem: Benennen ohne Verifizierung
Hier liegt der Kern der Sache. Die Zeugenaussagen werden nicht überprüft. Die Genannten werden nicht identifiziert. Es gibt keinen Verifizierungsprozess. Und dennoch sind die Beschreibungen – «ein Gewerkschaftsaktivist, Anarchist und Kellner», «ein ehemaliger Präsident und Bürgermeister von Madrid», «Creative Director bei Ogilvy», «ehemaliger Marketingdirektor bei Warner Bros», «ein Fußballspieler von Real Madrid» – spezifisch genug, damit jeder Leser mit entsprechendem Kontext Gesicht und Name zuordnen kann.
Manche behaupten, dies komme einer Verurteilung ohne Prozess gleich. Das Gegenargument, das die Autorin verteidigt, lautet, es gehe darum, Opfern eine Stimme zu geben, die keinen institutionellen Weg finden. Beides kann gleichzeitig wahr sein. Was aber nicht akzeptabel ist, ist, dass der einzige Beweis eine anonyme Zeugenaussage in einem 23,90-Euro-Buch ist.
Vom Fall Errejón zur Liste der 3.251
Der Rücktritt von Íñigo Errejón als Sprecher von Sumar im Kongress, beschleunigt durch anonyme Anschuldigungen, die auf demselben Konto verbreitet wurden, fungierte als Katalysator. Fallarás beharrt darauf, dass die Übereinstimmung «purer Zufall» sei und dass ein Buch «komplex genug in Herstellung, Editierung und Verbreitung» sei, um es nicht an aktuelle Ereignisse anzupassen. Die Chronologie lädt jedoch zum Zweifel ein: Die Ankündigung des Vorverkaufs kam kurz nach dem Fall Errejón.
Der Dominoeffekt war sofort spürbar. Was als Mechanismus begann, sens Gewalt sichtbar zu machen, entwickelte sich zu einer offenen Liste von Verdächtigten, die täglich wächst. Und hier taucht die unbequeme Frage auf: Wie viele dieser 3.251 sind Täter und wie viele sind Männer, die eine sens Begegnung hatten, die die andere Seite im Nachhinein neu interpretierte?
Kritik: Unschuldsvermutung und Inquisitions-Effekt
Ein Teil der Analyse behauptet, dies sei eine Inquisition 4.0: Anschuldigen ohne Beweise, Benennen ohne Prozess, Verurteilen ohne Verteidigung. Argumentiert wird, dass das Justizsystem genau dafür existiere, Fakten zu verifizieren, und dass dessen Ersetzung durch ein Instagram-Postfach ein zivilisatorischer Rückschritt sei, kein feministischer Fortschritt. Der Vergleich mit dem nationalsozialistischen Deutschland, der in manchen Nachrichten gezogen wird, ist übertrieben und nicht haltbar, deutet aber auf eine reale Angst hin: Die Mechanik des anonymen Denunzianten endet immer schlecht.
Eine andere, differenziertere Strömung weist auf das Problem der nachträglichen Reinterpretation hin. Wenn eine Frau eine einvernehmliche Beziehung führt und diese drei Jahre später als Missbrauch neu bewertet, wo bleibt dann die Einwilligung? Und wo die Unschuldsvermutung des Genannten? Das Strafrecht verlangt mehr als ein rückblickendes Gefühl.
Verlagswirtschaft und Aktivismus
Es gibt einen wirtschaftlichen Aspekt, den man nüchtern betrachten sollte. Ein 360-Seiten-Buch für 23,90 Euro, mit Vorverkauf, Rezension einer ehemaligen Ministerin und kostenloser Promotion in Medien und sozialen Netzwerken. Die Rechte gehen an eine Vereinigung. Fallarás besteht darauf, dass das Buch «nie Geld bringt». Das mag sein. Aber das Modell – anonymes Postfach, Buch, Vereinigung, bestrittene Subvention – hat eine Struktur, die zumindest eine kalte Analyse verdient.
Die grundlegende Debatte ist nicht, ob sens Gewalt existiert. Sie tut es. Die Frage ist, ob die richtige Antwort eine anonyme Liste ohne Verifizierung ist oder ein Justizsystem, das trotz aller Mängel Beweise verlangt. Die Antwort ist, so unangenehm sie auch sein mag, nicht offensichtlich.
Zusammenfassung einer Diskussion auf Burbuja.info - Foro de economía, actualidad y política., aus dem Spanischen übersetzt und vor der Veröffentlichung geprüft.
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