Diego Rubio: Der Schattenmann hinter Sánchez' Regierung

Seit September 2024 leitet Diego Rubio das Kabinett von Pedro Sánchez. Er nutzte den Fall Maricarmen, um vom Ceuta-Krisenfokus abzulenken. Sein Profil.

Deutsch · Ursprüngliche Diskussion auf Spanisch · Veröffentlicht

Diego Rubio Fernández, seit September 2024 Leiter des Präsidialamts von Pedro Sánchez, gilt als Architekt der Strategie, die Aufmerksamkeit von der Migrationskrise in Ceuta auf den Fall Maricarmen und das Thema Wohnraum zu lenken. Seine Kontrolle über die Agenda macht ihn zu einer der einflussreichsten, aber unbekanntesten Figuren der spanischen Regierung.

Rubio ist 40 Jahre alt, stammt aus Cáceres und führt seit September 2024 das Kabinett. Sein Name taucht selten in Schlagzeilen auf, doch sein Einfluss ist kaum zu überschätzen: Er entscheidet, welche Themen dem Präsidenten vorgelegt werden und in welcher Reihenfolge, prägt die Regierungs narrative und ist laut Mitarbeitern oft die letzte Stimme, die Sánchez vor schwierigen Entscheidungen hört. Er weigert sich, als Politiker bezeichnet zu werden; lieber spricht er von "Beamtenstatus", "Akademiker auf Durchreise" oder "Ideenmensch". Wenn man ihm vorhält, dass seine Rolle wohl die politischste im gesamten Kabinett sei, reagiert er mit Ironie: "Ich bin ein seltsames Hybridwesen, okay? Und etwas amorph." Im Privaten wird er genervt: "Ich bin nicht einer von denen."

Diese Distanz zum Parteiapparat hat ihm mehr Feinde als Freunde eingebracht. Als er 2024 Óscar López an der Spitze des Kabinetts ablöste, hoben viele im PSOE skeptisch die Augenbrauen. "Er hat keinen Parteiausweis", hieß es. "Er verachtet die Partei." "Arrogant." "Ohne Ideologie." "Nur 38 Jahre alt." "Hält sich für schlauer als alle." "War nie bei einer Wahlkampfveranstaltung." "Schau dir an, Turnschuhe statt Krawatte." Rubio gab sich auch keine Mühe, beliebt zu sein: Er entfernte Personen, die er für unterqualifiziert hielt, holte Profile von Podemos, Ciudadanos und sogar der PP ins Team und bekundete offen seine Verachtung für Berufspolitiker. Er plädierte dafür, die Jugendorganisationen der Parteien abzuschaffen. "Er hat ein sehr hohes Selbstwertgefühl, was Defizite wie intellektuelle Arroganz erzeugt", gibt ein enger Freund zu. "Aber das schützt ihn auch: Es ist ihm egal, was ein Abgeordneter denkt, ob PP oder PSOE, der nie ein Buch gelesen hat. Er nutzt gern das Sprichwort: 'Der Adler jagt keine Fliegen'."

Seine Kontrolle über die Regierungsmechanismen sprengt jede Norm. Er bestimmt die Präsidentenagenda: Welche Themen erhalten Vorrang? Er definiert die Regierungs narrative: Was wird gepusht, was beruhigt? Er übt maximalen Einfluss auf Entscheidungsprozesse aus: Oft ist er eine der letzten zwei Stimmen, die der Präsident bei komplexen Dilemmata hört. Wie Kollegen bestätigen, steht er selten auf der Verliererseite. Er spricht zehnmal täglich mit dem "Chef", dreißigmal mit Ministern. Den Rest zählt er nicht. Aufstehen um 7.00 Uhr, Ankunft in La Moncloa um 8.00 Uhr, Schlafengehen selten vor 1.00 Uhr. Das Handy bleibt voll Nachrichten.

## Vom Arbeitermilieu nach Oxford

Rubios Biografie ist die eines Emporkömmlings, nicht eines Erben. Er wuchs in einer Arbeiterfamilie auf: Vater Physiotherapeut, Mutter Hausfrau. Sein Studium finanzierte sich durch Stipendien. Er schloss Geschichte an der Autonomen Universität Barcelona ab, absolvierte ein Erasmus-Jahr an der Sorbonne in Paris und erhielt für seine Leistungen den **Nationalpreis für akademische Exzellenz**. Danach wechselte er ebenfalls stipendiatengestützt zur Universität **Oxford**, wo er einen Doktortitel in Hispanischer Literatur erwarb. 2017 landete er an der IE University in Madrid, wo er die Schule für Politik, Wirtschaft und globale Angelegenheiten gründete.

