Zinsen bei 4,25 % und drei Sitzungen: Wie weit kann die EZB gehen?
Europa hat die Leitzinsen einen Punkt unter denen des übrigen entwickelten Westens, verzeichnet aber dennoch die höchste Inflation und das geringste Wachstum. Diese Paradoxie ist der Ausgangspunkt: Die EZB tagt erneut bei einem Geldpreis von 4,25 % und hat nur noch drei Termine vor sich, bevor das Jahr 2023 endet. Die Frage ist nicht mehr, ob es eine Erhöhung gibt, sondern wie viel Spielraum bleibt, bevor die Medizin den Patienten tötet.
Die unabhängige Haushaltskontrollbehörde AIReF (Autoridad Independiente de Responsabilidad Fiscal) verschleiert laut Teilnehmern des Debattenkreises nicht länger die Stagnation im dritten Quartal; das vierte Quartal dürfte kontraktiv sein. Angesichts dieses Bildes argumentieren einige, dass ein Viertelprozentpunkt zu wenig sei und Europa auf 5 % zusteuern sollte, um den Euro gegen die Stagflation zu legitimieren. Die vorsichtigere Fraktion warnt hingegen, dass weitere Zinserhöhungen bei explodierenden Hypothekenzinsen und erstickenden Unternehmen eine Abkühlung in etwas deutlich Schlimmeres verwandeln.
Wie viel Spielraum für Zinserhöhungen bleibt?
Die kursierenden Spannen sind breit und basieren alle auf derselben Beobachtung: 4,25 % reichen nicht aus für jene, die die Differenz zu den USA betrachten. Das aggressivste Szenario setzt die Obergrenze bei 5,25 % und schließt Erhöhungen selbst in einer Rezession nicht aus; bei einem neuen geopolitischen Funken könnte die Zahl auf 6 % springen, während die Wirtschaft schrumpft. Ein oft wiederholtes Zwischenszenario sieht 5 % als Mindestziel an, um den Euro mit dem Rest des Westens gleichzuziehen.
Auf der anderen Seite ist die häufigste Wette eine einzige Bewegung von 0,25 Punkten. Die Logik ist weniger ökonomisch als eher haushaltspolitisch: September ist ein schlechter Monat für drastische Entscheidungen, und Oktober rückt näher. Es gibt auch einen dritten, minoritären, aber festen Weg, der eine Erhöhung direkt ausschließt, weil die Politik schwerer wiegt als die Technik. Für jene, die keinen weiteren Anstieg sehen, erscheint 4,5 % als Zyklus-Obergrenze.
Die Stagflation, die die EZB nun anerkennt
Der Wandel der offiziellen Erzählung ist das Bemerkenswerteste der letzten Wochen. Auf der Pressekonferenz räumte die EZB-Präsidentin laut Debatte ein, dass Europa in die Stagflation eingetreten ist, und deutete an, dass in einem solchen Szenario alles außer der Inflationsbekämpfung sekundär wird. Für jene, die seit langem warnen, dass die Zinsen zu spät kommen, ist dies die Bestätigung, dass die Institution hinter der Kurve liegt, nicht davor.
Die Nuance ist wichtig: Eine Diagnose anzuerkennen bedeutet nicht, das richtige Mittel zu finden. Die Apokalyptiker erinnern daran, dass Imperien länger überleben, indem sie Bilanzen fälschen, als die Logik nahelegt, und dass die EZB seit Monaten Festigkeit verspricht, während jede Sitzung auf Messers Schneide entschieden wird. Glaubwürdigkeit ist in der Geldpolitik ein Asset, das verbraucht wird.
Warum Zinserhöhungen die Ursache der Inflation nicht bekämpfen
Hier liegt der technische Kern der Sache. Das klassische Rezept – Geld verteuern, um die Nachfrage abzukühlen – funktioniert, wenn das Problem übermäßiger Konsum ist. Mehrere Teilnehmer verteidigen jedoch eine andere Diagnose: Der Motor der Preise ist die Energie, die sich durch die gesamte Produktions- und Lieferkette bis zum Endkunden fortsetzt. Zinserhöhungen machen weder Megawattstunden noch Barrel billiger. Wenn die Energierechnung wieder steigt, beginnt der Prozess von vorn.
Deutschland illustriert dies laut einem Teilnehmer ohne Scheu: Bundesweite Hilfen von über 20 Milliarden zur Dämpfung der Energiepreise, während die darauf erhobenen Steuern unverändert bleiben. Der Staat nimmt ein und verteilt, die Inflation weicht nicht zurück, und der Steuerzahler zahlt doppelt. Mit diesem Design ist jede Zinserhöhung eine zusätzliche Belastung für eine Wirtschaft, die nicht an Übernachfrage krankt.
Hypotheken, KMU und die Last teurer Kredite
Die Kosten verteilen sich ungleich. Die Finanzierung verteuert sich für Privatpersonen und kleine Unternehmen, während große Konzerne mit Marktzugang den Druck aushalten. Die wiederkehrende Kritik lautet, dass Hausbesitzer und Selbstständige belastet werden, während systemrelevante Akteure indirekt geschützt werden. Die Sarracena von 2006–2008 wiederholt sich mit bitterem Beigeschmack: Nicht der Reiche wird reich, sondern der Schuldenfreie.
Auf der anderen Seite des Atlantiks sehen manche die Warnung als greifbar an: Zahlungsausfälle bei Kreditkarten und der Zusammenbruch kleiner Banken wegen Nichtzahlungen nähren die Idee, dass der Zyklus zuerst die Basis der Pyramide trifft. Es sind nicht die Anleihen, so ihre These, sondern der Alltag der Familien, der anfängt zu bröckeln.
Die Fed gibt den Takt vor, Europa folgt nach
Das andere gewichtige Argument ist die Synchronisation. Die USA wachsen gut, und ihre Zentralbank hält den Druck aufrecht; wenn Europa abfällt, bestraft das Zinsdifferential den Euro. Die These, dass der alte Kontinent Geisel des amerikanischen Zyklus ist, hat viele Befürworter. Die US-Wirtschaft überhitzte sich, während das europäische Szenario sich ständig verschlechterte – genau das Gegenteil dessen, was die Orthodoxie erwartete.
Mit der Fed, die den Trend vorgibt, und der EZB, die spät korrigiert, bleibt die unbequeme Frage: Wenn das Problem angebotsseitig ist und nicht nachfrageseitig, wie stark kann man drücken, bevor etwas bricht, das bereits Risse aufweist?
Es bleiben drei Sitzungen und eine Entscheidung. Die Inflation liegt über dem Ziel, die Aktivität erlischt, und teure Kredite sind bereits auf jedem Lohnzettel eines variablen Hypothekennehmers spürbar. Erhöht die EZB und akzeptiert die Rezession, oder bleibt sie untätig und lässt die Stagflation ihr Mandat auffressen?
Zusammenfassung einer Diskussion auf Burbuja.info - Foro de economía, actualidad y política., aus dem Spanischen übersetzt und vor der Veröffentlichung geprüft.
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