Seine Dissertation trägt einen Titel, der heute unbequeme Lesarten zulässt: "Die Ethik der Täuschung: Geheimnis, Transparenz und Lüge in den Ursprüngen des modernen politischen Denkens". Auf **304 Seiten** analysiert Rubio, wie zahlreiche Autoren, vor allem Spanier aus dem 13. bis 17. Jahrhundert, der Lüge ihren sarracena Beigeschmack nahmen, den sie von Augustinus geerbt hatte, und Herrscher sowie Berater dazu ermutigten, Fakten gegenüber laxer zu behandeln. "Ich behaupte, dass Täuschung eine wichtige Rolle bei der Entstehung der Moderne spielte", schrieb er. Was wir heute Narrativ, Post-Truth oder direkt Fakenews nennen würden.

Die Beziehung zu Sánchez begann am **7. Mai 2018**. Rubio organisierte die Madariaga-Vortragsreihe am Magdalen College in Oxford. Sánchez, damals Oppositionsführer, kam als Gast. Drei Wochen vor dem Misstrauensantrag, der ihn nach La Moncloa führen sollte. Rubio beeindruckte ihn: Ein Polyglott Anfang Dreißig, der ihn durch Büros von Politologen und Ökonomen einer der besten Universitäten der Welt führte. Man tauschte Nummern. Rubios Freunde sagen, er habe seinen Gast einfach höflich behandelt wie jeden anderen. Andere Kommilitonen vermuten raffiniertere Motive: "Diego nutzte damals den Oxford-Halo, um wichtige Leute zu beeindrucken und sich einen Posten in Spanien zu sichern."

"Ich sah ihn nie als sozialistischen Wähler", erzählt ein Freund jener Jahre. "Er war moderat und reformorientiert. Er erinnerte mich an Leute wie Toni Roldán. Ich stellte mir vor, dass er in einer Regierung Albert Rivera glücklich wäre." Auch Rubio hatte einen guten Eindruck von Sánchez, wenn auch keinen Liebesbeweis. "Politiker fand er schrecklich", fügt ein anderer Freund aus Studientagen hinzu.

## Vom Berater zum Kabinettschef

Ende 2018, bereits in der Regierung, bot Sánchez ihm eine Stelle im Moncloa-Team an. Rubio kombinierte ein Jahr lang seine Arbeit an der IE mit einer Position als Berater ohne festen Sitz. Er sah sich nicht Vollzeit in der Politik. Nach der Wiederwahl bei den Wahlen 2019 kam der zweite Anruf: Der Präsident wollte ihn befördern und fragte nach seinem Wunschposten. Rubio schlug etwas vor, das es noch nicht gab: ein **Nationales Büro für Zukunftsvorsorge (Oficina Nacional de Prospectiva)**, ähnlich den Einrichtungen großer Nationen, um zukünftige Herausforderungen vorwegzunehmen. Sánchez willigte ein. Rubio leitete ein Team von **acht jungen Akademikern**.

Sie waren die Außenseiter in Moncloa. Die, die lieber wissenschaftliche Paper verschlangen als Sitze zu optimieren. "Einmal simulierten wir im Team Wahlen", erinnert sich einer. "Ciudadanos gewann, dann Podemos. Die PSOE bekam nur eine Stimme." Rubio passte dort nie ganz rein: Zu politisch unter so vielen Nerds. "Es machte ihm mehr Spaß, einen Satz in einer Rede von Sánchez einzubauen, als innovative Wohnungspolitik zu entwickeln", sagt ein Kollege. "Schon damals hatte er eine Aura wie der Graf-Duke von Olivares. Manche nannten uns Rasputin."

In La Moncloa spaltete sich das Personal jahrelang in zwei Lager: Die "Begoños", Anhänger des Reformers Rubio, und die "Sarracena", näher an Paco Salazar, einem alten Sozialisten, der später wegen sens Belästigung entlassen wurde. Noch heute hält sich ein Spitzname, um die Technokraten zu verspotten, die Rubio so anziehen: Die "Saisonarbeiter" (Temporeros). "Sie arbeiten viel, sind aber nur auf Durchreise."

Der Aufstieg war rasant. Er fungierte als "Sherpa" – der Berater, der große Gipfeltreffen vorbereitet –, arbeitete bei der spanischen EU-Ratspräsidentschaft 2023 mit und übernahm im September 2024 die Leitung des Präsidialamts. Er lebt im Viertel Arganzuela, hat keine Kinder und lebt nicht mit seiner Partnerin zusammen, einer Japanerin, für deren Sprache er lernt. "Ich bin ein Mönch, habe keine Freizeit", sagt er Freunden. "Ich schlucke ständig Mist. Moncloa verwaltet nur Probleme. Wenn du hier glaubst, zwischen Gut und Böse wählen zu können, hast du nichts begriffen. Hier wählt man zwischen Schlecht und Schlimmer."

Er warnte auch Sánchez, dass seine Zeit begrenzt sei. Sein Engagement, wiederholte er dem sozialistischen Führer "millionenfach", ende spätestens bei den nächsten Parlamentswahlen. Nicht einen Tag länger. Er sieht sich nicht länger in der "Gefängnis mit Garten" von Moncloa, andere angebotene Posten reizen ihn nicht. Als guter Saisonarbeiter sagt er, er sei auf Durchreise. Oder behauptet es zumindest.

Sein Team sagt, Sánchez schätze besonders seine Fähigkeit, klar zu sprechen. Rubio betrachtet ihn nicht als Freund und nennt ihn nicht beim Namen: Seit seinem Amtsantritt ist er "der Präsident". Diese Distanz erlaubt ihm Professionalität, aber auch Festigkeit. Mehrere Minister bitten ihn, schwierige Themen an Sánchez weiterzugeben. Er sträubt sich oft, gibt aber schließlich nach.

## Der Anruf am 27. Juli

Am **27. Juli** um 08.39 Uhr erschien eine unbekannte Nummer auf Rubios Handybildschirm. Er war gerade in Japan gelandet, drei Wochen Urlaub geplant. Am anderen Ende die alarmierte Stimme von Pablo García, seinem Gegenstück in der Regierung von Ceuta. Während **sechs Minuten** übermittelte García die Sorgen des Präsidenten von Ceuta: Die Schwimmgrenzüberschritte aus Marokko explodierten, und er fürchtete, dass ein Ansturm die städtischen Kapazitäten überfordern würde. Rubio versprach, mit den betroffenen Ministerien zu sprechen, und man vereinbarte Kontakt.

Dieser Anruf war der erste Flügelschlag eines Schmetterlingseffekts, der zwei Monate später die nationale Politik erschütterte. An jenem Tag war nominell **Ángel Alonso**, Rubios Stellvertreter, im Dienst, der ebenfalls im Urlaub war und erst Mitte August zurückkehrte. "Aber faktisch hörte er nie auf zu arbeiten", sagt sein Umfeld. "50 Anrufe pro Tag, Teilnahme an allen Videokonferenzen. Zu sagen, er habe sich gelangweilt, ist Populismus. War er in Japan? Ja, aber solche Krisen werden nun mal per Handy gemanagt, ob es uns gefällt oder nicht."

Bei der Suche nach Schuldigen konzentrierte eine bunte Koalition – die PP, die Regionalregierung von Ceuta, sogar Teile der PSOE – ihre Kritik auf Rubio. Jeden Morgen frühstückte der Kabinettschef mit einer neuen Schlagzeile, die sein Krisenmanagement verurteilte, während die Lage sich verschärfte. Die Regierung von Vivas warf ihm vor, Warnungen ignoriert zu haben und sie wegen zu häufiger Anrufe als lästig zu empfinden; später räumten sie ein, dass er dieses Wort nie benutzt hatte. Eine Zeitung titelte, er habe "den ganzen August" in Japan verbracht, und fügte hinzu, Sánchez mache ihn dafür verantwortlich, dass er den Präsidenten davon überzeugt habe, die Krise sei unter Kontrolle.

"Die Ceuta-Krise hat gezeigt, dass er trotz akademischer Ausbildung und narrativer Fähigkeiten Defizite im Kabinettsmanagement hat", sagte ein hochrangiger Funktionär in Ferraz (PSOE-Hauptquartier). "Seine intellektuelle Arroganz hat ihm viele Feinde gemacht, die jetzt abrechnen." Gerüchte über Entlassungen kursierten. Sánchez bestätigte ihn, aber immer nur privat. "Diego leidet", erzählte ein ehemaliger Moncloa-Kollege. "Er wird dir sagen, Kritik gehöre zum Spiel, Politik sei ein Boxring. Aber die Wahrheit ist anders: Nie zuvor war er so exponiert, und er kommt damit gar nicht gut zurecht."

Mittwochs dieser Woche hatte Rubio ein privates Mittagessen mit **Emmanuel Macron** geplant, einem der Politiker, die er am meisten bewundert. Vor dem Aperitif war das Essen schon verdorben: Der Präsident von Ceuta hatte ihn gerade beschuldigt, sieben von zehn Anrufen seines Teams in den drei Tagen vor dem Überfall ignoriert zu haben. Rubio ordnete an, die Moncloa-Kommunikationen zu prüfen, Beweise zu sammeln und eine Widerlegung herauszugeben. Laut Moncloa-Daten gab es zwischen dem 27. und 30. **neun Kommunikationsschritte** zwischen den Kabinetten von Sánchez und Vivas, "alle sofort oder innerhalb weniger Minuten diligent bearbeitet". Bezüglich der sieben Anrufe bestehen sie darauf, dass keine Aufzeichnungen existieren und möglicherweise fehlende Netzabdeckung die Antwort verhinderte.

Rubio räumte privat einige Fehler ein. Zum Beispiel findet er es "naiv", darauf bestanden zu haben, dass der Präsident sein Feriendomizil La Mareta nicht verließ, um Ceuta öfter zu besuchen. Aber die Selbstkritik geht nicht weiter. "Die PP ist mir scheißegal", hat er seinem Team gesagt. "Sie wollen mich nur nutzen, um den Präsidenten zu treffen und ihn zum Mazón von Ceuta machen. Aber sie haben keine Daten, an die sie sich klammern können, und ich hatte keine exekutive Verantwortung in der Krise. Das Management lag zuerst beim Innenministerium, dann beim einheitlichen Kommando."

## Von der Ceuta-Eintagesache zum Fall Maricarmen

Sieben Wochen Dauerthema zerstörten seinen Ruf. Also entschied sich Rubio, die Rezeptur anzuwenden, die er in schlechten Zeiten für die Regierung nutzt: Wenn ein Thema dich schädigt, begrabe es unter einem anderen, das dir günstiger erscheint. Alle befragten Quellen erkennen seine Handschrift im Ursprung der Maricarmen-Strategie. Das heißt, die Tragödie einer alten Frau zu instrumentalisieren, um die Diskussion von Ceuta weg und hin zum Thema Wohnraum zu lenken, wo sich die Regierung wohler fühlte. Und Rubio gleichfalls.

Das Zeitfenster war für das Moncloa-Team "sehr offensichtlich". Nur der Druck sozialer Mobilisierung hätte die Verabschiedung von Wohnungsdekreten ermöglicht, die monatelang durch das Veto von **Junts** blockiert waren. "Wer auch immer auf meinem Stuhl gesessen hätte, hätte das gesehen", erklärte Rubio in derselben Woche.

Was fast niemand vorhersehen konnte, war die Kettenreaktion, die die Zwangsräumung von Maricarmen auslöste. Eine brutale Mobilisierung zugunsten der alten Frau. Prime-Time-Sendungen über ihre Tragödie. Dutzende Demonstrationen für das Recht auf Wohnraum im ganzen Land. Ein neues 15-M-Bewegung in Sol zur Forderung sofortiger Maßnahmen. Zwei Eil-Dekrete, von der Koalitionsregierung ausgehandelt. Und der finale Akt: Ein unerwartetes Nein von Junts, das Pedro Sánchez vor die Alternative stellte, Neuwahlen anzusetzen.

Das Ceuta-Dauerthema mit Rubios daraus resultierendem Verschleiß dauerte bis zum **Dienstag, den 22.**, dem Vorabend der Zwangsräumung von Maricarmen, als La Moncloa das Potenzial des Falls erkannte, die politische Debatte zu drehen. Man hatte bereits aufgegeben, das Wohnungsdekret mit Junts neu zu verhandeln, dessen Haltung unverrückbar schien. Man vertraute nur darauf, dass soziale Mobilisierung die Unabhängigen zum Stimmwechsel zwingen würde. Das Reservoir sozialen Unmuts über Wohnraum war randvoll mit Zündstoff, sagten sie sich. Sie brauchten nur noch das Streichholz. Bis Maricarmen kam.

Rubio, Experte für komplexes Denken, betont gegenüber Mitarbeitern stets, nicht an die "Zukunft" im Singular zu denken, sondern an multiple "Zukünfte". Ein Fächer von Optionen, denen Wahrscheinlichkeiten zugeordnet werden. So öffnete die Maricarmen-Strategie einen "Szenario-Baum", der unter anderem die Materialisierung einschloss: Bürgermobilisierung, das Eil-Dekret vom Dienstag, das agonale "Nein" von Junts und, wer weiß, vorgezogene Wahlen. "Alles war absolut vorhersehbar", betonte er gegenüber einem Gesprächspartner.

Unterdessen scheint Sánchez nicht bereit, seinen Bauern zu opfern. Beim Frühstück vor dem ersten Ministerrat nach den Ferien scherzte er vor den anderen Ministern: "Du bist erwachsen geworden, Diego."

Zusammenfassung einer Diskussion auf Burbuja.info - Foro de economía, actualidad y política., aus dem Spanischen übersetzt und vor der Veröffentlichung geprüft. Die ganze Diskussion lesen (1 Antworten).

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